An diesem ersten frühlingshaften Nachmittag ist der Innenhof vor der Theaterkantine gut gefüllt. Auch Susann Vent-Wunderlich nutzt die milden Temperaturen für einen kleinen Plausch. Gerade kommt sie von einer musikalischen Probe zu "Endstation Sehnsucht", der Oper von André Previn nach Tennessee Williams' gleichnamigem Schauspiel, in der sie die Blanche DuBois geben wird.
Etwas erschöpft setzt sich die Sopranistin zu uns. Anstrengend seien die musikalischen Proben diesmal, die wie immer lange vor den eigentlichen szenischen Proben begonnen haben. Obwohl alles so leichtfüßig im lässigen Parlando-Stil daherzukommen scheint, sitzt der Teufel im Detail.
Und bei diesem Stück nicht zu knapp. Normalerweise bietet der Part des Orchesters der Sängerin Orientierung und gibt an, "wo man seinen Ton herbekommt", erklärt uns Susann Vent-Wunderlich. Aber bei dieser Oper scheinen Orchester und Gesangspartie zwei verschiedene Wege zu gehen. André Previn, der sich vor allem als Dirigent einen Namen gemacht hat, arbeitet in seiner Oper gern mit clusterhaften Jazz-Klängen, die zwar außerordentlich reizvoll klingen, dem Sänger aber keinen tonalen Halt geben. Hinzu kommen schnelle Taktwechsel, die diese Oper für die Sängerinnen und Sänger zu einer "verflixt schwierigen Angelegenheit" machen.
Aber Land sei in Sicht, sagt Susann erleichtert. Langsam ordnen sich die Dinge im Kopf und sie habe eine Strategie entwickelt, wie sie sich diese Riesenpartie, mit der sie fast drei Stunden ununterbrochen auf der Bühne stehen wird, merken kann.
Für die Sopranistin, die seit 2012 zum Ensemble des Theaters Osnabrück gehört, sei diese Spielzeit fantastisch, schwärmt sie. Sie habe genau die "Magie", von der Blanche DuBois in ihrer zentralen Arie singt und die die Künstlerin Susann Vent-Wunderlich braucht wie die Luft zum Atmen. Drei extreme Frauencharaktere musste sie sich erarbeiten, und das nicht nur in sängerischer Hinsicht, sondern auch als Darstellerin.
Rollen, wie die Mörderin Lady Macbeth oder wie jetzt die latent psychisch gefährdete Blanche, fordern von ihr einiges ab. Man müsse in ihre dunkle Gedankenwelt eindringen, müsse versuchen herauszufinden, wie sie "ticken", um sie im wahrsten Sinne des Wortes "verkörpern“ zu können. Auch dann übrigens, wenn einem die Figur unsympathisch ist, betont Susann Vent-Wunderlich.
Den Anfang machte die Senta in Richard Wagners Oper "Der Fliegende Holländer“. In der bildgewaltigen Inszenierung von Dennis Krauß wurde Senta als kompromisslose Systemsprengerin gezeigt, die mit erhobener Faust nach knapp dreistündiger atemloser Spannung in den Strudel des Meeres springt und versinkt. Nicht minder intensiv folgte die Lady Macbeth in Verdis Oper "Macbeth", eine absolute Traumpartie für alle Sopranistinnen, die zugleich aber auch wegen ihrer enormen gesangstechnischen Herausforderungen gefürchtet ist. An der Seite ihres Bühnenpartners Theo Magongoma vermag Susann Vent-Wunderlich als schauerliche Psychopathin das Publikum seit der Premiere nicht nur zu fesseln, sondern eben auch zu berühren.
Und nun also die feinsinnig-überspannte Blanche in "Endstation Sehnsucht“. Zusammen mit dem Studienleiter Markus Lafleur am Klavier, erarbeitet sich Susann Vent-Wunderlich peu à peu im kleinen Korrepetitionszimmer die Partie, damit sie zu Beginn der szenischen Proben auswendig in jeder Situation abrufbar ist.
Previn, 1929 in Berlin geboren und 1938 mit seinen Eltern nach Amerika geflohen, sah sich musikalisch als Autodidakt. Die Filmmetropole von Los Angeles bezeichnete er als seine "Schule des Lebens“. Schnell gehörte Previn zu den gefragtesten Jazzpianisten der Szene, neben Billie Holiday oder Ray Brown. Selbst ein Einwanderer, fühlte er sich von Tennessee Williams' Drama angezogen. Schonungslos zeigt es die Brutalität von Zeitenwenden und die daraus resultierenden Brüche in der Gesellschaft auf. Previns Oper trifft erstaunlich genau den jetzigen Nerv der Zeit und geht in ihrer Emotionalität unter die Haut. Genau das war für Intendant und Regisseur Ulrich Mokrusch der Impuls, dieses Werk auf den Spielplan zu nehmen und es selbst zu inszenieren: "Endstation Sehnsucht, 1947 als Stück über den Epochenbruch in den USA geschrieben, ist heute eine Frage nach der Endstation unserer Sehnsucht nach einem freien, offenen Amerika."
ENDSTATION SEHNSUCHT
Oper von André Previn
Musikalische Leitung: Christopher Lichtenstein
Inszenierung: Ulrich Mokrusch Bühne: Timo Dentler
Kostüme: Okarina Peter
Mit: Susann Vent-Wunderlich, Jan Friedrich Eggers, Susanna Edelmann, Florian Wugk, Nadia Steinhardt, Mark Hamman, Vincent Debus, Chihiro Meier-Tejima
Premiere
Samstag, 02.05.2026, 19.30 Uhr,
Theater am Domhof
Öffentliche Probe: Samstag, 25.04.2026, 10.30 Uhr