Als die Handballer der HSG Nordhorn-Lingen sich am Donnerstag zum Krafttraining trafen, da herrschte beim Handball-Zweitligisten eine viel gelöstere Atmosphäre: "Das war eine ganz andere Stimmung und Energie“, berichtet Trainer Mark Bult, "alle wirkten viel freier.“ Einen Tag, nachdem die Mannschaft von Geschäftsführer Michael Jonker erfahren hatte, dass der ganz große Druck vom Kessel ist und der wirtschaftliche Träger des Zwei-Städte-Teams durch drei neue Gesellschafter finanziell stabilisiert worden ist, waren die Sorgen der Spieler um ihre Jobs und die Existenz des Vereins wie weggeblasen.
Sechs Punkte Abzug - "das nervt ein bisschen"
Was sich nicht mehr revidieren lässt: Die HSG startet mit der Hypothek eines von der HBL verhängten Sechs-Punkte-Abzugs in die Saison. Das kann eine Belastung sein. "Das nervt ein bisschen“, räumt Bult ein, der aber direkt nachschiebt: "Das kann aber auch ein Anreiz sein." Der Niederländer hegt schon die Hoffnung, dass das Kräfte freisetzen kann beim Tabellensechsten der vergangenen Saison. Denn: "Die Jungs sind schon echt heiß auf die Liga." Die vielen Berichte in den Medien, die Angriffe vor allem des Absteigers HSG Krefeld und die mit Halb- und Unwahrheiten behafteten Kommentare vor allem in Online-Foren haben Spuren hinterlassen - und könnten jetzt eine Wirkung entfalten: "Wir sind von vielen Seiten angegriffen und beschossen worden“, sagt der Coach, der sich gut vorstellen kann, dass seine Akteure daraus für die kommenden Aufgaben viel Motivation ziehen können. "Aufgeben war in den vergangenen Wochen nie eine Option“, sagt Bult kämpferisch.
Gerade mit den Abgängen von Torhüter Kristian van der Merwe, der beim Erstligisten Bergischer HC gelandet ist, und Spielmacher Björn Zintel, der nun wie der Ex-HSGer Jaris Tobeler im Trikot von Aufsteiger TV Emsdetten aufläuft, ist viel Erfahrung verloren gegangen. "Aber wir haben eine junge, wilde Truppe und wollen die Leute für den Handballsport begeistern“, lautet Bults Vorgabe. Und dass die Jungs um Kapitän Tarek Marschall durchaus das Zeug dazu haben, das wiesen sie mit bemerkenswerten Leistungen beim Premium-Cup gegen die europäischen Spitzenteams FC Barcelona (41:44) und Paris St. Germain (38:44) nach.
Bitter: Beide Linkshänder für den Rückraum verletzt
Er ist überzeugt, dass sein Team die nötige Qualität hat, auch wenn von den fünf Zugängen, die sich alle sehr schnell eingefügt und eingelebt haben, zwei gar nicht oder vorerst nur eingeschränkt zur Verfügung stehen. Dass es allerdings beide Linkshänder für den Rückraum getroffen hat, ist bitter. Maximilian Horner fällt wegen einer beim Premium-Cup erlittenen Verletzung, zu der die HSG keine Angaben macht, laut Bult zwei bis drei Monate aus.
"Das tut uns schon weh", sagt der Trainer. Und Johannes Thiel hat sich von einer Knochenprellung, die noch aus der vergangenen Saison stammt, nicht zu hundert Prozent erholt. Bei der Pokal-Niederlage in Köln gegen den Drittligisten Longericher SC sprang mit Ian Hüter ein Rechtshänder im rechten Rückraum ein. Das schränkt die Möglichkeiten im Angriff ein und eröffnet den gegnerischen Teams Optionen, die HSG-Offensive lahmzulegen. Hier sind Bult und Co-Trainer Frank Schumann gefordert, ihr Team mit entsprechenden taktischen Alternativen auszustatten.
Was den Trainer bei der 35:37-Niederlage noch viel mehr nervte, waren die Lücken in der Defensive, die auch den Torhütern Kacper und Luca Ligarzewski Tschentscher ihre Arbeit erschwerten. "In der Abwehr müssen wir wieder stabiler werden", fordert Bult, der da aber guter Dinge ist. Denn: "Das lief in der Vorbereitung eigentlich schon ganz gut; nur gegen Longerich war es ein Rückschritt." Insbesondere Christian Wilhelm und sein neuer Partner im Innenblock des 6:0-Verbunds, Valentino Duvancic, sind hier gefordert, für die nötige Stabilität zu sorgen.
Die jungen Spieler schnell weiterentwickeln
Mit den Außen Elias Ruddat und Maximilian Lux, den Rückraumspielern Elmar Erlingsson, Oskar Gentzel, Marschall und Hüter sowie den beiden Kreisläufern Wilhelm und Duvancic hat Bult ein stabiles Gerüst, das gehobenen Zweitliga-Ansprüchen genügt. Jetzt kommt es darauf an, die noch nicht so erfahrenen Spieler Emiel Hoogland, Kyan van Berlo, Josip Rajkovic, Lasse Lingers, Paul Hof, Florian Els und auch Thiel zügig an das Niveau ihrer Kollegen heranzuführen. "Wir müssen sie schnell weiter entwickeln, um einen einheitlichen Trainingsstand zu haben und damit sie der Mannschaft schnell helfen können", sagt Bult. Und wenn das gelingt, sollte einer sportlich erfreulichen Saison nichts im Wege stehen. Nach der ersten Standortbestimmung am Sonntag bei TuSEM Essen (17 Uhr, Sporthalle Am Hallo) sieht man schon klarer.
Frank Hartlef