1050 Jahre sind eine lange Zeit. Veränderungen, Begegnungen, Krisen und Aufbrüche: Der Historiker und Leiter des Emslandmuseums Dr. Christof Spannhoff kennt wie kaum ein anderer die Wurzeln Lingens. Im Interview spricht er über bedeutende Epochen, interessante Archivfunde und die Frage, warum Stadtgeschichte uns alle angeht.
Herr Spannhoff, 1050 Jahre – was sagt uns eigentlich diese Jahreszahl genau? Worauf bezieht sie sich?
Wenn wir das mal zurückrechnen, landen wir im Jahr 975. Damals wird der Name Lingens in der Form „Liinga” erstmals schriftlich genannt. Kaiser Otto II. übertrug damals Besitzungen an den Osnabrücker Bischof Liudolf – und einer dieser Fronhöfe, um die es seinerzeit ging, lag in Lingen. Die über diese Güterübertragung ausgestellte Urkunde ist aber kein Gründungsdokument. Denn der übertragene Hof bestand schon längere Zeit.
Wie lange – das wissen wir leider nicht. Vielleicht wird uns dazu zukünftig irgendwann einmal die Archäologie genauere Aufschlüsse geben können. Das Jahr 975 ist also nicht Lingens „Geburtstag”, sondern die schriftliche Ersterwähnung. Das ist aber trotzdem eine gute Grundlage für ein Jubiläum, weil wir eben nichts Älteres haben. Das hängt auch damit zusammen, dass im 10. Jahrhundert die Schriftlichkeit in Nordwestdeutschland noch in den Kinderschuhen steckte. Die Überlieferung aus der damaligen Zeit ist sehr spärlich. Deswegen kann Lingen recht stolz sein, eine so frühe Erwähnung zu haben.

Wie sah das Leben damals vermutlich aus?
Die meisten Menschen lebten als Bauern. Sie bewirtschafteten Felder, hielten Tiere wie Rinder, Schafe und Schweine und sammelten Wildpflanzen. Die Ernte war elementar, um Nahrung für das ganze Jahr zu sichern. Handwerksberufe wie Schmiede, Zimmerleute oder Töpfer waren ebenfalls wichtig, um das tägliche Leben zu bestreiten. Die Wohnhäuser waren noch einfache Pfostenbauten aus Holz, Lehm und Stroh, in denen Menschen und Tiere unter einem Dach lebten. Städte gab es damals im Emsland noch keine. Das Leben war stark von Gemeinschaftssinn geprägt. Die Menschen mussten zusammenhalten und sich gegenseitig unterstützen. Die Gesellschaft war hierarchisch strukturiert, mit dem lokalen Adel oder Grundherrn, der das Land verwaltete, und den Bauern, die das Land bewirtschafteten. Die Religion spielte noch eine wichtige Rolle im Alltag. Kirchen waren zentrale Orte des Zusammenkommens, und Feste sowie Feiertage wurden nach dem kirchlichen Kalender gefeiert. Insgesamt war das Leben oft hart, geprägt von Naturgewalten, Krankheiten und Kriegen. Die medizinische Versorgung war einfach, und die Lebenserwartung wesentlich niedriger als heute.
Welche Ereignisse oder Zeitabschnitte waren besonders prägend?
Das 16. und 17. Jahrhundert. Damals wurde Lingen zur Festung ausgebaut und veränderte sein Gesicht völlig. Steinerne Festungsmauern wurden errichtet, breite Wassergräben ausgeworfen. Doch auch später, als die Festung wieder aufgegeben wurde, 1632, veränderte sich die Gestalt der Stadt. Neue Häuser konnten jetzt im Bereich der Burg und der Festungswerke gebaut werden. An die alte Zeit erinnert eigentlich nur noch der Pulverturm, dessen Fundamente aus dieser Epoche stammen.
Gibt es Wendepunkte, die große Auswirkungen hatten?
Ja, die Reformation und die aus ihr entstandenen konfessionellen Konflikte wirken noch bis heute nach. Nicht ohne Grund gibt es ja in Lingen bis heute drei christliche Konfessionen: Katholiken, Lutheraner und Reformierte mit ihren jeweiligen Kirchen. Ein sehr trauriger Wendepunkt ist natürlich auch die Zeit des Dritten Reiches und der mit dieser einhergehenden Verfolgung und Ermordung der Juden. Das hat es alles auch in Lingen gegeben. Dazu muss man nicht in die deutschen Großstädte schauen. Jüngst ist ja der dicke Sammelband „Lingen im Nationalsozialismus” erschienen, der dieses dunkle Kapitel der Stadtgeschichte aufarbeitet.
Haben Sie bei Ihrer Arbeit im Archiv einmal etwas entdeckt, das Sie besonders überrascht oder berührt hat?
Überraschungen erlebt man ständig. Das macht die Beschäftigung mit Geschichte ja so spannend. Und wenn man schon vorher wüsste, was einen in den alten Dokumenten erwartet, bräuchte man ja nicht hineinzuschauen. Das treibt einen Geschichtsforscher ja letztlich auch an: Es ist ein beglückendes Gefühl, wenn man eine neue Erkenntnis über die Vergangenheit gemacht hat, wenn man eine Frage beantwortet, ein Rätsel gelöst hat. Das war beispielsweise bei der Klärung des Ortsnamens Lingen so. Es ist doch interessant, wenn man weiß, warum der Ort, in dem man lebt, so heißt, wie er heißt. Berührend sind natürlich immer menschliche Schicksale, die man anhand der Überlieferung rekonstruieren kann. Dazu gehören nicht nur Schriftstücke, sondern auch Fotos oder Bilder, aber auch Gegenstände, die einmal bestimmten Menschen gehört haben.
Und witzige Anekdoten gibt es hoffentlich auch?
Überrascht hat mich schon mal die Tatsache, dass der Preußenkönig Friedrich der Große, der ja in seiner Herrschaftszeit zwischen 1740 und 1786 auch König der Lingener war (die Grafschaft Lingen gehörte ab 1702 zum Königreich Preußen), anscheinend wirklich Verwaltungsakten genau gelesen und geprüft hat. Er hatte also an der Regierung seines Reiches durchaus ernsthaftes Interesse, was man ja vielleicht Herrschern der damaligen Epoche gern einmal abspricht und sie eher als Verschwender von mit Untertanenschweiß erwirtschafteten Geldern ansieht. Dieser recht streitbare Monarch hat nämlich am Rand eines Verwaltungsschreibens einmal den Vermerk gemacht: „Der Schreiber ist ein Esel!”, weil ein Sachverhalt falsch dargestellt wurde. Das zeigt, dass Friedrich hier durchaus im Thema war – und das in ganz vielen Bereichen. Daran könnten sich auch heutige Staatslenker ein Beispiel nehmen…
Wo begegnet uns die Geschichte Lingens im Alltag?
Geschichte begegnet uns auf Schritt und Tritt. Das Haus Hellmann ist ein schönes Beispiel für ein Bürgerhaus aus dem 17. Jahrhundert. Straßennamen erinnern uns an die alte Topographie der Festungszeit. Und selbst wenn man in Lingen studiert, läuft man Gefahr, noch mit der früheren Nutzung der Campus-Gebäude als Eisenbahnausbesserungswerk in unschönen Kontakt zu treten: Wenn nämlich bei sommerlichen Temperaturen Öl aus den alten Kränen tropft, die ja noch erhalten und funktionstüchtig sind.
In welcher Zeit hätten Sie denn gern in Lingen gelebt und als wer?
Eigentlich bin ich mit der Gegenwart ganz gut zufrieden. Wir leben heute in der besten aller bisherigen Zeiten. Aber wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts nehmen. Zum einen sind damals die kriegerischen Zeiten vorbei. Unter preußischer Herrschaft beginnen geordnete Verhältnisse. Zum anderen wissen wir über diese Zeit nur sehr wenig. Natürlich am liebsten als Mitglied der städtischen Oberschicht. Denn das Leben der „kleinen Leute” war auch noch im 18. Jahrhundert nicht erstrebenswert - um es mal vorsichtig auszudrücken.