
Spanisch auf Muttersprachniveau, praktische KI-Kompetenzen: Tragt ihr bei Bewerbungen auch gerne dick auf? Was zählt noch als Aufpolieren, und wo endet die Wahrheit? Experten ordnen ein.
Bastian Hughes, Karriereberater und Podcaster, sieht es pragmatisch, wenn man sich im Lebenslauf und Anschreiben im besten Licht darstellt: „Dadurch, dass auch Unternehmen sich in Stellenanzeigen von ihrer besten Seite zeigen wollen, finde ich das nur fair.“ Arbeitgeber würden auf ihren Webseiten teils „astronomische Versprechungen“ machen, die Wahrheit sehe oft ganz anders aus. „In Bewerbung steckt auch das Wörtchen werben“, so Hughes weiter. In der Werbung gehe klar darum, die positiven Features eines Produkts in den Vordergrund zu stellen. Analog gilt auch für Bewerbungen: Die besten Eigenschaften werden hervorgehoben. Ein Freifahrtschein ist das aber nicht: „Die Grenze zur Irreführung ist schnell überschritten“, sagt der Kommunikations- und Karriereberater Branko Woischwill. Wer Erfolge zu stark ausschmückt, riskiere seine Glaubwürdigkeit. „Vertrauen ist im Bewerbungsprozess ein entscheidender Faktor - und wenn es einmal beschädigt ist, nur schwer wiederherzustellen.“
Er sieht eine Grenze überschritten, wenn ich als Bewerber ganz bewusst die Unwahrheit schreibe“. Beim klaren Lügen also. Aber ist nicht mittlerweile ohnehin nahezu jede Bewerbung mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) erstellt und klingt entsprechend sensationell? Laut Hughes kommt es hier auch darauf an, wie Bewerberinnen und Bewerber KI verwenden. Angenommen man fordert ein generatives KI-Tool dazu auf, ein Anschreiben basierend auf einer Stellenanzeige und dem eigenen Lebenslauf zu formulieren: „Dann muss man am Ende selbst in den Spiegel schauen und mit dem leben können, was da steht“, so der Karriereberater.
Die sprachliche Qualität des generierten Anschreibens variiere mit der Qualität der Prompts, die dem Chatbot gegeben werden, sagt auch Ben Dehn, Mitarbeiter von einem Bewerbungsservice. Für den Experten problematisch: Wer nicht genau weiß, was er tut, kann die Qualität des Ergebnisses auch nicht beurteilen. BenDehn betont: „Es sieht besser aus als gedacht und liest sich auch flüssig, ist in der Regel allerdings sehr allgemein und floskelhaft“. Ob das Anschreiben gut genug ist, um sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen, könnten Ungeübte oft nicht einschätzen.
Zum typischen Muster einer KI-generierten Bewerbung gehören Dehn zufolge außerdem allgemeine Floskeln, inflationäre Nutzung von Doppelpunkten und Gedankenstrichen. Auch würden Chatbots oder KI-Tools oft vorhandene Kompetenzen und geforderte Kompetenzen vermischen. Im Zweifel sollten Bewerberinnen und Bewerber KI also zur Inspiration nutzen und immer selbst noch mal nacharbeiten. dpa