René Koens dreht den Schlüssel, doch nichts brummt, ruckelt oder knattert. Genau so soll es sein. Die kleinen Geländewagen, die vor dem Eko-Punt am Waldrand von Exloo stehen, fahren vollständig elektrisch. Ein Fuß auf die Bremse, den Fahrhebel nach vorn, vorsichtig Gas geben – mehr braucht es nicht. „Wir machen keine Tour“, kündigt Koens an, „wir machen eine Expedition.“
Vier offene Eko-Explorer setzen sich hintereinander in Bewegung. Der Guide fährt voraus, über schmale Waldwege, sandige Spuren und Pfade, auf denen gewöhnliche Autos nichts zu suchen haben. Wer einen gültigen Führerschein der Klasse B besitzt, darf ans Steuer. Überholen ist verboten, schneller als 20 Stundenkilometer wird es ohnehin nicht. Das reicht vollkommen. Sobald die ersten Bodenwellen kommen, wippen die Wagen durch das Gelände. „Mario Kart in der Wildnis“, ruft jemand aus dem zweiten Fahrzeug. Nur deutlich leiser.
Gerade diese Ruhe gehört zum Konzept. Statt Motorenlärm sind Vogelrufe, das Knirschen der Reifen auf dem Sand und hin und wieder das Lachen aus dem Wagen dahinter zu hören. Eko-Tours arbeitet mit der niederländischen Forstverwaltung Staatsbosbeheer zusammen. So erreicht die Gruppe besondere Stellen im Wald und in den Heidegebieten, ohne die Landschaft mit Abgasen und lautem Motorengeräusch zu belasten. Mit etwas Glück kreuzen Schafe, Rehe, Greifvögel oder frei laufende Rinder den Weg. An diesem Tag bleiben die größeren Tiere zwar auf Abstand – langweilig wird die Fahrt trotzdem nicht.
Denn Koens führt nicht nur durch die Landschaft, sondern durch ihre Geschichte. Der Hondsrug zieht sich als langgestreckter Höhenrücken von der Gegend um Groningen bis nach Emmen. Wer Berge gewohnt ist, wird über die sanften Erhebungen vielleicht lächeln. Für die sonst so flachen Niederlande aber ist der „Rücken“ deutlich zu erkennen. Seit 2015 gehört das Gebiet als erster niederländischer UNESCO Global Geopark zum internationalen Netzwerk geologisch besonderer Landschaften.


Entstanden ist der Hondsrug in der Saale-Eiszeit. Vor rund 150.000 Jahren schob sich mächtiges Inlandeis aus Skandinavien über den Norden der Niederlande. Wie ein gewaltiger Bulldozer drückte und formte es den Boden; Schmelzwasser grub Täler zwischen die langgezogenen Rücken. Als das Eis verschwand, blieben Sand, Lehm und große Findlinge zurück. Noch heute liegen solche Steine überall im Wald. Einige von ihnen wurden Jahrtausende später zu den wohl bekanntesten Zeugnissen der Region aufgeschichtet: den Hünengräbern.
Eines davon liegt direkt an der Route. Zwischen hohen Bäumen erhebt sich Hünengrab D30, eine rund 5500 Jahre alte Grabkammer. Drei mächtige Decksteine ruhen auf den Trägersteinen, ein vierter fehlt. Ursprünglich, erklärt Koens, lag der Boden tiefer, die Zwischenräume waren mit kleineren Steinen geschlossen und die gesamte Konstruktion von Erde bedeckt. Von außen wäre kaum mehr als ein Hügel mit einem schmalen Eingang zu erkennen gewesen. „Ein Hobbit-Haus“, sagt eine Teilnehmerin – nur dass dieser Eingang in eine Grabkammer führte.
Errichtet wurden die Hünengräber von den ersten Bauern der Region, die der Trichterbecherkultur zugerechnet werden. Schriftliche Überlieferungen gibt es nicht. Keramikscherben und Steinwerkzeuge geben Hinweise darauf, wie die Menschen lebten und ihre Toten bestatteten. D30 wurde 1918 von dem Groninger Archäologen Albert Egges van Giffen untersucht. Außerhalb der Grabkammer gefundene Keramikscherben lassen vermuten, dass dort Opfergaben niedergelegt oder Mahlzeiten zu Ehren der Verstorbenen abgehalten wurden.


Viele Fragen bleiben offen – und nicht alle Steine haben die Jahrtausende überstanden. Bevor die Hünengräber im frühen 20. Jahrhundert unter Schutz gestellt wurden, dienten ihre Findlinge mancherorts als Baumaterial für Häuser, Straßen oder Deiche.
Was heute als unschätzbares Kulturerbe gilt, war für frühere Generationen zunächst vor allem ein großer, brauchbarer Stein. Koens mahnt deshalb zu Respekt: Ein Hünengrab sei kein Klettergerüst und - kein Grillplatz, sondern eine jahrtausendealte Begräbnisstätte.
Zurück in den Wagen führt die Strecke tiefer in den Forst. Die schnurgeraden Wege verraten, dass dieser Wald nicht von selbst gewachsen ist. Vor gut hundert Jahren prägten vor allem Sand und Heide die Umgebung. Dann wurde das Gelände in nummerierte Parzellen unterteilt und aufgeforstet. Noch heute stehen an vielen Wegkreuzungen kleine Steine mit Ziffern, die diese Flächen markieren.
Gepflanzt wurden zunächst vor allem schnell wachsende Nadelbäume. Ihr gerades Holz wurde unter anderem gebraucht, um Stollen in den Kohlebergwerken im Süden der Niederlande abzustützen. Laubbäume entlang der Wege sollten verhindern, dass sich ein Feuer ungehindert von einer Parzelle zur nächsten fraẞ. Inzwischen verändert sich der Wald erneut. Hitze und Trockenheit setzen vielen flach wurzelnden Nadelbäumen zu. Die Forstverwaltung entfernt abgestorbene Bestände und setzt stärker auf Baumarten, die mit den veränderten Bedingungen besser zurechtkommen. Die Landschaft, sagt Koens, sei nie starr gewesen – weder in der Eiszeit noch heute.
An einer Lichtung wartet noch eine Überraschung: zwei große Steine übereinander, auf den ersten Blick beinahe provozierend schlicht. Das Kunstwerk trägt den Namen „Ode aan de zon“, Ode an die Sonne. Durch eine Öffnung fällt zur Sommersonnenwende das Licht genau unter den oberen Findling. Die Gruppe ist einige Wochen zu spät für das Schauspiel, aber Koens' Erklärung reicht, damit plötzlich alle nach oben und durch die Öffnung schauen.
Nach zweieinhalb Stunden sind die Fahrzeuge staubiger und ihre Insassen deutlich gelöster als beim Start. Sand klebt an Schuhen und Beinen, in manchen Haaren haben sich kleine Insekten verfangen.
Nur ein Wagen scheint erstaunlich sauber geblieben zu sein, was in der Gruppe prompt eine Diskussion darüber auslöst, ob dessen Fahrer vielleicht zu vorsichtig unterwegs war.
Koens zählt am Ende noch einmal durch. 13 Menschen sind gestartet, 13 kommen zurück. Das sei auch das Ziel gewesen, hatte er zu Beginn mit trockenem Humor erklärt. Die Eko-Tour zeigt Drenthe dabei von einer Seite, die sich weder aus dem Auto noch bei einem kurzen Spaziergang erschließt: als stille Abenteuerlandschaft, in der ein sandiger Waldweg innerhalb weniger Kilometer von der Gegenwart bis weit zurück in die Eiszeit führt.
Von Felicitas Ehrhard