Vor der Jahreshauptversammlung Ex-Manager Kalthoff: VfL braucht Kernsanierung“

Von Alfons Batke | 20.11.2013, 10:41 Uhr

Auf einen „knallharten Verdrängungswettbewerb“ im Profifußball weist der frühere VfL-Manager Helmut Kalthoff (65) im Interview mit unserer Zeitung hin.

Herr Kalthoff, Sie sind seit Jahrzehnten Fußball-Insider, verfolgen ihn seit einiger Zeit auch empirisch. Die Bundesliga feiert Geburtstag und sich selbst . . .

50 Jahre Bundesliga sind ein tolles Jubiläum, aber das entscheidende Jahr für den aktuellen Fußball ist 2001.

Warum das?

Es war die Gründung der DFL. Sie hat den Profifußball auf eine ganz andere Ebene gehoben. 36 gleichberechtigte Gesellschafter können als Stammverein e.V. oder mit Tochter- und Kapitalgesellschaften in der DFL spielen. Leistungszentren wurden verbindlich. Wissen Sie noch, wie viel Geld der VfL Osnabrück in den 90er-Jahren als Zweitligist erhalten hat, als die ersten wichtigen TV-Verträge mit dem Privatfernsehen geschlossen wurden?

Klären Sie uns auf.

Umgerechnet 50000 Euro bei einem Gesamtvolumen von ca. 7 Mill. Euro. Heute erhalten die Zweitligisten über vier Millionen Euro TV-Geld, die DFL gesamt 550 Millionen. So kann man sich auf einen verschärften Wettbewerb einrichten. Das ist heute eine „ganz andere Veranstaltung“.

Gibt es Ihrer Ansicht nach weitere Wegmarken, die den Liga-Fußball der jüngeren Vergangenheit entscheidend geprägt haben?

Eindeutig die Fußball-WM 2006. Es waren ja nicht nur die zwölf Stadien, die für eine ganz neue Standort-Qualität im Land gesorgt haben. Diese Arenen weckten auch andernorts Begehrlichkeiten, und es wurde nachgelegt bis in die 4. Liga (RW Essen), auch wenn es in der Finanzierung sicherlich hier und dort Probleme gab und gibt.

Profi-Fußball in Deutschland findet nicht nur in den beiden DFL-Ligen statt. Welche Rolle spielt die 3. Liga?

Eine wichtige, sie ist die oberste Spielklasse des DFB. Mit ihrer Gründung 2008 ist die Zahl der Standorte auf bis zu 56 begrenzt. Aktuell 54 durch die U23 von Dortmund und Stuttgart.

Und dennoch scheint es so, als seien die beiden DFL-Ligen so etwas wie eine geschlossene Gesellschaft. Täuscht der Eindruck?

Keineswegs. Es gibt in den 13 Jahren DFL nur fünf Vereine, die sich als Neulinge nachhaltig etabliert haben. Mit 1899 Hoffenheim und FC Ingolstadt sind das Klubs, die über sicheres Sponsoring und Mäzene verfügen.

Wenn Sie eine Kategorisierung für den Profi-Fußball vornehmen müssten, wie würde diese aussehen?

Der aktuelle Wettbewerb gibt die Antwort. Top 30 spielen in der Bundesliga und 2. Bundesliga – Voraussetzung mehr als 15 000 Sitzplätze –, Top 40 2. Bundesliga unteres sowie 3. Liga oberes Drittel – 10 000 bis 5000 Sitzplätze –, Top 50 3. Liga, Abstieg in Regionalliga möglich. Das sind Richtwerte.

Was muss der VfL tun, um dauerhaft Top 40 zu spielen?

Zunächst muss eine realistische Bestandsaufnahme her. Unter anderem geht es um die Rahmenbedingungen wie Stadion, Trainingsbedingungen, Nachwuchsleistungszentrum, bei Top 40 (2. Bundesliga) ist es verbindlich. Um die Vereinsstrukturen, hier hat sich der VfL ja in Sachen Ausgliederung auf der letzten Jahreshauptversammlung festgelegt. Und es geht um die sportliche Ausrichtung: Will man ein Kaufverein und/oder ein Ausbildungsverein sein? Das wird kein Wunschkonzert. Geprägt wird das von den jeweils relevanten Möglichkeiten vor Ort. Dazu erforderlich ist ein ausgeglichener Etat, in dem alle Erträge zu 100 Prozent uneingeschränkt verfügbar sind ohne Zins, Tilgung sowie Kontokorrent.

Sie haben die Veränderungen beim VfL aus einiger Nähe verfolgt. Wie fällt Ihr Urteil aus?

Dazu möchte ich mich inhaltlich nicht äußern, weil ich mich nur in der Rolle des Beobachters sehe. Aber mein grundsätzlicher Eindruck ist, dass der VfL einer Kernsanierung bedarf.

Wie weit ist der VfL denn von seinem angestrebten Top-40-Platz entfernt?

Das kann jeder ermessen, der das Abschneiden seit 2001 verfolgt hat. Es gibt keinen Klub, der ein solches Auf und Ab hinter sich hat. Insgesamt vier Jahre 2. Liga, davon nur zwei am Stück. Dazu dreimal Relegation seit 2008 sind ohne Beispiel. Realistisch aktuell ist der VfL Top 40 mit Tendenz zu Top 50.

Selbstgänger gibt es also nicht mehr?

Alle müssen wissen, dass es sich um einen knallharten Verdrängungswettbewerb handelt. Wenn RB Leipzig mit dem Aufstieg in die 3. Liga in den bundesweiten Wettbewerb einsteigt, muss ein anderes Team halt dafür raus. Und ich darf daran erinnern, dass es seit 2001 von den aktuell 21 Vereinen, die in der DFL gespielt haben, schon zehn Insolvenzen von neun Vereinen gegeben hat.

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