Als wäre er aus Marzipan gebaut: Wie eine Ruine sieht der Stüveschacht nicht mehr aus. In diesen Wochen gehen die Arbeiten an seinem alten Mauerwerk zu Ende. Wenn beim Förderverein wieder Geld in die Kasse kommt, könnte schon im kommenden Jahr das Dach gedeckt werden.

Manni Veerkamp hat Respekt vor dem alten Schachtgebäude am Piesberg. "Das ist schon schöne Arbeit", sagt der erfahrene Maurer, wenn er auf die alten Bruchsteinmauern aus Piesberger Karbonquarzit blickt. Akkurat wie seine Vorgänger aus dem 19. Jahrhundert hat er die beiden Giebel wieder aufgemauert. Es fehlten Steine, aber es fand sich würdiger Ersatz, als kürzlich am Fürstenauer Weg ein Bauernhaus abgerissen wurde.

Rost abgestrahlt

Unter Veerkamps Händen ist in fast 20 Meter Höhe der Rundbogen wiedererstanden, gemauert aus rotem Ziegelstein. Mittendrin die eisernen Bergmannsinisignien Hammer und Schlägel. Die waren so verrostet, dass sie in der Restauratorenwerkstatt der Firma Paetzke abgestrahlt und neu gestrichen werden mussten. Jetzt sehen sie fast wieder aus wie neu.

Foto: Michael Gründel

Als die Restauratoren im Februar mit ihrer Arbeit am Stüveschacht begannen, hatten sie eine Ruine vor sich, aus der schon Birken und Efeu wuchsen. In den Wänden klafften große Löcher, weil man nach dem Ende des Kohlebergbaus 1898 nicht zimperlich war, um die schweren Dampfmaschinen aus dem Schachtgebäude zu bergen. Und weil sich mit Altmetall schon damals eine schnelle Mark verdienen ließ, ging auch das Tonnendach bald darauf verloren – mit dem Ergebnis, dass die Bruchsteinmauern 100 Jahre lang ungeschützt Regen, Sturm und Frost ausgesetzt waren.

Der Urgroßvater war Bergmann

Dass dem Verfall überhaupt Einhalt geboten wurde, geht auf Männer wie Franz Heidemann, Dierk Kovermann und Markus Wiekowski zurück. Fasziniert von der neoromanischen Industriearchitektur und der Geschichte des Kohlebergbaus am Piesberg haben sie vor drei Jahren den Förderverein Stüveschacht gegründet, der es sich zum Ziel gesetzt hat, das alte Zechengebäude wachzuküssen.

Foto: Egmont Seiler


Franz Heidemann – sein Urgroßvater hat im Piesberg schon unter Tage gearbeitet hat – wollte nicht mit ansehen, wie der Zahn der Zeit die historischen Mauern zerstört. Als ersten Mitstreiter gewann er Dierk Kovermann, der wie er seit vielen Jahren in der Nähe der Ruine lebt. Markus Wiekowski ist vor 18 Jahren als Architekt mit dem Stüveschacht in Berührung gekommen. Damals gab es die Überlegung, das Gebäude als Magazin für das Museum Industriekultur zu nutzen. Daraus wurde zwar nichts, aber die Idee hat ihn nie losgelassen.

Stahlbeton zur Sicherheit

Mit Zustimmung des Museums Industriekultur darf der Förderverein nun die Ruine sichern und zu einem Lernstandort ausbauen, der Schülern die Industriegeschichte und die Kulturlandschaft des Piesberges nahebringen soll. Durch die Spendierfreudigkeit großer und kleiner Sponsoren sind 371.000 Euro in die Kasse gekommen – gerade genug, um den ersten Bauabschnitt zu realisieren, der den Stüveschacht zu einer begehbaren Ruine macht.

Foto: Michael Gründel


Dass Besucher nicht mehr mit herunterfallenden Steinen rechnen müssen, wenn sie über die Schwelle treten, war das eigentliche Ziel der Arbeiten, die jetzt nach einem Dreivierteljahr zu Ende gehen. Wer das 20 Meter hohe Industriedenkmal an der Lechtinger Straße aus der Nähe betrachtet, merkt sofort, dass der Förderverein nicht nur die Substanz sichern, sondern ein neues Kapitel aufschlagen will. Das Mauerwerk war wohl noch nie so stabil, weil es mit zwei umlaufenden Ringbalken aus Stahlbeton verstärkt wird.

Dampfkoloss mit 650 PS

Damit würden die vier Wände wohl problemlos die Erschütterungen schwerer Dampfmaschinen verkraften, die einst in ihrem Innern stampften. Aber die sind Geschichte. Immerhin lassen sich die Positionen der vier Lagerböcke noch auf dem Hallenboden erkennen. Franz Heidemann hat sie schon vermessen.

Foto: Michael Gründel


Im Beton stecken 32 armdicke Rundeisen, die das Gewicht der Woolfschen Wasserhaltungsmaschine abfangen sollten. Auf diesem Sockel will der Förderverein ein 1:1-Modell des 650-PS-Ungetüms aufstellen. Als Vorbild dient ein baugleicher Nachbau, der im Bergbaumuseum Bochum steht. Aber jetzt muss erst einmal das Gebäude hergerichtet werden.

Barrierefrei ins Innere

Im Architekturbüro von Vereinsmitglied Markus Wiekowski wird schon an der Genehmigungs- und Ausführungsplanung für die nächsten Bauabschnitte gearbeitet, in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege, wie er betont. Dass er auf einen Teil seines Honorars verzichtet, ist sein Beitrag zur Wiederbelebung des historischen Gemäuers.

Foto: Michael Gründel


Auf dem PC-Bildschirm von Bauzeichnerin Nina Ellrich erscheint ein 3D-Modell der historischen Anlage. Hervorstechendes Detail ist eine schicke Rampe, über die das Innere des Gebäudes barrierefrei erreicht werden kann.


Simulation: Wiekowski Architekten


45.000 Euro soll die stählerne Konstruktion kosten, aber das Geld muss erst noch aufgetrieben werden. Der Förderverein hofft, dass ihm die Sponsoren gewogen bleiben und dem teilrestaurierten Baudenkmal möglichst bald zu einem Dach verhelfen. Aus Blech soll es sein, ein Tonnendach, wie vor 130 Jahren. Um 1888 ist der Gebäudetrakt entstanden, von dem die Ruine erhalten geblieben ist. Er bildete den westlichen Pfeiler einer langgestreckten Industrieanlage, wie ein Foto von 1896 erkennen lässt.



Was heute allgemein als Stüveschacht bezeichnet wird, ist genau genommen das Pumpenhaus der Kohlezeche. Und den eigentlichen Schacht, der bis in eine Tiefe von 210 Metern führt, gibt es noch. Eine Betonplatte verhindert, dass Spaziergänger hineinstürzen. Als der Georgsmarien-Hütten- und Bergwerksverein Osnabrücks Kohlegrube 1898 nach einem Streik der Bergarbeiter schloss, soff der Schacht ab.

Foto: Museum Industriekultur Osnabrück


Auf seiner Sohle steht noch immer die riesige Wasserhaltungsmaschine von Haniel und Lueg, die nur wenige Jahre in Betrieb war. Das Tandemaggregat leistete zwei mal 300 PS und konnte zwölf Kubikmeter pro Minute fördern. Hier zeigt sich die Achillesferse der Piesberger Zeche. Je tiefer die Kohlekumpel vordrangen, desto gewaltiger wurden die Wassermassen, die mit immer größerem Aufwand aus der Grube gepumpt werden mussten.

Zeichnung: Museum Industriekultur Osnabrück


Vielleicht wird es eines Tages möglich sein, die Maschine aus der Tiefe zu holen. Eine titanische Herausforderung, denn im Schacht steht das Wasser 167 Meter hoch. Franz Heidemann vom Förderverein richtet den Blick lieber nach oben. Schritt für Schritt soll es weitergehen mit der Restaurierung. Erst die Rampe, dann das Dach. Wenn wieder Geld in die Kasse kommt, am besten schon 2019.

Kontakt: Förderverein Stüveschacht, Franz Heidemann, Telefon 05 41/12 65 79.



Neues Kapitel für die Osnabrücker Kohlezeche Der Stüveschacht wird wachgeküsst

Von Rainer Lahmann-Lammert

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