Es gibt Stücke, die man betrachtet. Und es gibt Stücke, in die man hineingezogen wird, ob man will oder nicht. Hierzu gehört Beth Steels jüngstes Werk. Die Tragikomödie wird seit 2024 in London gefeiert und ist nun in Osnabrück erstmals auf einer deutschen Bühne zu erleben.
Nottinghamshire, Sommer 2022: Es ist der große Tag von Sylvia, der jüngsten von drei Schwestern. Denn sie heiratet ihren Verlobten Marek. Bier und Wodka fließen, Liebe und Verlust mischen sich miteinander, und während die Feier ihren Lauf nimmt, verändert sich alles. Alle Figuren scheinen auf einer tickenden Bombe zu sitzen, aber auf welche und wann geht sie hoch?
Beth Steel, die selbst aus der Bergbaugegend in England stammt, weiß, wovon sie schreibt. Sie hat den Niedergang der Kohleindustrie miterlebt, den Bergarbeiterstreik von 1984/85 und seine verheerenden sozialen Folgen. Die so genannten „left-behind“ towns, jene abgehängten Kleinstädte, die am Vorabend des Brexits zu politischen Brennpunkten wurden, sind ihr keine Abstraktion, sondern gelebte Erinnerung. Während hier bei Osnabrück das Bergwerk Ibbenbüren 2018 als eines der letzten deutschen Steinkohlenbergwerke schloss, wurden in England flächendeckend schon nach 1985 die Kohlewerke abgewickelt. Die starke kulturelle Prägung und Verbindungen der Bergleute sind aber trotz der zurückliegenden Zeit in der Familie immer noch gelebte Realität.
Und doch verweigert Steel die banale Sozialstudie. Stattdessen setzt sie auf die große Form: das Familiendrama, das von der ältesten bis zur jüngsten Generation reicht, in dem jede Figur ihr eigenes Gewicht hat, ihren eigenen Humor, ihre eigene Würde.
Immer wieder ziehen sich Risse durch den Familienzusammenhalt: Rassismus gegenüber Einwander*innen – besonders brisant, da Marek selbst polnischer Einwanderer ist –, die berufliche Aussichtslosigkeit und das Zerbrechen privater Träume. Eine Vereinzelung macht sich breit, die es den Figuren immer schwerer macht, einander wirklich zu verstehen. Dabei liegen auch großer Humor und Wärme in allem Scheitern und Zerbrechen. Die Figuren sind laut, herzlich, manchmal schmerzhaft komisch, und ihre Marotten sind uns meist näher, als wir wahrhaben wollen. Steel wechselt souverän zwischen der Unmittelbarkeit des Augenblicks und einer schwindelerregenden Weite: Diese Hochzeit, diese Familie, diese Gesellschaft - ein winziger Fleck auf der Zeitachse der Erde. Und trotzdem alles andere als bedeutungslos.
WENN DIE STERNE FALLEN
Beth Steel
Inszenierung: Christian Schlüter
Bühne und Kostüme: Anke Grot
Mit: Verena Maria Bauer, Lua Mariell Barros Heckmanns, Ronald Funke, Hans-Christian Hegewald, Stefan Haschke, Sascha Maria Icks, Thomas Kienast, Hanna Poniatowski/Eva Selinger, Lilly Theis, Monika Vivell
Premiere
Samstag, 11.04.2026, 19.30 Uhr, Theater am Domhof
Öffentliche Probe:
Samstag, 21.03.2026, 10.30 Uhr
THEATER MATCH
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08. Mai 2026,
Anmeldung: dramaturgie@theater-osnabrueck.de