06.01.2019, 09:16 Uhr SIE NANNTEN IHN "DAS REH" Osnabrücker Polizei klärt nach 17 Jahren Identität eines Toten auf

Nach ca. 20 Jahren konnte die Polizei um Ermittler Uwe Hollmann die Identität eines verstorbenen Obdachlosen heraus finden. Am Heger Friedhof hatten damals Studenten ein anonymes Grab für den Verstorbenen anlegen lassen, das auch heute noch gepflegt wird. Foto: Michael GründelNach ca. 20 Jahren konnte die Polizei um Ermittler Uwe Hollmann die Identität eines verstorbenen Obdachlosen heraus finden. Am Heger Friedhof hatten damals Studenten ein anonymes Grab für den Verstorbenen anlegen lassen, das auch heute noch gepflegt wird. Foto: Michael Gründel

Osnabrücker Polizei klärt nach 17 Jahren Identität eines Toten auf. Im Herbst 2001 wurde in Osnabrück ein sterbender, obdachloser Mann gefunden, den viele "Das Reh" nannten. Seine wahre Identität blieb lange Zeit ungeklärt – bis jetzt. Einem Ermittler der Osnabrücker Polizei ist es zu verdanken, dass die Angehörigen des Mannes nach 30 Jahren endlich Gewissheit haben.

Eigentlich hat Kriminalhauptkommissar Uwe Hollmann momentan keine Zeit. Zwei Tote in Hasbergen und Glandorf halten ihn und seine Kollegen auf Trab. Für den Termin mit unserer Redaktion musste Hollmann daher erst einmal seinen Schreibtisch aufräumen und die aktuellen Ermittlungsergebnisse aus dem Sichtfeld der neugierigen Journalisten bringen. "Solche Fälle haben natürlich Vorrang vor denen, die teilweise seit Jahren ungeklärt als Akte im Schrank hängen", sagt Hollmann.

Drei Jahrzehnte Ungewissheit

Einer dieser rund ein Dutzend Fälle ist jetzt aufgeklärt. Der Tod eines obdachlosen Mannes, den viele nur "das Reh" nannten. Ohne Hollmann würde die Familie des Toten nach rund 30 Jahren Ungewissheit immer noch im Unklaren darüber sein, was mit Bruder und Sohn passiert ist. Der Kriminalhauptkommissar liest noch einmal in der Akte, die den Falldes am 7. Oktober 2001 verstorbenen Mannes dokumentiert. Es ist das nüchterne Protokoll vom Ende eines Menschenlebens. 

Universitätsmitarbeiter entdeckten den hilflosen Mann am 6. Oktober, einem Samstag, auf der Katharinenstraße. Einen Tag später starb der Namenlose, offenbar schwer krank, im Osnabrücker Marienhospital. Nach seinem Tod wurde er obduziert, die Ärzte fanden keine Hinweise auf eine unnatürliche Todesursache. Eigentlich wäre der Mann somit kein Fall gewesen, mit dem sich Ermittler der Polizei beschäftigen. Doch weil sich niemand einen Reim darauf machen konnte, wer er war, blieb sein Schicksal eine Vorgangsnummer für die Osnabrücker Polizei. Leiche 201.

"Er war ein bekannter Unbekannter", sagt Hollmann über den Obdachlosen, der bereits Jahre vor seinem Tod im Umfeld der juristischen Fakultät an der Katharinenstraße lebte – und den viele dort akzeptierten. Der Osnabrücker Rechtsanwalt Henning Bahr nahm 1997 sein Studium an der hiesigen Universität aufund erinnert sich noch gut an den hageren, groß gewachsenen Mann. "Als ich mit dem Studium begann, lebte er schon seit einiger Zeit hinter dem Hörsaalgebäude. Er ist mir immer aufgefallen, obwohl ich keinen direkten Kontakt zu ihm hatte", sagt Bahr heute. Woher der Spitzname "Das Reh" kommt, weiß Bahr nicht. Doch Sonja Krügener erinnert sich: "So haben ihn Mitarbeiter der Uni genannt, weil er ziemlich scheu war", sagt Krügener, die einst in Osnabrück Wirtschaftswissenschaften studierte und nun in Düsseldorf lebt.

Dass aus Leiche 201 nun ein Name geworden ist, liegt an Ermittler Hollmann und seinen Kollegen vom 1. Fachkommissariat. Regelmäßig wälzen die Beamten die Akten der sogenannten "Cold Cases". Rund ein Dutzend dieser ungelösten Kriminalfälle hängen in Papierform in einem Aktenschrank der Osnabrücker Polizeiinspektion. Vor einigen Jahren gelang es Hollmann, den Mörder von Christina Spiegel zu überführen – 25 Jahre nach der Tat. Mit modernen kriminaltechnischen Methoden konnte die DNA eines Verdächtigen aus einem Beweisstück extrahiert werden. "Das war ein spektakulärer Fall", sagt der Ermittler.

"Diesen Fall werde ich nicht vergessen, denn er ist in mehrfacher Hinsicht sehr berührend."Uwe Hollmann, Kriminalhauptkommissar

"Das Reh" mag für Hollmann weniger spektakulär gewesen sein, trotzdem hat ihn der Fall über die Jahre hinweg nicht losgelassen. "Ich bin ja schließlich auch ein Mensch." Letztlich war es Hollmanns Erfahrung und ein wenig Ermittlerglück, die dazu führten, die Identität des Mannes aufzuklären. Vor einiger Zeit bearbeitete der Ermittler einen anderen, weit zurückliegenden Fall, in dem ein Mann aus der Obdachlosenszene kurzzeitig als Verdächtiger geführt wurde. Er wurde fotografiert, sein Name protokolliert. Weil sich der Verdacht nicht erhärtete, blieb der Mann lediglich Teil einer Spur, die ins Nichts führte. Doch Hollmann ging das Gesicht nicht aus dem Kopf. "Ich war mir sicher, dass ich den Mann kannte."

In der Akte "Das Reh" wurde Hollmann schließlich fündig – und auf einmal hatte Leiche 201 einen Namen. Der Ermittler setzte Puzzleteilchen zusammen und landete beim Leipziger Standesamt einen Volltreffer. Im Register wurde der Name des Toten geführt, Hollmann gelang es außerdem, Kontakt zu den noch lebenden Familienangehörigen herzustellen.

"Es war mir wirklich ein Anliegen, diesen Fall aufzuklären", sagt Hollmann. "Die Angehörigen sind natürlich aus allen Wolken gefallen, als sie von Polizeikollegen aus Leipzig über den aktuellen Stand informiert wurden." Seither steht der Osnabrücker in Kontakt mit der Familie des Toten. "Die wussten im Grunde genommen seit 30 Jahren nicht, wo er genau ist und wie es ihm geht. Sie haben aber schon geahnt, dass er nicht mehr am Leben ist." Um endgültig Sicherheit zu haben, wird die DNA des Toten momentan mit der seiner mutmaßlichen Mutter abgeglichen. "Wenn das amtlich ist, schließt sich auch für uns die Akte endgültig", so der Kriminalhauptkommissar.

"Man wusste nichts über ihn, aber er war einfach immer da."Sonja Krügener, ehemalige Studentin

Berührt hat Hollmann die Geschichte des Obdachlosen. Im Alter von 18 Jahrenwollte er mit einem Freund aus Ostdeutschland flüchten, wurde letztlich aber vom DDR-Regime ins Gefängnis gesteckt. Die BRD kaufte den Mann frei. Seiner Familie im Osten berichtete er, in Tübingen gelandet zu sein. Doch offenbar kam er in Westdeutschland nicht zurecht. Irgendwann fanden die Angehörigen eine Ansichtskarte aus Osnabrück in ihrem Leipziger Briefkasten. Dieses letzte Lebenszeichen des Mannes an seine Familie stammte aus den 1980er Jahren. 

Zurückgezogen in der eigenen Welt

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Mann schon tief in seine eigene Welt zurückgezogen, deren räumlicher Mittelpunkt der Uni-Parkplatz zwischen Katharinenstraße und Martinistraße wurde. Während im Hörsaal der Grundstein so mancher juristischer Karriere gelegt wurde, lebte "Das Reh" nebenan ein Leben in karger Einsamkeit inmitten des quirligen studentischen Lebens.



"Irgendwie war er immer ein Teil des Ganzen", sagt Krügener heute. "Das Reh" habe häufig in der Cafeteria gesessen und dort sogar aufgeräumt. Studenten stellten ihm ihre Pfandbecher hin, denn Geld wollte der Mann nicht annehmen. "Er lebte in seiner Welt, ein Gespräch konnte man nicht wirklich mit ihm führen. Durch sein ruhiges Wesen war er aber akzeptiert – auch von den Hausmeistern."

Bestattung und Grabstein organisiert

Bei der nach seinem Tod ins Leben gerufenen Spendensammlung beteiligten sich Studenten, Professoren und Mitarbeiter der Uni. Zur Trauerfeier kamen seinerzeit rund 30 Menschen. Ein Kommilitone Krügers, der aus einem Steinmetzbetrieb stammte, organisierte einen Grabstein. Bis heute ruht "Das Reh" auf dem Heger Friedhof in Osnabrück, die Grabpflege wird noch immer von den einstigen Studenten organisiert und finanziert.

Für Krügener ist die Angelegenheit trotzdem mittlerweile weit weg. Nur als unlängst Uwe Hollmann sie anrief und ihr vom "Reh" berichtete, da kam die Geschichte noch einmal wieder hoch. "Klar, da kommen Erinnerungen zurück. Ich hatte in diesem Moment sogar wieder den Geruch der Cafeteria in der Nase." 

Das Reh ist nicht vergessen.


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