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Das neueste Stück "Blind" von Lot Vekemans und Dea Loher: Manchmal gehen wir uns verloren

Lot Vekemans

Zwei gefeierte Autorinnen liefern in zwei zeitgenössischen Stücken im emmatheater und im Theater am Domhof jeweils vielschichtige Beschreibungen unserer Gegenwart.

Wie die Autorinnen die Gegenwart einfangen

"Blind", das neueste Stück von Lot Vekemans, wurde vor zwei Jahren in den Niederlanden uraufgeführt und findet sich in dieser Spielzeit auf vielen Spielplänen deutschsprachiger Theater wieder. 

Lot Vekemans (*1965) ist als Dramatikerin ein internationaler Star. Ihre Werke wurden in zweiundzwanzig Sprachen übersetzt und in mehr als fünfunddreißig Ländern aufgeführt. „Ich bin sehr neugierig auf die Menschen und versuche zu verstehen, warum sie so handeln, wie sie es tun. Als Schriftsteller versetzt man sich ständig in die Lage eines anderen. (...) Man muss sich immer in all diese Figuren hineinversetzen. Im Theater geht es immer um Konflikte, man arbeitet sich hinein. Im Zentrum dieses Konflikts stehen auch die Einsichten,“ beschreibt die Autorin ihre Arbeit in einem Interview mit Gerrit van den Hoven.

In "Blind" stehen sich zwei Generationen gegenüber, die - wären sie nicht familiär verbunden - unversöhnt auseinander gehen würden und somit die drängenden Fragen ignorieren würden. Da es sich aber um Vater und Tochter handelt, müssen sich die beiden Kontrahenten der Aufgabe eines Aufeinanderzugehens stellen. Richard, einsam und krank, ist in seinen Erinnerungen gefangen; seine Tochter Helen versucht, in einer neuen, besseren Welt die Fehler der früheren Generationen zu korrigieren, trifft aber bei ihrem Vater auf taube Ohren. 

Denn dieser beharrt auf seinen Überzeugungen und verweigert die Auseinandersetzung mit der ihn umgebenden Realität. Rassismus, Umweltzerstörung und die Abschottung Europas sind Fakten, die nicht zu leugnen sind, in Richards Welt aber nicht existieren. 

Lot Vekemans erzählt die großen Themen im Kleinen, indem sie die Beziehung zwischen Vater und Tochter als eine beschreibt, die von Spannungen, aber auch von einer tiefen, manchmal brutalen Zuneigung geprägt ist. Kann man erlittene und zugefügte Verletzungen der Vergangenheit überwinden?

Hier schließt der neueste Text der Dramatikerin Dea Loher (*1964) quasi nahtlos an. In "Frau Yamamoto ist noch da" (Premiere am 13.02.2026) werden die Themen der Gegenwart aus einem ganz anderen Blickwinkel und mit einer ganz anderen Sprache beschrieben. 

 In dem Text entsteht das Panorama einer Gesellschaft in einer Großstadt, in der die Menschen scheu und vergnügungssüchtig, einsam und der Menschen überdrüssig sind.

Im Zentrum steht das Paar Nino und Erik und ihre Nachbarin, die ältere Frau Yamamoto. Während Nino und Erik in ihrer Beziehung und allgemein im Leben in einer Handlungsunfähigkeit gefangen sind, bietet Frau Yamamoto eine neue Perspektive. Sie, die ein reichhaltiges, aber auch von Schicksalsschlägen begleitetes Leben hatte, lässt ihre Tür offen, damit ein Durchzug entsteht. Und dieser Durchzug ist ein metaphorischer. Frau Yamamoto lässt das Leben in all seinen Facetten zu.

Dea Loher
Dea Loher

Dea Loher gehört zu den wichtigsten Dramatikerinnen der deutschsprachigen Gegenwartsdramatik. Ihre Texte wurden in 15 Sprachen übersetzt und werden weltweit aufgeführt. 

Beide Autorinnen richten ihren Blick auf eine Gesellschaft, die an der Komplexität der Welt zu scheitern droht. Während bei Vekemans zwei Figuren aufgrund ihrer politischen Überzeugungen nicht mehr zueinander finden, sind die Figuren bei Loher bereits so gelähmt, dass sie sich kaum noch zu einer Haltung aufraffen können. 

Vekemans verortet ihre Stoffe deutlich politischer, während Loher die Realität zugleich entrückt und verfremdet - und dennoch beschreiben beide Texte ähnliche gesellschaftliche Phänomene. In einem Interview über "Blind“ mit dem Münchner Residenztheater beschreibt Lot Vekemans, und dieser Satz trifft auf beide Texte zu: "Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der die Neugierde auf das Gegenüber größer ist als die Angst voreinander."

BLIND Lot Vekemans

Inszenierung: Judith Jungk
Ausstattung: Lucia Frische
Video: Roman Kuskowski
Mit: Lua Mariell Barros Heckmanns, Thomas Kienast

Premiere Samstag, 31.01.2026,
19.30 Uhr, emma-theater

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