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Keine Epidemie der Kurzsichtigkeit

Ein Schüler sitzt mit Kopfhörern in einem Klassenzimmer und spielt auf einem Smartphone ein Videospiel. Foto: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa

Wenig Zeit draußen, viel vor Bildschirmen: In vielen Ländern ist die Zahl kurzsichtiger Kinder gestiegen

Die Sehkraft ganzer Gesellschaften hat sich in den vergangenen Jahrzehnten mit schier unglaublicher Geschwindigkeit verschlechtert. In Deutschland scheint aber längst ein Plateau erreicht, wie ein Forschungsteam im Fachjournal „Frontiers in Public Health“ berichtet. Bei Kindern und Jugendlichen mit Brille sei in den vergangenen 25 Jahren keine Zunahme der Kurzsichtigkeit mehr festzustellen.

Offenbar milderten regionale Umwelt- und Lebensstilfaktoren die globalen Trends zur Kurzsichtigkeit hierzulande wirksam ab. Die Daten zeigen auch, dass Menschen in Deutschland nicht beschleunigt kurzsichtiger werden. Der mittlere Wert und die Wahrscheinlichkeit, wegen Kurzsichtigkeit eine Brille zu erhalten, blieben weitgehend stabil. Bei jüngeren Jahrgängen zeigte sich sogar eine leichte Tendenz zur Weitsichtigkeit.

Bei Kurzsichtigkeit, auch Myopie genannt, werden entfernte Objekte unscharf wahrgenommen. Vor allem Ostasien hatte in den vergangenen Jahrzehnten einen immensen Anstieg verzeichnet. Der Anteil Kurzsichtiger bei jungen Erwachsenen sei dort rasant von 20 bis 40 Prozent vor dem Zweiten Weltkrieg auf 60 bis 90 Prozent heute gestiegen.

In Europa habe es eine langsamere Verbreitung gegeben. Prognosen zufolge pendele sich der Anteil Kurzsichtiger in Europa bei etwa 40 Prozent ein.

Das Team um Wolf Lagrèze von der Uniklinik Freiburg hatte rund 1,25 Millionen Brillenverordnungen von etwa 437.700 Kindern und Jugendlichen im Alter von 3 bis 18 Jahren aus den Jahren 2001 bis 2025 analysiert.

Langjährige Studie

Es wurde festgelegt, ab welcher Stärke der Fehlsichtigkeit ein Auge als kurzsichtig eingestuft wird – schon bei einem relativ geringen Kurzsichtigkeitswert von minus 0,50 Dioptrien oder mehr. „Entgegen der weit verbreiteten Annahme einer sich rapide beschleunigenden globalen Myopie-Epidemie fanden wir zwischen 2001 und 2025 keinen Anstieg der myopen Brillenverordnungen.“

Brillen würden heute zwar im Mittel in jüngerem Alter erstmals verschrieben, das gehe aber womöglich auf die gestiegene Aufmerksamkeit und frühere Verschreibung auch schon bei recht niedrigen Werten zurück. „Unsere Ergebnisse bestätigen letztlich eine kürzlich durchgeführte europäische Metaanalyse, die darauf hinweist, dass die Myopieprävalenz in Europa seit dem Jahr 2000 weitgehend stagniert.“

Die Forschenden betonen allerdings, dass ihre Daten nur Kinder und Jugendliche erfassen, die bereits eine Brille verordnet bekamen. Kinder ohne Sehkorrektur seien in der Analyse nicht enthalten. Außerdem beruhten die Daten auf realen Verordnungen aus Optikbetrieben und nicht auf standardisierten augenärztlichen Untersuchungen.

Den Anstieg in Ostasien werde unter anderem von der extremen und frühen Intensität der schulischen Ausbildung und dem gravierenden Mangel an Zeit im Freien begünstigt, hieß es. Im deutschen System und Lebensstil seien diese Faktoren wohl weniger ausgeprägt oder würden besser ausgeglichen. Das Team um Lagrèze fand auch keinen Hinweis auf ein MyopiePlus im Zuge der Corona-Pandemie. „Dies widerlegt die Befürchtung, dass die Covid-19-Pandemie und die zunehmende Digitalisierung in Deutschland einen Anstieg der Kurzsichtigkeit während der Quarantäne ausgelöst haben, wie er in anderen, vorwiegend asiatischen Studien berichtet wurde.“

Schon manche Dreijährige werden täglich vor Smartphone- oder Tablet-Bildschirme gesetzt. Das kann ihrer Sehkraft lebenslang schaden, warnen Mediziner. Dabei macht Analysen zufolge die Dosis das Gift: Bei bis zu etwa einer Stunde Bildschirmzeit pro Tag steigt das Risiko kaum, danach bedeutet jede weitere Stunde ein deutliches Risikoplus von jeweils etwa 20 Prozent. Ab etwa fünf Stunden Bildschirmzeit flacht die Kurve ab, das Risiko steigt nur noch geringfügig weiter an.

Entscheidend ist Experten zufolge der Abstand zum Auge, daher habe die Zeit am Smartphone, das oft 20 Zentimeter oder näher vor den Augen gehalten wird, wohl besonders großen Einfluss. Ständiges Nahsehen führt zu einer Anpassungsreaktion, mit der das Auge die energieaufwendige Muskelarbeit verringert: Der Augapfel wächst in die Länge, der Brennpunkt des Auges liegt in der Folge vor der Netzhaut. Nahe Objekte werden dadurch schon mit weniger Muskelarbeit scharf gesehen, entfernte Objekte aber unscharf. Umkehren lässt sich Kurzsichtigkeit nicht. 
dpa


TIPP DES MONATS

Heuschnupfen: Augenreiben ist tabu

Jucken und brennen die Augen, ist das lästig. Auch wenn Heuschnupfen-Geplagte dafür etwas Selbstdisziplin brauchen: Am besten verkneifen sie sich, die Augen zu reiben. „Das verschafft zwar kurzfristig Linderung, kann die Beschwerden aber langfristig verstärken“, sagt Augenarzt Seleman Bedar. Durch das Reiben werden nämlich Entzündungsstoffe freigesetzt, die bei ohnehin gereizten Augen alles andere als hilfreich sind. Und: „Im schlimmsten Fall verursacht man sogar kleine Verletzungen“, so Bedar. So können etwa kleine Kratzer auf der Hornhaut entstehen. Brennen oder jucken die Augen, können antiallergische Augentropfen Linderung bringen. Gut zu wissen für alle, die mit Kontaktlinsen im Auge den Alltag bestreiten: „Pollen bleiben manchmal daran haften“, sagt Seleman Bedar. Daher lautet sein Rat, in der Pollensaison auf Tageslinsen umzusteigen, die nach der Benutzung in den Müll wandern. So erspart man sich, die Sehhilfen von Pollen-Überresten reinigen zu müssen. Oder man steigt gleich auf die Brille um, die in einem gewissen Maß auch als „Pollenblocker“ funktioniert.
dpa

Unternehmen aus der Region

ZAHL DES MONATS

2,6 Millionen

Selbst mäßiger Straßenlärm kann sich einer Studie zufolge auf Herz und Kreislauf auswirken. Das Umweltbundesamt nennt Straßenverkehr als dominierende Lärmquelle und verweist auf eine Erfassung der Belastung vor einigen Jahren. Der zufolge sind bundesweit 2,3 Millionen Menschen ganztags Pegeln von mehr als 65 Dezibel ausgesetzt, nachts sind es bei 2,6 Millionen Menschen Pegel von mehr als 55 Dezibel. Folgen sind unter anderem ein schnellerer Herzschlag und eine verminderte Elastizität von Blutgefäßen, schreibt eine Forschungsgruppe um Thomas Münzel von der Universitätsmedizin Mainz. Die Forscher hatten bei 74 Teilnehmenden unterschiedliche Situationen simuliert: Nächte ohne zusätzlichen Lärm sowie Nächte, in denen über Lautsprecher Straßenlärm 30 oder 60 Mal für jeweils eine Minute und 15 Sekunden eingespielt wurde.
dpa

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