Wenn Wände erzählen könnten, dann bräuchte man im Sögeler Jägerhof sehr viel Zeit zum Zuhören. In diesem Jahr feiert der Familienbetrieb sein 100-jähriges Bestehen. Seit genau einem Jahrhundert hält die Familie hier ununterbrochen zusammen. Gegründet von Wilhelm und Paula, den Großeltern des heutigen Chefs Wolfgang Lücken, hat sich der Jägerhof von einem kleinen Hof zu einem modernen, vielseitigen Hotel- und Gastronomiekomplex gewandelt.
Ein Blick in die Vergangenheit
Der Ursprung des Hauses geht direkt auf die Leidenschaft und die Gründerjahre von Wilhelm und Paula zurück. Sie kamen damals als Lehensleute aus Alt Wahn nach Sögel, um eine Landwirtschaft zu gründen. Die kruppschen Jäger trafen sich dann immer öfter vor Ort und gönnten sich ein Bier. Daraus entstanden der Name „Jägerhof“ und eine kleine Schank- und Gastwirtschaft mit einer Schießbahn für Jäger und Sportschützen.
Über die Jahre siedelten sich dann immer mehr Familien in der Gegend an, sodass der gesamte Ortsteil „Jägerhof“ genannt wurde.
Nach der Gründergeneration übernahmen Paul und Maria Lücken das Ruder. Sie bauten das Haus mit unermüdlichem Fleiß weiter aus.
Der Jägerhof, der anfangs nur aus einem Restaurant und einer Küche bestand, wuchs kontinuierlich. Ein großer Saal für bis zu 85 Gäste wurde angebaut, um dem Wunsch nach größeren Feierlichkeiten nachzukommen. Später kam das Hotel „Wobus“ hinzu – ein moderner Trakt, der nun auch schon seit etwas über 20 Jahren besteht. Der Name „Wobus“ steht dabei für eine geschickte Philosophie, die sich Wolfgang und Ulrike Lücken ausgedacht haben: Wohlfühlen, Business und Sport. Hier übernachten heute Vertreter und Tagungsgäste ebenso wie Aktivurlauber, die die Region zum Reiten, Fahrradfahren oder für die Schießanlage nutzen.
Heute führen die Eheleute den Betrieb mit derselben Leidenschaft. Beide sind absolute Profis: Er ist Hotelfachmann, sie Hotelfachfrau. Kennengelernt haben sich die beiden während ihrer Ausbildung in Bohmte – die Liebe zum Beruf führte sie schließlich zusammen nach Sögel. Beide übernahmen die Gesamtleitung nach dem frühen Tod von Paul Lücken.
Die Elefantenohren
Doch der Geist von Paul ist im Jägerhof allgegenwärtig – und das im wahrsten Sinne des Wortes auch auf der Speisekarte. Seine legendären, riesigen Schnitzel, liebevoll auch Elefantenohren genannt, werden noch heute exakt nach seinem Originalrezept zubereitet und sind der absolute Renner bei den Gästen.
Die Küche des Hauses zeigt sich heute so vielfältig wie das Leben selbst. Sie schlägt den Bogen von traditionellen Schnitzeln bis hin zum feinen Tafelspitz. Wolfgang und Ulrike setzen dabei konsequent auf Regionalität: Die Eier stammen von Bauern aus der direkten Nachbarschaft, Spargel und Erdbeeren werden erntefrisch lokal bezogen. „Wir wollen die Klassiker bewahren, aber gleichzeitig auch die jüngere Generation abholen und für uns begeistern“, erklärt das Gastronomenpaar das Erfolgsrezept. Jahrhundertbetrieb Ein erlebt nicht nur Sonnenschein. Zu den absoluten Tiefpunkten der jüngeren Geschichte gehörte ein verheerender Küchenbrand. Doch Aufgeben war für die Familie nie eine Option. Kurzerhand wurde improvisiert: „Wir haben in einer winzigen Küchenzeile das komplette Thronessen für das Schützenfest zubereitet“, erinnert sich die Familie schmunzelnd an den Kraftakt. Auch die Corona-Pandemie verlangte dem eingespielten Team alles ab. Mit kreativen Ideen wie einer eigens kreierten „Valentinsplatte“ und gemütlichen Weihnachtshütten für den Außer-Haus-Verkauf hielt man den Kontakt zu den Gästen.
Heute spürt der Jägerhof den Wandel der Zeit: „Großes wird kleiner, die Feiern werden intimer“, berichten Ulrike und Wolfgang. Während früher riesige Säle gefüllt wurden, stehen heute vermehrt kleinere, familiäre Feiern im Fokus. Das Angebot ist dennoch riesig: Neben dem Restaurant (40 Plätze) und der gemütlichen Stube (20 Plätze) bietet der Saal Platz für 85 Personen. Zudem boomt das Catering: Außer-Haus-Geschichten werden für bis zu 200 Personen ausgerichtet. Ob Saalfeiern, normales À-la-carte-Geschäft, Kegelbahn, Gruppenwochenenden im Hotel oder ein entspannter Nachmittag im Biergarten – die Bandbreite ist enorm. Was den Jägerhof so besonders macht, ist das spürbare Familiengefühl.
„Hier feiern die Menschen erst die Taufe des Kindes, Jahre später die Kommunion und schließlich die Hochzeit. „Wir begleiten Generationen von Stammgästen“, erzählen die Unternehmer. Bei einer Feierlichkeit im Jägerhof wird nichts dem Zufall überlassen und das Team macht fast jeden außergewöhnlichen Wunsch möglich. Das funktioniert nur mit einer eingespielten Mannschaft: Neben den Chefs sorgen sechs feste Angestellte und zahlreiche Aushilfen für das Wohl der Gäste – viele von ihnen gehören seit Jahrzehnten fest zur Jägerhof-Familie. Die Zukunft des Traditionshauses ist derweil gesichert: Die vierte Generation steht bereits in den Startlöchern. Tochter Katharina Lücken wird den Betrieb bald übernehmen.
Zum großen 100-jährigen Jubiläum wird nun gebührend gefeiert. Die Familie hat ihre engsten Freunde, Kunden, Stammgäste, Lieferanten, Mitarbeiter und Familienangehörigen zu einem privaten Festakt geladen. Sie werden gemeinsam auf ein Jahrhundert Jägerhof anstoßen.
Ann-Christin Blankmann