Schließen
Um Ihre Registrierung abzuschließen, gehen Sie in Ihr E-Mail-Postfach und folgen dem Link in der Bestätigungsmail. Danach können Sie den Artikel frei lesen. E-Mail erneut senden

Klaus Westendorf: Er war einer der letzten Schriftsetzer

Schriftsetzer-Lehrjahre in Papenburg bei der Ems-Zeitung, Handsetzung und Blei-Druck, Matern-Vorlagen, Gautschbrief, Milchzettel, historische Drucktechnik und Erinnerung an die 1970er Jahre

In Summe nimmt sie nur einen kleinen Teil seines Berufslebens ein. Und doch erinnert sich Klaus Westendorf an seine Lehre und sein Gesellenjahr als Schriftsetzer bei der Ems-Zeitung in den 1970er-Jahren in Papenburg so, als sei es gestern gewesen. Das wird praktisch in jedem Satz seines Gesprächs mit unserer Redaktion deutlich, das wir anlässlich des 175-jährigen Bestehens der Ems-Zeitung mit ihm führen.

Unternehmen aus der Region

Klaus Westendorf ist bestens präpariert. Auf dem Wohnzimmertisch seines Einfamilienhauses in Melle hat der 68-jährige Unterlagen, Fotos und Utensilien ausgebreitet. Der gebürtige Papenburger lädt ein zu einer Reise in die Zeit, in der im früheren Verlagshaus der Ems-Zeitung am Hauptkanal noch mit Blei gearbeitet wurde und die Lettern für die Druckvorlagen in Setzkästen lagerten. Und in der Mittagspause spielten die Mitarbeiter im Innenhof Fußball. Direkt nach dem Realschulabschluss startet Westendorf seine Ausbildung am 1. August 1974.

Unternehmen aus der Region

Als Zusteller in der Schulzeit hatte Westendorf bereits einen Bezug zur Zeitung. Gedruckt wird sie in Papenburg damals jedoch schon länger nicht mehr, sondern bei der Neuen Osnabrücker Zeitung in Osnabrück. Aber die Vorlagen für die Seiten mit Artikeln und Anzeigen für den e Lokalteil entstehen weiter vor Ort. Gesetzt werden sie entweder von Hand oder mit s der Maschine. „Die Maschienensetzer tippten in heißes Blei“, erinnert sich Westendorf.

Unternehmen aus der Region

Die Vorlagen, sogenannte Matern (das kommt aus dem Lateinischen und bedeutet in etwa „Mutterform“), werden täglich nach Osnabrück gefahren. Dort werden die Druckplatten für die Rotationsmaschinen erstellt und die Zeitungsseiten gedruckt. In Papenburg gehen die Vorlagen vorher zum Korrektor. „Ihn nannten wir den Kommareiter“, sagt Westendorf.

Legendärer Fehler: Aus Pater Köster wird Kater Pöster

Und doch passieren auch damals Fehler. Westendorf erinnert sich an zwei legendäre: In einem Artikel über einen Pater namens Köster auf der Jugendhilfeeinrichtung Johannesburg in Surwold kommt es beim Gestalten der Überschrift zu einem peinlichen Buchstabendreher. Statt „Ehrung für Pater Köster“ wird„Ehrung für Kater Pöster“ gedruckt. Und in der Anzeige eines Uhrmachergeschäftes aus Papenburgs sollte es heißen: Neue Armbanduhren eingetroffen.„Tatsächlich aber stand das h vor dem u“, erzählt Westendorf.

Unternehmen aus der Region

Zu seinen ersten Aufgaben als „Stift“ gehört das Ablegen. Das bedeutet, die Buchstaben (Lettern in verschiedenen Typen) nach Gebrauch beispielsweise für eine Anzeige zurück in den Setzkasten einzusortieren. Sein Arbeitsnachweisheft und den Winkelhaken, in den die Lettern für die Vorlagen gelegt wurden, hat er noch.

Ebenfalls aufbewahrt hat Westendorf einen „Milchzettel“. Als jüngster Azubi muss Westendorf jeden Morgen Milch holen. Damals wird angenommen, „dass möglichst viel Milchtrinken vorbeugt gegen Erkrankungen, die mit Blei zusammenhängen“.

Apropos Trinken: Alkohol während der Arbeit spielt seinerzeit wie vielerorts auch in der Technik der Ems-Zeitung eine Rolle. Das wissen auch die Geschäftsleute. Um beispielsweise die Wichtigkeit einer kurzfristigen Anzeigenschaltung zu untermauern, dient als Argumentationshilfe regelmäßig eine Flasche Hochprozentiges.

Der Lohn steckt bar in der Tüte

Westendorf hat zunächst vornehmlich mit dem Setzen von Anzeigen zu tun, später auch mit Anzeigensonderseiten. Zur Berufsschule geht es einmal pro Woche nach Emden. „In meinem zweiten Lehrjahr war ich an der Beilage zum 125-jährigen Bestehen der Ems-Zeitung beteiligt. Das ist genau 50 Jahre her“, stellt Westendorf fest. Der Lohn wird wöchentlich ausgezahlt freitagvormittags in bar und in einer Lohn, tüte. Auch davon hat Westendorf noch mehrere Exemplare.

Unternehmen aus der Region
Ein letzter Gruß: Mit einer Eigenanzeige verabschiedet sich Klaus Westendorf 1978 von seiner Tätigkeit als Schriftsetzer bei der Ems-Zeitung in Papenburg. Freudestrahlend präsentiert der gelernte Schriftsetzer und gebürtige Papenburger Klaus Westendorf seinen Gautschbrief zusammen mit einem Foto, das ihn klitschnass beim Gautschen im Frühjahr 1977 zeigt. Foto: Gerd Schade
Ein letzter Gruß: Mit einer Eigenanzeige verabschiedet sich Klaus Westendorf 1978 von seiner Tätigkeit als Schriftsetzer bei der Ems-Zeitung in Papenburg. Freudestrahlend präsentiert der gelernte Schriftsetzer und gebürtige Papenburger Klaus Westendorf seinen Gautschbrief zusammen mit einem Foto, das ihn klitschnass beim Gautschen im Frühjahr 1977 zeigt. Foto: Gerd Schade

In der Gesellenprüfung muss er in einer Stunde einen möglichst langen Text mit möglichst wenig Fehlern setzen. Außerdem muss er eine Tabelle sowie einen Buchtitel gestalten. Westendorf meistert die Prüfung. „Viel wichtiger als der Gesellenbrief war aber der Gautschbrief“, erklärt er. Zu Letzterem gehört eine feuchte Zeremonie namens Gautschen, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht und seinerzeit auch in Papenburg praktiziert wird.

Klaus Westendorf macht deutlich, dass seine Lehrjahre keine Herrenjahre waren. „Es gab eine starre Hierarchie. Der Meister und die Altgesellen sagten, was Sache – ist. "Er beklagt das aber nicht, – im Gegenteil. „Als letztes 1 Glied in der Kette lernst Du – Demut. Manches Mal habe ich die Faust in der Tasche geballt, aber den Mund gehalten. Dadurch habe ich fürs – Leben gelernt.“

Obwohl sich in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre abzeichnet, dass die jahrhundertealte Technik dank des (noch vordigitalen) Fortschritts namens „Fotosatz“ in Papenburg keine Zukunft haben wird, hängt Westendorf nach seiner Lehrzeit noch ein Gesellenjahr dran. Anfang 1978 erhalten alle 14. Mitarbeiter der Setzerei vom damaligen Verleger Heinz Köhne die Kündigung zum folgenden Sommer.

Westendorf nutzt das für seine weitere Schullaufbahn und Studium (Soziale Arbeit/Sozialpädagogik). Er wird für mehrere Jahre Jugendbildungsreferent in Melle. Er wechselt schließlich in die Erwachsenenbildung. 30 Jahre und bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand im Jahr 2020 leitet er die Familienbildungsstätte Steinfurt des Bistums Münster.

Gerd Schade

Meine Favoriten:
Alle Orte: