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Mary Shelleys „Frankenstein“ erwacht zum Leben in Osnabrück

Welche Folgen haben ihre Werke für die Menschheit? Frankenstein (Sascha Maria Icks), sein Wesen (Verena Maria Bauer) und Mary Shelley (Monika Vivell)

Zwischen Schöpfung, Verantwortung und Ausgrenzung: ein Wesen auf der Suche nach Zugehörigkeit, die Grenzen menschlicher Macht und die Frage nach dem wahren Monster

In einer trüben Novembernacht...

Ein Wesen wird geboren. Oder eher: Es erblickt das Licht der Welt. Und das Dunkel. Victor Frankenstein hat es aus Leichenteilen zusammengebaut; übermenschlich groß, stark und vor allem sichtbar anders als alle Menschen. So anders, dass Victor entsetzt Reißaus nimmt und seine Schöpfung allein seinen Platz zu finden versucht. Es schaut sich bei den Menschen ab, was Liebe ist, und will nur eines: dazugehören. Aber es lernt auch, dass seine äußerliche Andersartigkeit zu Ausgrenzung und Hass führt.

Mit ihrer Inszenierung betrachten Katharina Schmidt und Roman Konieczny den populären Stoff aus verschiedenen Perspektiven, denken die Inhalte weiter, fügen neue Elemente hinzu und hauchen dem so geschaffenen Stück Leben ein.

Wie der Roman entstand

Die Autorin des Romans „Frankenstein“, Mary Wollstonecraft Shelley, wird im Geiste ihrer anarchistischen, präfeministischen und unabhängigen Eltern erzogen durch ihren Vater, der seine Frau früh nach Marys Geburt verlor. Mary lebt unkonventionell und in wilder Ehe, durchschreibt, veröffentlicht, reist mit Freund*innen Europa. Im Jahr 1816 verbringen sie ihre Ferien am Genfer See. Ein Vulkanausbruch in Indonesien schiebt sich vor den Sommer; die Reisegruppe beschließt, sich die kalten und dunklen Tage mit dem Verfassen von Gruselgeschichten zu vertreiben. „Frankenstein oder der moderne Prometheus“ entsteht.

Mary Shelley schreibt auch weitere Romane, stemmt sich gegen konservativen Gegenwind und Zweifel an ihrer Autorinnenschaft, ging der freien Liebe nach, heiratet, wird viermal schwanger, verliert drei Kinder, kämpft gegen Depressionen, auch ihr Ehemann stirbt früh. Zu diesem Zeitpunkt ist sie 25 Jahre alt. Sie durchlebt Abgründe und produktive Schaffensphasen, lässt sich nie in bequeme Konformitäten fallen. Im Alter von 53 Jahren stirbt Mary Shelley in London. Der Stoff „Frankenstein“ wird zur Ikone und büßt auch nach 200 Jahren nicht an Aktualität ein.

Wer ist das Monster?

In der Osnabrücker „Frankenstein“-Inszenierung tritt die Autorin als Figur auf. Sie durchlebt ihre eigene Erzählung auf der Bühne und fasst die Schmerzpunkte der Geschichte ins Auge: Victor kann in den Kreislauf von Leben und Tod eingreifen. Aber darf er das auch tun, oder überschreitet er damit eine ethische Grenze? Er verlässt sein Geschöpf, weil er dessen Hässlichkeit nicht erträgt. Was sagt das über sein Menschenbild aus? Müsste er nicht Verantwortung für die Konsequenzen seiner Erfindung übernehmen, umso mehr, da es sich um ein gefühlsbegabtes Wesen handelt? Und überhaupt was soll eigentlich diese ganze Schöpferei unter Aussparung des weiblichen Körpers? Also: Wer ist hier das Monster?

Weitergedacht

Das Regieduo Katharina Schmidt und Roman Konieczny waren mit ihrer letzten Arbeit am Theater Osnabrück „Leonce und Lena“ auf der Long-List zum Berliner Theatertreffen.

Jetzt folgen sie den thematischen Spuren der romantischen Horrorgeschichte bis in die Gegenwart, in der führende Techbosse und Entwickler*innen eindringlich vor ihrer eigenen Schöpfung, künstlichen Intelligenzen, warnen. Überstürzt abschalten oder verantwortungsbewusst mit Vor- und Nachteilen umgehen?

Auch, wenn es sich bei diesen Entwicklungen nicht um empfindsame Lebewesen handelt, stellen sich hier ähnliche Fragen wie bei Frankenstein. Überhaupt, sich nicht als Teil der Natur zu begreifen, Leben herzustellen ohne weiblichen Körper: Was für ein männlicher Größenwahn (sinn)! Und ein Symbol für die heute noch andauernde männliche Dominanz. Auch die Ablehnung alles Fremden, bei der Hass mit Angst scheinbar legitimiert wird, verknüpft das Stück mit menschenfeindlichen Tendenzen der Gegenwart.

Es sind die Fragen nach Moral, Verantwortung und dem Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt, die den Roman jederzeit gegenwärtig machen.

Mit der bildstarken Ausstattung sowie der Musik, die wie eine eigene Akteurin die Szenen konturiert, bewegt sich die Ästhetik zwischen filmischem Drama, Horror und Science-Fiction.

FRANKENSTEIN
Schauspiel nach Mary Shelley
Inszenierung: Katharina Schmidt/Roman Konieczny
Bühne und Kostüme: Wolf Gutjahr/Maria Walter
Musik: Klaus von Heydenaber
Video: Roman Konieczny
Mit: Verena Maria Bauer, Solveig Eger, Ronald Funke, Sascha Maria Icks, Annika Martens, Monika Vivell & Statisterie
Premiere Samstag, 10.10.2026, 19.30 Uhr, Theater am Domhof

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