Keine Kandidaten für Vorstand Rothenfelder Kurverein nach Mitgliederversammlung am Ende?

Im Schatten des Gradierwerks streiten sich die KVV-Mitglieder über Salz, Kassenberichte und Protokolle. Foto: David EbenerIm Schatten des Gradierwerks streiten sich die KVV-Mitglieder über Salz, Kassenberichte und Protokolle. Foto: David Ebener

Bad Rothenfelde. Diese Mitgliederversammlung des Bad Rothenfelder Kur- und Verkehrsverein (KVV) wird den Mitgliedern vermutlich lange im Gedächtnis bleiben. Nicht nur, weil sie drei Stunden dauerte. Akribisch ackerte sich der KVV in gereizter Stimmung durch die Tagesordnung und diverse Anträge und Abstimmungen. Es krachte an allen Ecken und Enden.

Der KVV ist in der Krise. Unstimmigkeiten über die Kassenführung und die Arbeit der Vorsitzenden Onat Temme führten dazu, dass der zweite Vorsitzende Dirk Dreyer, Beisitzerin Rosemarie Gätje und aus anderen Gründen letztlich auch Kassenwart Arne Unnerstall ihr Amt schon vor der Sitzung niedergelegt hatten. Mittwochabend folgte die Vorsitzende Onat Temme:

"Ich habe das sehr gerne gemacht, obwohl der KVV sehr anstrengend war. Es kann wohl jeder verstehen, dass ich nicht mehr will"

Sie sei von den erhobenen Vorwürfen tief verletzt worden und lasse sich auch nicht zum Weitermachen überreden.  

Seit Januar ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Temme. Der Vorwurf nach Angaben des Sprechers der Staatsanwaltschaft: "Betrug und Untreue". Dabei geht es nach Informationen unserer Redaktion nicht um den Vorwurf einer persönlichen Bereicherung. Sie habe von den Ermittlungen erst im NOZ-Bericht erfahren, behauptete Temme in der Versammlung. Allerdings war sie zwei Tage vorher von der Redaktion zu eben diesen Ermittlungen befragt worden.

Im Hotel zur Post musste am Mittwoch über jedes Detail abgestimmt werden. Schon die Frage der ordnungsgemäßen Ladung wurde höchst unterschiedlich beurteilt. Weder die vorgesehene Zweiwochenfrist sei bei einigen eingehalten worden, noch seien alle Vereinsmitglieder geladen worden. "Ja, das sei wohl möglich", meinte Temme. Es täte ihr leid, dass sie Rosemarie Gätje keine Einladung habe zukommen lassen. "Aber ich mache das ehrenamtlich und wir sind alle Menschen."

Hilfe für Vereinsrecht

Günter Striedelmeyer monierte die Einladung per Mail und sorgte sich, dass die Versammlung nicht beschlussfähig sein könnte. "Die Einladung ist in Ordnung, auch Fax oder Mail erfüllen das Gebot der Schriftlichkeit", ließ sich sofort Ruth Albers vernehmen, die von Temme anschließend als neues Mitglied vorgestellt wurde, das sie als "Hilfe für Vereinsrecht" unterstütze. Wer Albers denn aufgenommen habe, wollte ein Mitglied wissen. "Ich habe sie aufgenommen, wollte jetzt die Mitglieder fragen", meinte Temme. Das sei nicht die richtige Reihenfolge, kommentierte ein Mitglied das Vorgehen der Vorsitzenden. Albers selbst betonte, sie sei nicht von Temme beauftragt worden.  

Der Streit im KVV war in der Mitgliederversammlung im November eskaliert. Dort war der Punkt Kassenprüfung und Entlastung des Vorstands für 2017 recht unkonventionell abgehandelt worden. Die Kasse war noch wenige Tage vor der Versammlung ungeprüft. Temme erklärte den Mitgliedern in der Sitzung: Wegen des monatelangen Ausfalls der Kassenprüfer habe nun ein Steuerberater die Kasse geprüft: "Dann muss es ja wohl stimmen." Die Mitglieder hatten den Vorstand daraufhin mit großer Mehrheit entlastet.

Sie müsse sich entschuldigen, sagte Temme jetzt. Im November sei die Kassenprüfung nicht richtig durchgeführt worden:

"Das würde ich gerne gerade biegen"

Steuerberaterin Gabriele Ingenpass ergänzte, dass sie nicht die Kasse geprüft, sondern nur, wie üblich, die jährliche Steuererklärung des Vereins erledigt habe. Ingenpass: "Bei einer Steuererklärung sehen wir die Belege nur, aber prüfen sie nicht. Eine Kassenprüfung ist viel umfangreicher. Dafür braucht man Mitgliederverzeichnis, Forderungen und Verbindlichkeiten und so weiter. Die Kassenprüfung war nicht unser Auftrag." 

Noch am Montag hatte Temme auf die Frage unserer Redaktion, wer die von ihr behauptete Kassenprüfung durch den Steuerberater bezahlt habe, wörtlich erklärt: 

"Das zahle ich, weil ich mir von niemandem etwas ans Bein binden lassen möchte."

Eine Aussage, die sie am Mittwoch bestritt. "Der Beweis: Wir haben ja gar keine Kassenprüfung gemacht." Letztlich waren Günter Striedelmeyer und Klaus Ranke bereit, die Kassenprüfung für 2017 und 2018 nachzuholen. 

Nachdem Mitglieder vor der Sitzung um Einsichtnahme in die Protokolle der Vorjahre gebeten hatten, warf Onat Temme den Mailverkehr mit ihnen an die Wand. Dabei habe sie eine entscheidende Mail vergessen, die den Schriftverkehr für sie weniger positiv habe aussehen lassen, bemerkte Dreyer. Dafür monierte Temme Dreyers Ton in einer Mail. "Ist das eine nette Aufforderung?" Seine Reaktion: "War das Majestätsbeleidigung?" "Das war Erpressung", erregte sich eine Unterstützerin Temmes.

Appell des Bürgermeisters

Nach dieser ausführlichen "Begrüßung und Feststellung der Beschlussfähigkeit", sollte Klaus Rehkämper über touristische Neuigkeiten im Ort berichten. Der Bürgermeister nutzte das für einen Appell, für die "fundamental wichtige Arbeit" des KVV verloren gegangenes Vertrauen neu aufzubauen. "Versucht das hinzukriegen. Der KVV ist nicht ohne Weiteres verzichtbar." Die Gemeinde könne dabei nicht helfen. Er sei aber überzeugt, dass sich der Verein einigen werde.

Zwei Jahre kein Mitgliedsbeitrag

Anschließend stellte Temme die Jahresrechnung dar. Kassenwart Unnerstall berichtete über 1950 Euro Einnahmen aus Veranstaltungen, die Steuerberater Wilhelm Ingenpass zum Saldo korrigierte. Unnerstall: "Onat musste an die Gewürzmühle zahlen. Die Rechnung war höher als die Barkasse. Da ich noch zwei Jahre Mitgliedsbeitrag offen stehen hatte, habe ich dann 675 Euro eingezahlt." Diesen Betrag habe sie zur Barkasse bei Unnerstall gebracht, ergänzte Temme. Quittungen fehlten an keiner Stelle.

Fragen zum KVV-Konto warf Gabriele Gründker auf, die sich bei der Kur & Touristik seit 2006 um die Bankabrechnungen des Vereins kümmert: Sie habe in den letzten Jahren beobachtet, dass auf dem Konto nur noch Mitgliedsbeiträge als Einnahmen und die Abrechnung der Sparkasse erschienen.

"Das finde ich befremdlich."Gabriele Gründker

Vorher seien sachlich richtige Rechnungen bei ihr abgegeben worden. "Ich frage mich, ist es richtig, dass Eingangsrechnungen bar bezahlt worden sind?" Damit bezog sie sich auf das Rothenfelder Siedesalz und das Gewürzsalz, das eine Firma im Auftrag aus Siedesalz produziert. "Wo landet das viele gesiedete Salz", fragte Gründker. Das lagere bei ihr, meinte Temme. Für weitere Fragen Gründkers verwies sie an die Gewürzmühle und kündigte eigene Nachforschungen an. "Aber wenn im Verein nichts stattfindet, gibt es keine Einnahmen und Ausgaben."

84 Mitglieder

Im Rechenschaftsbericht vermeldete Temme 84 Mitglieder, die 14.500 Euro an Mitgliedsbeiträgen entrichtet hätten. 15.000 Euro habe der KVV an die K&T überwiesen. Die Zahl der Vermieter sinkt stetig. Kliniken sind – nach Informationen unserer Redaktion auch aufgrund von Äußerungen Temmes – aus dem KVV ausgetreten.

Auch über die Frage, ob ein neuer Vorstand gewählt werden solle, wurde abgestimmt. Zuvor hatte Gätje davor gewarnt, während laufender Ermittlungen gegen die Vorsitzende einen neuen Vorstand zu wählen. Zwar war die Mehrheit für eine Vorstandswahl, doch fanden sich keine Kandidaten.

Nach Onat Temmes Ansage "Wenn sich kein neuer Vorstand bildet, muss der alte kommissarisch weitermachen. Ich mache das aber nicht. Dann muss sich der Verein auflösen", löste sich auch die Versammlung auf.


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