Wie der Ochse Johann starb

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Osnabrück. Das Leben des Ochsen mit Namen Johann war nicht lang. Etwa drei Jahre hat es gedauert. Dann streckte ihn ein Schuss aus der Jagdbüchse von Hubert Ketteler nieder.


Hubert Ketteler sitzt auf seinem Hochsitz, zielt, setzt ab, zielt wieder. Der Ochse Johann trottet gutmütig auf ihn zu, muht noch zwei Mal, dann knallt‘s. Die Patrone vom Typ 300 Winchester Magnum dringt ins Hirn des Tieres ein.

Foto: Bobbfwed/Wikipedia

Auf dem Biobetrieb der Familie Ketteler im Kreis Borken werden die Tiere auf der Weide geschlachtet. Die absolute Ausnahme in Deutschland.

Die rote Morgensonne am Horizont

Der Tag, an dem Johann stirbt, beginnt für Biobauer Hubert Ketteler sehr früh. Der Horizont ist in Morgenrot getaucht, in der Ferne läuten Kirchenglocken.



Ketteler klettert mit seinem Jagdgewehr im Anschlag auf einen Hochsitz. „Der da?“, ruft der er vom Hochsitz und zeigt auf Johann. Unten steht seine Tochter Tanja Ketteler, die Chefin des Betriebs. Sie wirft den Ochsen Futter auf die Weide. Gemächlich kommen die Tiere angetrabt.

Johann ist einer von ihnen - der Ochse, dessen Ohrmarke auf die Ziffern 123 endet. Doch die Tiere auf dem Hof haben eben nicht nur Nummern, sondern auch Namen. „Das gehört einfach dazu, so nehme ich die Tiere bewusster wahr“, sagt Tanja Ketteler, die das hier ziemlich mitnimmt.  

Johanns Fleisch ist schon verkauft

Dieses Mal fiel die Wahl auf Johann. Sein Leben wird bald enden. Sein Fleisch ist schon verkauft. Ein Amtstierarzt war tags zuvor da und hat geschaut, ob der Ochse auch gesund ist. Ist er. Die Polizei ist informiert, dass gleich ein Schuss fallen wird. Das ist so vorgeschrieben. Nur Johann ahnt wohl nichts.

Als Hubert Ketteler schießt, sackt Johann auf der Stelle zusammen. Ketteler klettert herab. Zügig aber nicht hektisch. Mit geübten Stichen in den Hals des Tieres durchtrennt er die Hauptschlagadern. Das Blut dampft. Johann verblutet, ohne dass er noch einmal das Bewusstsein erlangt.



Die anderen Ochsen auf der Weide scheinen von dem Geschehen völlig unbeeindruckt. Einige kommen heran, schauen und schnuppern, während das Blut fließt.



Das alles sieht martialisch aus. Aber auch naturverbunden. Johann starb dort, wo er sein Leben verbracht hat: auf der Weide. Hubert Kettelers Hände sind noch rot vom Blut als er sagt: „Da muss man die Gefühle schon im Griff haben.“ Seit 40 Jahren geht er auf die Jagd, hat sich für die Weideschlachtung weiterbilden lassen.

Zehn Kilogramm Johann für 145 Euro

Etwa einmal im Monat erschießt er einen der Ochsen auf dem Hof seiner Tochter. Immer dann, wenn genügend Bestellungen über das Internet eingegangen sind. Das Zerlegen der Tiere übernimmt ein Metzger im Nachbarort. Etwa eine Woche später kommen die Kunden auf den Hof Ketteler und holen ihren Teil vom Ochsen ab, den sie vorher im Internet bestellt haben: Zehn Kilogramm für 145 Euro. Also in etwa die Menge Rindfleisch, die Deutsche durchschnittlich im Jahr pro Kopf essen. Nur geben sie dafür im Schnitt wohl auch deutlich weniger aus.

Früher kamen die Viehtransporteure auch auf den Hof der Kettelers, packten die Rinder ein und fuhren zum Schlachthof. So ist der Ablauf heute fast überall in Deutschland: Große Schlachthöfe töten und zerlegen sie und beliefern die Tiefkühltruhen in den Supermärkten der Republik mit Fleisch.

„Ich bin froh, dass wir die Tiere jetzt auf der Weide schlachten. Da weiß man, dass es ihnen bis zum Schluss gut geht“, sagt Tanja Ketteler. Es geht dabei aber nicht nur ums Wohlergehen der Rinder, sondern auch um die Qualität des Fleisches: Erleiden die Tiere vor der Schlachtung Stress, kann das Fleisch dunkel, zäh und trocken werden. Anders gesagt: Das, was von Johann später auf den Tellern landet, ist besonders zart. Sagen zumindest die Kettelers. Untersuchungen zur Fleischqualität bei der Weideschlachtung legen das nahe.

„Wenn ein Schuss danebengeht, ist das der Super-GAU“Agrarbiologin Stefanie Retz

Die Agrarbiologin Stefanie Retz hat sich etwa drei Jahre lang mit dem Thema aus wissenschaftlicher Sicht beschäftigt und viele Rinder in dieser Zeit sterben sehen. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Kassel-Witzenhausen sagt: „Die Weideschlachtung sollte die absolute Ausnahme bleiben.“ Man dürfe sie trotz der Vorteile fürs Tierwohl nicht romantisieren angesichts der Gefahren für Mensch und Tier. „Wenn ein Schuss danebengeht, ist das der Super-GAU“, sagt Retz. 

Sie hat es selbst schon beobachten müssen. „Da ist der gut geführte Schlachthof die bessere Alternative.“ In den Betrieben werden die Rinder fixiert, bevor ein Bolzenschuss ihnen das Bewusstsein raubt. Die Fehlerwahrscheinlichkeit ist geringer, die Schlachtzahlen um ein Vielfaches höher.

Foto: dpa

Die Kettelers wissen um die Nachteile der Weideschlachtung, aber sie sind überzeugt von dem, was sie machen und wie sie es machen. Eine Mission hat die Familie nicht. Tanja Ketteler will niemanden davon überzeugen, dass ihr Weg der einzig richtige ist. Sie geht eben nur ihren eigenen. „Ich habe auf einem konventionellen Betrieb gelernt“, sagt die Biobäuerin. 

Vom Glück der Kettelers

Für sich habe sie entschieden, in den Biosektor einzusteigen, die 55 Mutterkühe ganzjährig auf der Weide zu halten und das Futter auf den 22 Hektar rund um den Hof anzubauen. „Die Weideschlachtung war dann irgendwann der letzte logische Schritt.“ Ihr Vater fügt hinzu: „Das, was wir hier machen, geht auf den wenigsten Betrieben. Wir sind in der glücklichen Situation, dass ich Jäger bin, und in der Nähe ein Metzger vorhanden ist.“ 

Zum Metzger bringen die Kettelers Johann selbst. Als die Sonne an diesem Tag ganz aufgegangen ist, ist der Ochse bereits an den Traktor gekettet und zum Abtransport bereit.



Wer Johann folgt, ist offen. Tanja Ketteler hat sich noch nicht entschieden.


Fotos, Video und Text: Dirk Fisser

Animationen und Grafik: Anna Behrend

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