Von Kira Oster und Anna Behrend


Es ist dunkel, feucht und zu jeder Jahreszeit konstante zehn Grad kalt: So richtig wohl fühlen sich in der Hamburger Kanalisation wahrscheinlich nur Ratten. Das Abwassernetz der Hansestadt ist 5.900 Kilometer lang. Und alt ist es auch: Die Hamburger Kanalisation ist mit 176 Jahren die älteste auf dem europäischen Festland. Auch deswegen muss Hamburg Wasser jedes Jahr Millionen von Euro in die Instandhaltung investieren. Wie sieht es da unten aus? Ein Besuch in Hamburgs Sielsystem.

In Hamburg sagt man Siel

In Hamburg sagt man Siel
Der Begriff Siel wird grundsätzlich als Teil des Entwässerungssystems im Bereich von Deichanlagen dargestellt. In Hamburg hat sich dieser Begriff für die Abwasserleitungen der Stadt durchgesetzt. Das Sielnetz bezeichnet hier das System unterirdischer Rohre und Kanäle, über die das städtische Abwasser zum Klärwerk geleitet wird.


Man mag sich nicht vorstellen, wie fürchterlich es vor 1842 in Hamburg noch gestunken haben muss. Denn die Menschen kippten ihre Fäkalien einfach auf die Straße. Nach dem Großen Brand tüftelte der Brite William Lindley, der damals in Hamburg lebte, einen Plan aus, der dem Gestank in den Straßen ein Ende bereitete. Der Ingenieur entwickelte ein Kanalisationskonzept. Regen- und Abwasser sollten fortan in die Elbe geleitet werden. Nur wenige Monate nach dem Großen Brand begannen die Bauarbeiten. Auch heute noch beruhen große Teile der Kanalisation auf den Planungen von damals. 

Foto: Hamburg Wasser

Die alten Siele machen heutzutage viel Arbeit. Deswegen muss der Betreiber Hamburg Wasser jedes Jahr Bereiche der Kanalisation erneuern, ausbessern und erweitern. Momentan ist die Bismarckstraße in Eimsbüttel eine riesige Baustelle. Seit Mai 2017 wird dort am Abwassersystem gearbeitet. 


Was die Nerven der Anwohner strapaziert, soll am Ende die Kanalisation entlasten: Jedes Mal, wenn in Hamburg ein Wasserhahn aufgedreht, eine Klospülung gedrückt oder ein Geschirrspüler angestellt wird, fließt danach Abwasser in das Sielnetz. Durchschnittlich 450.000 Kubikmeter Wasser pro Tag landen im Hamburger Abwassernetz. Das sind etwa neun Millionen Badewannen voll Wasser. “Wenn es regnet können es auch bis zu einer Million Kubikmeter sein”, sagt Janne Rumpelt, Pressesprecherin von Hamburg Wasser. Solche Wassermassen bringen die alten Siele leicht an ihre Grenzen.

Weniger ungeklärtes Wasser in den Isebekkanal

Das Bauprojekt in Eimsbüttel ist Teil des Gewässerschutzprogramms. Denn bisher laufen die Siele in diesem Bereich unter der Erde mehrmals im Jahr so voll, dass ungeklärtes Abwasser ausweichend in den anliegenden Isebekkanal läuft. „Nach der Fertigstellung wird das nur noch einmal alle paar Jahre so sein“, erklärt Janne Rumpelt.

Um die großen Wassermengen vorübergehend aufnehmen zu können, wird in sechs Meter Tiefe ein etwa 900 Meter langes Rohr gebaut:


Etwa 70 Millionen Euro kostet der Umbau. Es ist vorerst das letzte große Bauvorhaben, mit dem die Kanalisation in der Hamburger Innenstadt saniert wird. Im Frühjahr 2019 sollen die Bauarbeiten in der Bismarckstraße komplett abgeschlossen sein. Das neue Rohr soll im November 2018 in Betrieb genommen werden. Danach ist eine Begehung nur noch unter strengen Sicherheitsmaßnahmen möglich – Keime und Gase aus dem Abwasser können gefährliche Auswirkungen haben.

Noch riecht es in dem neuen Siel nur nach Baumaterialien und noch nicht nach Fäkalien. Doch bereits jetzt gilt es Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, um das Rohr unter der Erde zu besichtigen.

So abgesichert kann der Abstieg beginnen. Der Weg in das neue Siel führt über ein enges, sechs Meter tiefes Loch. Ein Metallseil, eingehakt am Sicherungsgurt, schützt beim Hinabklettern über die schmale Sprossenleiter vor Stürzen in die Tiefe.

Unten im Kanal ist es dunkel, nur durch den Einstieg scheint etwas Tageslicht herein. Jedes Wort, jeder Schritt hallt nach und lässt erahnen, dass sich in der Dunkelheit ein weitreichendes Röhrensystem verbirgt. Mit der starken Kopflampe von Projektleiter und Bauingenieur Carsten Gottschlich lässt sich immerhin einige Meter weit in das Tunnelsystem blicken.

Bewegen Sie Ihr Handy oder ziehen Sie den gedrückten Mauszeiger über das Bild, um sich in der Röhre umzuschauen.

Das Gehen im Rohr fällt schwer: Am Boden befindet sich eine schmale Rinne, die später für einen optimalen Durchfluss im sorgen soll. 

Noch ist das Siel sauber, doch ist es erst einmal in Betrieb wird es auch hier eine Menge geben, was dem Betreiber Probleme bereiten wird. Altes Bratfett, Ohrenstäbchen, Tabletten: Immer wieder landen Sachen im Abwasser, die dort gar nicht hingehören. „Wir sagen eigentlich immer: Auf das Klo gehört nur der Po“, fasst Janne Rumpelt lachend zusammen. Besondere Probleme bereiten den Betreibern des Hamburger Abwassersystems folgende Dinge:

Diese Dinge haben im Abwasser nichts zu suchen

Diese Dinge haben im Abwasser nichts zu suchen
1. Speisereste: Speisereste im Abwasser locken Ratten an. Besser: Übriggebliebenes Essen gehört in den Restmüll.
2. Fett: "Wenn Fett im Abwasser landet, erkaltet es und setzt sich an den Wänden der Rohe und Pumpen des Kanalnetzes fest", erklärt Janne Rumpelt. Die Reinigung ist mühselig. Besser: Fettrückstände sollten mit einem Papiertuch aus der Pfanne gewischt werden und gehören dann in den Restmüll. 
3. Süßstoffe: Süßstoffe  werden als Zuckerersatz in Lebensmitteln eingesetzt. Sie kommen meistens in Light-Produkten vor. Einige Süßstoffe, zum Beispiel Acesulfam-K, Sucralose, Saccarin und Cyclamat, sind biologisch nicht abbaubar. Besser: Natürliche Süßstoffe wie z.B. Stevia nutzen.
4. Hygieneartikel: Feucht- und Kosmetiktücher, Wattestäbchen, Kondome, Damenbinden, Tampons und Slipeinlagen dürfen nicht über die Toilette entsorgt werden. Im Gegensatz zu Klopapier lösen sich diese Hygieneartikel im Abwasser nicht auf. Besser: Ein kleiner Mülleimer im Bad für Hygienartikel.
5. Mikroplastik: In einigen Kosmetikprodukten, wie Duschgel, Peeling oder Duschgel, ist Mikroplastik enthalten. Die Plastikpartikel sind so klein, dass sie von der Kläranlage nicht komplett aus dem Abwasser entfernt werden können. Besser: Alternativprodukte ohne Plastik nutzen. 
5. Medikamente: Mehr als 40 Prozent der Hamburgerinnen und Hamburger haben alte Medikamente schon einmal über die Toilette oder Spüle entsorgt. Sowohl Pillen als auch flüssige Arznei können auf dem Klärwerk nicht vollständig aus dem Abwasser entfernt werden. Besser: Medikamente über den Hausmüll entsorgen.

Landen Bratenfett und Co dennoch in der Kanalisation, müssen sie teilweise mühsam in Tauchgängen aus den Rohren herausgeholt werden.

Auch wenn das neue Rohr noch sauber ist: Ewig aufhalten möchte man sich in der modrigen Dunkelheit nicht. Hinaus führt ebenfalls nur der Weg über die schmale Sprossenleiter. Da man zum Klettern unbedingt beide Hände zum Festhalten braucht, müssen mitgeführte Gegenstände über einen Eimer ans Tageslicht transportiert werden. 

Bewegen Sie Ihr Handy oder ziehen Sie den gedrückten Mauszeiger über das Bild, um sich in der Röhre umzuschauen.


Und so bleiben dauerhaft nur die Ratten in den Sielen, wenn ab November das Wasser aus Toilette, Spülbecken und Regenrinne durch das neue Rohr fließt.


In Hamburgs Untergrund So sieht es in Hamburgs Abwassersystem aus

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