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Im Leben geschieht Unglaubliches

Saša Stanišic, ist Saša, ist Heinrich Heine, ist das erzählende Ich, ist wir alle. FOTO: DPA/CHRISTIAN CHARISIUS

„Wie super wäre es, wenn es einen Proberaum für das Leben gäbe?“

Nach dem Erfolg unserer Inszenierung des Romans „Herkunft“ von Saša Stanišic folgt nun im emmatheater der nächste Streich dieses Autors: „Möchte die Witwe angesprochen werden stellt sie die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne“.

Demjan Duran inszeniert das ambivalente Verhältnis zu Heimat und den erfolgreichen Versuchen, in (s) einem Zuhause anzukommen. Im Vorfeld stellte die Dramaturgin dieser Produktion Fragen an den Autor und Regisseur.

Claudia Lowin: „Wie super wäre es, wenn es einen Proberaum für das Leben gäbe?“ fragen sich zu Beginn des Buches die Freunde Saša, Fatih, Nico und Piero. Das ist zugleich ein Spiel mit alternativen Wirklichkeiten, als auch ein poetisches Gedankenexperiment. Wie kann sich das auf der Bühne zeigen?

Demjan Duran: Das ist eine tolle Ausgangslage für die Bühne - eine Einladung für die besondere Magie, die nur so im Theater passieren kann. Gedanken werden lebendige Bilder. Auf der Bühne probieren wir ständig das Leben aus, überprüfen es und denken uns in Andere hinein. Hier ist es nicht nur einfach eine Setzung, denn ich empfinde es als Befreiungsakt.

Was glauben Sie, warum stürzen sich die Theater auf Ihre Texte?

Saša Stanišic: Ich glaube, weil die Texte ganz gut sind.

Demjan, was hat dich an dem Roman interessiert?

Demjan Duran: Wie die Geschichten im Roman erzählt werden, finde ich sehr besonders. Es vermischen sich Erzählperspektiven, Zeiten, Sehnsüchte, Erlebnisse, individuelle Erfahrungen und Gefühle. Sie eröffnen Assoziationsräume, die mit meiner eigenen Lebensrealität zu tun haben. Es geht auch einfach um Deutschland und die Menschen, die hier leben. Das gefällt mir. Es geht um deutsche Geschichte, deutsche Romantik Heinrich Heine spielt mit - und gesellschaftliche Zugehörigkeit. Tolle Themen! Bei der Sprache merkt man, dass da jemand richtig dran gebastelt hat immer und immer wieder. Diesen Schreibbewegungen folgt man beim Lesen intensiv und freudig nach.

Es geht bei Ihnen ja immer ums Geschichtenerzählen. Woher kommt Ihre Inspiration?

Saša Stanišic: Ich habe so ein wenig Schwierigkeiten mit dem Begriff der „Inspiration“. Schreiben, für mich jedenfalls, braucht vor allem Ideen. Dann Durchhaltevermögen, noch wenn man eine gute hat, Geduld, dazu Recherchen, etwas Glück, dass das jemand auch lesen (oder aufführen) möchte und insgesamt die Lust daran, an Sprache zu basteln. Leben und Fantasie verschwimmen dann bestenfalls so ein wenig, oder sie ergänzen sich, indem im Leben etwas Unglaubliches geschieht oder in der Fantasie einem etwas erscheint, das für das Leben erzählenswert erscheint.

Finden Sie, dass Literatur und Theater die Welt verbessern? Saša Stanišic: Nein, leider nein.

Demjan, in der letzten Geschichte trifft der Ich-Erzähler Saša auf Heinrich Heine, dessen Werk für sein Ankommen eine große Rolle spielt. Kann die Realität durch die Kraft der Fantasie transformiert werden? Und wenn ja, wie?

Demjan Duran: Mit individuellen Sehnsuchtsräumen! Romantische Ideen sind alternative Lebensentwürfe, die im Kleinen entstehen. Die deutschen Romantiker haben sich mit ihrem Denken gegen bestimmte gesellschaftliche Veränderungen gewendet. Es waren vielleicht einsame und pathetische Gedankenexperimente, aber da beginnt die Transformation.

Kannst du dich persönlich der schwermütigen Utopie Heinrich Heines anschließen?

Demjan Duran: Ich denke schon. Dieser Eskapismus ins Sehnsüchtige, Träumerische und auch Unmögliche erlaubt es mir ja erst über die Welt, in der ich lebe, zu reflektieren. Diese fantastischen Gedanken sind vielleicht zum Scheitern verurteilt, aber die Überheblichkeit darin ist wahrhaftig und darum so gut. Traumgebilde müssen nicht in die Realität übersetzt werden. Allein das Erfinden macht schon etwas mit der Wirklichkeit. Sie zu denken ist ein großer Akt, der einer Revolution gleicht.

Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne.
Schauspiel nach Saša Stanišic

Inszenierung: Demjan Duran
Bühne und Kostüme: Rosanna König
Musik: Horatiu Serbanescu
Mit: Soraya Abtahi, Tenzin Chöney, William Hauf, Michi Wischniowski, Thomas Kienast
Premiere Freitag, 23.10.2026, 19.30 Uhr, Theater am Domhof
Hinweis: Vorstellungen für Silvester sind bereits im Vorverkauf

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