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Thomas Achenbach, Osnabrück: Trauermythen auf dem Prüfstand

Trauer wird erst durch trauern gelernt. Sich darauf vorzubereiten ist nicht möglich. Foto: Achenbach

Erkenntnisse über Verlust, Trauerprozesse und emotionale Reaktionen: warum Trauer individuell verläuft, Freude möglich bleibt und Mythen über Dauer, Bewältigung, Phasen oder Loslassen nicht zutreffen

Darauf angesprochen, warum sie denn so fröhlich gelacht habe und ob das denn schicklich sei, antwortete die frische Witwe: „Du, keine Ahnung, ich mache das auch gerade alles zum ersten Mal...“. Was für eine gelungene Retourkutsche. Und wie viel Wahrheit da drinsteckt.

Müssen Menschen, wenn sie jemanden verloren haben, denn wirklich ständig traurig sein? Dürfen sie auch Freude haben, obwohl sie in Trauer sind? Rund um das Thema Trauer halten sich viele Mythen und Halbwahrheiten. Stellen wir die gängigsten Annahmen einmal auf den Prüfstand.

1.) Trauer dauert etwa ein Jahr.

Wahrheitsgehalt: Etwa 25 Prozent. Fakt ist, dass das erste Jahr nach einem Verlust eine besondere Rolle spielt. Vor allem, weil es so viele „erste Male“ gibt, für die einem jegliche Erfahrung fehlen. Das erste Mal Weihnachten ohne den gestorbenen Menschen, das erste Mal sein Geburtstag, sein Todestag, und so weiter. Das gilt es erstmal auszuhalten.

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Doch danach ist die Trauer noch lange nicht vorbei. Die meisten Menschen, die diese Erfahrung bereits gemacht haben, würden vermutlich eine ganz andere Aussage treffen: Trauer dauert ein Leben lang. Wie intensiv sie ist, wie stark diese Wunden weiter bluten, das mag sich verändern, aber die Trauer bleibt. Lange. Sehr lange.

Bei nicht wenigen Menschen, die ich habe begleiten dürfen in ihrem Prozess, war übrigens das zweite Jahr noch mal schmerzvoller als das erste.

Wenn es überhaupt eine Grundregel gibt, dann ist es allein diese: Jede Trauer ist hochindividuell. Und sie dauer eben – solange, wie sie dauert.

2.) Wer in Trauer ist, der muss auch traurig sein.

Wahrheitsgehalt: Null Prozent. Was in Wahrheit mit Menschen nach einem Verlust geschieht, ist etwas ganz anderes: Viele von ihnen bekommen ein ganz neues Bewusstsein für die Gleichzeitigkeit in allen Dingen.

Wir können in ein und derselben Sekunde unseres Lebens todestraurig und trotzdem fröhlich sein. Das geht, das schließt sich nicht aus.

Wer einmal eine Trauergruppe besucht hat, wird diese Erfahrung vielleicht schon gemacht haben: Da geht es bei aller Traurigkeit oft sehr lustig zu. Trotzdem sind alle in Trauer. Sonst wären sie ja nicht dort.

3.) Wer seine Trauer nicht bewältigt, wird depressiv.

Wahrheitsgehalt: Null Prozent. Schon der Begriff „bewältigen“ führt in die Irre – als müsse man die Trauer mit Gewalt bezwingen. Doch Trauer will ausgelebt werden.

Der wichtigste Unterschied: Trauer ist eine gesunde Reaktion. Depression ist eine Krankheit.

Es gäbe weitere Mythen, etwa dass Trauer in Phasen verliefe oder man den Verstorbenen „loslassen“ müsse. Beides stimmt so nicht.

Eines jedoch lässt sich als allgemeingültige Botschaft am Ende noch sagen: Trauer wird erst durch trauern gelernt. Sich darauf vorzubereiten ist nicht möglich. Und das Einzige, worum es wirklich geht, ist das: Es auszuhalten. Dafür drücke ich von Herzen die Daumen.

Thomas Achenbach*


* Der Autor dieses Beitrages ist als zertifizierter Trauerbegleiter in Osnabrück aktiv. Im September 2026 erscheint sein neues Buch „Die Geschichte vom Lebensvogel, oder: Warum Trauer heilsam ist“ im Patmos-Verlag, begleitet von einer Lesetour durch Stadt und Landkreis Osnabrück. Infos: thomasachenbach.de . Einige kommende Vorträge/Lesungen/öffentliche Fortbildungen:

In Lingen am 18. 4. 2026 (Sa., 9–16 Uhr), Seminar „Zwischen Stärke und Stille, der Mann von heute und die Trauer“, über: Ludwig-Windthorst-Haus, Lingen, www.lwh.de

In Osnabrück am 29. 9. 2026 (Di., 19 Uhr), Lesung/Buchpremiere „Der Lebensvogel“ (Arbeitstitel), Bestattungshaus Baumgarte/Peistrup, Telefon 0541/59137

In Melle am 12. 11. 2026 (Do., 19 Uhr), Lesung „Der Lebensvogel“ (Arbeitstitel), Veranstaltungsort folgt, Hospizinitiative Melle, 0177/4131959

In Nordhorn am 7. 10. 2026 (Mi., 19 Uhr), Vortrag „Männer und Trauer – zwischen Stärke und Stillsein“, Stadtbibliothek, über: Hospizhilfe Grafschaft Bentheim, 05921/75400

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