5. August 2024
Ein Sommertag in Berlin. Erstes Gespräch mit der Musikdramaturgin. Noch nichts ist entschieden, aber als wir über Der Fliegende Holländer sprechen, sind wir uns einig: Dieses Werk ist Aufbruch und Sturm, wie gemacht für einen jungen Regisseur. Auf dem Heimweg höre ich Sentas Ballade. Während die anderen Frauen fleißig in der Spinnstube arbeiten, streikt Senta und singt stattdessen diese Ballade von einem Geisterschiff. Keine Heilige, sondern eine Besessene.
27. September 2024
Mich erreicht die Zusage: Wir machen den Holländer in Osnabrück. Ich bin erschöpft von „Tristan“-Proben, von endlosen Wagner-Linien. Danach verordne ich mir eine Woche Wagner-Entzug. Aber im Kopf brennt bereits ein Bild: ein Strudel, dem alle Figuren versuchen zu entkommen. Nur Senta stürzt sich freiwillig ins Auge des Orkans.
22. Oktober 2024
Zu Besuch in Osnabrück. Ich zeige der Theaterleitung erste Entwürfe. Dabei spreche ich von den Bildern Edvard Munchs, von seinen expressiven Darstellungen norwegischer Landschaften, die immer auch Seelenlandschaften sind. Darin Figuren, die in den Abgrund blicken. Am Abend besuche ich eine Vorstellung. Auf der Bühne Susann Vent-Wunderlich sie wird die Senta singen. Eine Darstellerin mit Power und Präsenz, alles, was diese Rolle braucht. Am nächsten Tag telefoniere ich mit Christopher Lichtenstein, dem neuen Generalmusikdirektor und musikalischen Leiter unserer Produktion. Wir sprechen über die Besetzung, über Rhythmus, über Bewegung, über Verausgabung, über Wagner - das Bild im Kopf wird klarer.

15. November 2024
Modellabgabe. Über Wochen habe ich ein 3D-Modell im Computer entworfen, das nun in kleiner Runde von der Theaterleitung betrachtet wird. Ein expressiver Einheitsraum mit strudelartigem Gebilde Steg, Klippe, Deck zugleich. Darüber ein schwebender Plafond aus Schiffsplanken. Ein Raum, der atmet. Der treibt. Jetzt geht es in die Ausarbeitung.
5. Dezember 2024
In meinem Berliner Atelier male ich stundenlang abstrakte Texturen auf Leinwand, bis ich eine Vorlage für die malerische Gestaltung der Bühne habe. Parallel beginne ich mit den Kostümentwürfen. Immer wieder blättere ich dabei durch einen Munch-Bilderband aus der Bibliothek, bis ich die Figuren vor mir sehe.
14. Januar 2025
Bauprobe im Theater. Ich stelle mein Konzept vor großer Runde auf der Bühne vor. Bevor es um technische Details geht, berichte ich auch von meiner Lektüre des Essays„Die Kunst und die Revolution“, den Wagner unmittelbar nach Erscheinen seiner Oper verfasste. Spätestens jetzt soll allen klar werden: Dieses Stück braucht keine romantische Piratenwelt, sondern eine revolutionäre Bewegung auf der Bühne.
18. Februar 2025
Werkstattabgabe. An einem großen Tisch sitzen alle Gewerke zusammen. Tischler, Schlosser, Maler, Requisiteure und Dekorateure bringen ihr Fach-wissen ein und besprechen, ob und wie sich der Entwurf umsetzen lässt. Nach drei Stunden rauchen die Köpfe, aber es gibt einen Plan.
10. März 2025
Arbeitstreffen mit der Choreographin der Produktion. Wir hören die Musik und entwickeln eine gemeinsame Bewegungssprache. Uns schweben industrialisierte Arbeiterbewegungen in den Matrosen- und Spinnstuben-Chören vor und eine überhöhte Gestik der Solistinnen und Solisten, wie im Stummfilm. Unsere Überlegungen halten wir auf Video fest.
29. April 2025
Kostümanproben in der Schneiderei. Alle halbe Stunde ein neues Gesicht. Kragenhöhe, Ärmelweite und Rocklänge werden abgesteckt. Noch sind die Kostüme schwarz. Nächste Woche gehen sie dann in den Malsaal: gedecktes Blau für die norwegischen Matrosen, glühendes Rot für die Mannschaft des Holländers. Über 500 Einzelteile werden von Hand bemalt.
16. Mai 2025
Wieder daheim arbeite ich mit dem Klavierauszug. Seite für Seite ordne ich Szenen, Übergänge, Auftritte. Wer kommt wann, wohin und wie schnell dreht sich die Bühne? Hunderte kleine Skizzen und Regieanmerkungen wandern in die Noten, bis sich das Stück wie ein innerer Film abspielt. Parallel dazu erreichen mich Fotos aus der Werkstatt: erste Farbschichten auf den Kostümen. Ich antworte-mehr Blau hier, weniger Weiẞ dort, Linie klarer herausarbeiten.
29. Juni 2025
Der Großteil der Kostüme und des Bühnenbildes liegen jetzt verpackt und beschriftet in der Werkstatt. Das Theater geht in die Sommerpause - für mich heißt das: sechs Wochen Ruhe vor dem Sturm, denn nach den Ferien beginnen die Proben.
DER FLIEGENDE HOLLÄNDER
Oper von Richard Wagner
Musikalische Leitung: Christopher Lichtenstein
Nachdirigat: Benjamin Huth/ Seong-Bin Oh
Inszenierung und Ausstattung: Dennis Krauẞ
Choreographie und szenische Mitarbeit: Gal Feffermann
Choreinstudierung: Sierd Quarre
Mit: Martin-Jan Nijhof / Derrick Ballard, Dominic Barberi, Susann Vent-Wunderlich, Ilker Arcayürek / Kwonsoo Jeon, Nadia Steinhardt, Florian Wugk sowie der Opernchor und der Extrachor des Theater Osnabrück sowie das Osnabrücker Symphonieorchester
Premiere
Samstag, 20.09.2025, 19.30 Uhr, Theater am Domhof
Offene Probe: Samstag, 13.09.2025, 10.30 Uhr, Theater am Domhof