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175 Jahre Ems-Zeitung: Aus der Dunkelkammer zur Künstlichen Intelligenz

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: Zwischen alten Zeitungsbänden im Archiv der Ems-Zeitung hat Gerd Schade sein Mobiltelefon gezückt. Damit produziert der 53-Jährige heute Nachrichten und Geschichten. Früher tippte er sie auf einer Schreibmaschine.   Foto: Lars Schröer

Analog und digital: Wie sich die Arbeit als Redakteur in Papenburg verändert hat.

Seit mehr als 30 Jahren darf ich für die Neue Osnabrücker Zeitung tätig sein. Den mit Abstand größten Teil dieser Zeit, die mit der elektrischen Schreibmaschine und in der Dunkelkammer begann, in der heute aber längst die rasante digitale Entwicklung den Takt vorgibt, stehe ich in Diensten der Ems-Zeitung in Papenburg. Sie wurde vor 175 Jahren gegründet. 

Der persönliche Blick zurück fällt auf unzählige Artikel über Ereignisse, Entwicklungen und das Leben vornehmlich im nördlichen Emsland. Und auch wenn es immer mal wieder - was in der Natur der Sache liegt - um ernste, konfliktbeladene oder tragisch-traurige Themen geht: Ich bin aufrichtig dankbar für viele Begegnungen mit Menschen. Sie sind von unschätzbarem Wert.

Verlagsgebäude der Ems-Zeitung noch am Hauptkanal
Wohin diese Reise einmal führen würde, ist am 1. Juli 1993 nicht abzusehen. An diesem Tag, es ist ein Donnerstag, stiefele ich zum ersten Mal als freier Mitarbeiter und ohne eine einzige Zeile beruflicher Erfahrung in die Redaktion der Ems-Zeitung. 

Gleichermaßen schüchtern wie unbedarft und mit einer allenfalls vagen Vorstellung vom Zeitungsmachen hatte ich zuvor beim damaligen Redaktionsleiter Hans Brauer vorsprechen dürfen. Meine vorsichtige Frage nach einem Praktikum beantwortete er sinngemäß so: Hast Du Führerschein und Auto und einen Fotoapparat? Wenn ja, darfst Du wiederkommen. 

Daraufhin steckte ich einen Teil meiner kargen Ersparnisse aus dem Wehrpflichtjahr in eine analoge Kamera, schwatzte meinem Vater zeitweise das Auto ab und fing in der Redaktion an.

Erster Auftrag ist eine Straßenumfrage nach der neuen Postleitzahl
Der erste Auftrag ist eine Straßenumfrage. Thema: Kennen die Papenburger ihre neue Postleitzahl schon? Hintergrund: Am 1. Juli 1993 wurden in Deutschland fünfstellige Postleitzahlen eingeführt, um die im Zuge der Wiedervereinigung entstandenen Dopplungen vierstelliger Zahlen zwischen Ost und West zu beseitigen. 

Das dürre Ergebnis meiner (natürlich nicht repräsentativen) Erhebung steht am nächsten Tag tatsächlich im Lokalteil der Ems-Zeitung. Versehen mit meinem Autorenkürzel bin ich auf mein - zugegeben - erstes Werk damals auch ein wenig stolz. 

Geschrieben wird in dieser Zeit mit elektronischen Schreibmaschinen. Sie verfügen immerhin über ein Korrekturband. Die Artikel aus Papenburg werden nach Osnabrück gefaxt, dort neu erfasst und im sogenannten "Klebe-Umbruch“ auf die Seiten gesetzt. Das Layout war darauf zuvor mit einem Typomaẞ, eine Art Lineal, und einem Filzstift grob skizziert worden. 

Texten, die zu lang sind, werden mithilfe eines Teppichmessers als entbehrlich erachtete Teile entnommen und an den Schnittstellen zusammengeklebt. Die Reporter sind angehalten, so zu schreiben, dass sich ihre Artikel im Idealfall absatzweise von hinten kürzen lassen. Den Bleisatz von ganz früher kenne ich nur aus Erzählungen. Dafür bin ich dann doch zu jung.

Digitalisierung ist zu Beginn der 1990er-Jahre aber noch weitgehend Zukunftsmusik. Das heißt auch, dass die Redaktion in Papenburg die Negative für die (Schwarzweiß-)Fotos selbst in einer Dunkelkammer entwickelt. Klingt wie eine Episode aus grauer Vorzeit, ist aber doch nur gut 30 Jahre her.

Seitdem hat sich die Zeitungslandschaft rasant verändert. Die erste Digitalkamera der Redaktion schlummert noch heute im Schrank. Für sie brauchte es einst einen eigenen Rucksack. 

Im Jahr 2000 - die Ems-Zeitung besteht seit 150 Jahren - geht die Internetseite der Neuen Osnabrücker Zeitung an den Start. Sie enthält allerdings nur eine spärliche Anzahl ausgewählter Zeitungsartikel. Auch das Netz im Emsland ist noch lange lückenhaft. Als ich eines Abends direkt nach Abpfiff unter maximalem Zeitdruck den Bericht über ein Fußballspiel nach Osnabrück senden will, empfehlen mir die Hausherren freundlich, mein Glück am besten in Höhe des zweiten Torpfostens auf der anderen Seite des Platzes zu versuchen... 

Unternehmen aus der Region

Heute kann ich meine Artikel überall schreiben und gegebenenfalls direkt ins Netz "kippen“, vorausgesetzt es gibt Mobilfunk oder W-Lan. Bei der Überführung des auf der Meyer Werft gebauten Kreuzfahrtschiffes „Asuka III“ Anfang März 2025 klappt das wunderbar. Ich begleite den Ozeanriesen auf dem Deich entlang bis nach Leer, aktualisiere den Text mithilfe des Smartphones fortlaufend und stelle immer wieder frische Fotos ein, die ich ebenfalls per Smartphone aufgenommen habe. Die Abstimmung mit den Kollegen läuft über Chats.

Unternehmen aus der Region

 Nach der Devise "online first“ schreibe ich meine Artikel längst für noz.de und nicht wie früher für die Zeitung. Ich arbeite nicht mehr in der Redaktion der Ems-Zeitung, sondern bin Teil der Content Unit Emsland.

In der Analyse: Für welche Themen interessieren sich die Leser?
Und galt der Leser einst als ein der Redaktion weitgehend unbekanntes Wesen, erforschen Fachleute im sie so Haus durchgehend, wie sich unsere Artikel den Nutzern noch zielgenauer vorsetzen lassen. Sie analysieren, mit welchen Themen wir dauerhaft gewinnen können.

 Ich lerne, Schlagworte so zu nutzen, dass meine Texte bei der Onlinesuche leicht wie möglich zu finden sind. Und ich kann in kurzer Zeit nachvollziehen, ob ein Artikel auf großes Interesse gestoßen oder gefloppt ist. Aktuell loten wir aus, wie uns Künstliche Intelligenz bei der Arbeit helfen (aber hoffentlich nicht ersetzen) kann. Mal sehen... 

Eines hat sich aber auch nach mehr als 30 Jahren nicht geändert. Wenn ich als Reporter einen Termin habe, komme ich mit dem Fahrrad oder mit dem Auto. Und für meine Notizen nutze ich ganz klassisch einen Schreibblock und nicht das Smartphone. Denn die persönliche Begegnung bleibt für mich durch nichts zu ersetzen.



Gerd Schade

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