Der Kunde machte es der jungen Verkäuferin Silke Schubert nicht gerade leicht. Er wollte eine Hose - aber nur eine einzige anprobieren. Wenn die nicht passe, kaufe er eben keine. Die Mitarbeiterin war gerade 17 Jahre alt und erst seit wenigen Wochen im Geschäft. Sie schätzte seine Größe, holte eine Hose und sie passte. Selbst den Preis weiß sie Jahrzehnte später noch: 179 Mark. Solche Geschichten erzählen die Mitarbeiterinnen im Modehaus Haasken gern. Nicht, weil heute noch Preise in D-Mark ausgezeichnet würden, sondern weil sich darin etwas zeigt, das für sie bis heute zum Beruf gehört: den Kunden genau anzuschauen, zuzuhören und möglichst schnell herauszufinden, was er wirklich braucht.
„Ehrlich zu beraten“ stehe an oberster Stelle, sagt Kristina Ellermann. Wenn ein Kleidungsstück nicht richtig sitzt oder jemandem schlicht nicht steht, wird das auch gesagt. Dann falle durchaus ein Satz wie: „So kann ich dich jetzt hier nicht rauslassen.“ Dabei gehe es nicht darum, möglichst viel zu verkaufen. Entscheidend sei, dass der Kunde mit seinem Einkauf zufrieden nach Hause gehe und gern wiederkomme. Gerade bei Herren sei Erfahrung wichtig. Viele wüssten ihre Konfektionsgröße nicht genau und hätten wenig Lust, mehrere Hosen oder Sakkos anzuprobieren. Im Idealfall müsse die erste Auswahl deshalb schon ziemlich gut passen.
festen Hinzu kommt der Änderungsservice. Das Modehaus arbeitet mit einer Schneiderin zusammen. Hosen können gekürzt, Jacken angepasst oder andere Änderungen vorgenommen werden. Normalerweise sei etwas Vorlauf angenehm, erzählt Ellermann. Manchmal müsse es aber schnell gehen. So kam einmal ein Kunde, der kurzfristig einen Anzug als Trauzeuge benötigte. Die Hose musste noch geändert werden. Sie wurde abgesteckt, der Kunde brachte sie zur Schneiderin - und konnte sie eine Stunde später wieder abholen. „Das ist dann natürlich die Ausnahme“, sagt Ellermann. Aber bei Hochzeiten oder auch Trauerfällen müsse es gelegentlich eben schnell gehen.
Dass ein Kunde nebenbei noch Ware transportiert, wäre wohl nicht überall selbstverständlich. In Lathen passe es jedoch zu dem Verhältnis, das sich mit vielen Stammkunden entwickelt habe, erzählen die Mitarbeiterinnen. Man kennt sich, spricht sich vielfach mit Vornamen an und weiß häufig schon, welche Größen, Schnitte oder Farben jemand bevorzugt. Manche Kunden kommen seit ihrer Kindheit in das Geschäft. Für Claudia Bruhns ist genau diese Nähe ein wesentlicher Teil dessen, was Haasken ausmacht. Sie spricht von einer „zweiten Familie“. Mehrere der heutigen Mitarbeiterinnen haben bereits ihre Ausbildung im Unternehmen absolviert. Claudia Bruns ist seit knapp 50 Jahren dabei. Sie begann mit 15 Jahren und blieb abgesehen von familienbedingten Unterbrechungen dem Modehaus treu. „Wir kennen das eigentlich gar nicht anders“, sagen die Frauen über ihre langen Betriebszugehörigkeiten. -
Auch Katharina Haasken weiß diese Verbundenheit zu schätzen. Sie selbst kam nicht aus dem Modehandel, sondern arbeitete als Lehrerin in Sögel. Über ihren Mann war sie dennoch eng mit dem Familienunternehmen verbunden und begleitete ihn beispielsweise in den Ferien zu Einkaufsterminen.
Eine Besonderheit des heutigen Sortiments ist die Ausstattung von Schützenvereinen. Mehr als 30 Vereine aus der Umgebung werden nach Angaben des Teams bei Haasken eingekleidet. Vor allem zwischen April und Juni herrscht deshalb viel Betrieb. Auch dieser Bereich verändert sich. Immer mehr Frauen tragen inzwischen Schützenuniformen. Katharina Haasken glaubt, dass ihr Schwiegervater diese Entwicklung besonders gern erlebt hätte. Er war selbst Oberst im Schützenverein. Zu seiner Zeit war das Geschäft mit den Uniformen noch wesentlich kleiner.
Die größte Herausforderung für den stationären Einzelhandel sehen die Mitarbeiterinnen heute im Onlinehandel. Permanente Rabattaktionen großer Anbieter könnten kleinere Geschäfte nicht einfach mitgehen. Der Gegenentwurf ist für die Mitarbeiterinnen klar: Beratung, Erreichbarkeit und Service vor Ort. Das Modehaus beteiligt sich zudem am Leben in Lathen. Aktionen wie Ostermarkt, Mittsommerfest und Lichterfest gehören für das Team dazu. Felicitas Ehrhardt