Vor dem 28. Derby VfL - SCP Pfosten über Nacht grün-weiß gestrichen

Von Harald Pistorius | 05.09.2011, 18:21 Uhr

Alle reden vom Derby – als ob es keinen Fußball danach mehr gäbe: Nicht nur die Fans aus beiden Lagern können den Anpfiff am Samstag um 14 Uhr nicht mehr erwarten, auch das ganz normale Fußballpublikum fiebert dem Duell zwischen dem VfL Osnabrück und Preußen Münster entgegen. Zum ersten Mal seit dem 25. Februar 2005, zum 14. Mal in Osnabrück und zum 28. Mal überhaupt – inklusive eines DFB-Pokalspiels – treffen die Fußballer aus den beiden Städten, in denen 1648 der Westfälische Friede geschlossen wurde, aufeinander. Eine Werbung für Fair Play und Frieden waren diese Spiele nicht immer...

Gleich beim ersten Duell an der Bremer Brücke am 12. April 1975 flogen die Fetzen: Der Bremer Schiedsrichter Herbert Lutz verhängte zwei Foulelfmeter – je einen für den VfL und den SCP – und stellte die Preußen Rolf Grünther und Hans-Werner Moors vom Platz. Beide trainierten später den VfL, beide heuerten sogar zweimal an der Bremer Brücke an. Als 29 Jahre später beim hektischen 0:0 Dave de Jong (VfL) und Arne Tammen (SCP) Gelb-Rot sahen, erinnerte sich der Preußen-Trainer Moors an das Tumult-Spiel von 1975: „Es gibt einen gravierenden Unterschied: Der Rolf und ich sind damals berechtigterweise runtergeflogen...“

3:2 gewann damals der VfL, betreut übrigens von einem waschechten Münsteraner: Helmut Kalthoff hatte nach der Demission des ungeliebten Trainers Klaus Ochs die Verantwortung für die Mannschaft übernommen. Das Ergebnis wiederholte sich ein halbes Jahr später in der zweiten Saison der 2. Liga Nord, die die Nachbarn überhaupt erst zusammengeführt hatte.

Die Preußen setzten danach zu einem Höhenflug an, der sie beinahe bis in die Bundesliga getragen hätte. Im Sommer 1976 übernahm ein junger Trainer das Kommando, der mit seiner mitreißenden Art begeisterte: Werner Biskup. Bei seinem ersten Auftritt an der Bremer Brücke gelang den Preußen am 4. September 1976 mit 2:0 der erste Sieg; 5000 Münsteraner feierten das Team um Grünther, Krekeler und Co. Es war der erste von drei aufeinanderfolgenden 2:0-Siegen der Preußen in Osnabrück, jeweils mit Biskup auf der Bank – und mit Werner Fuchs, dem Onkel des heutigen VfL-Trainers Uwe, Rolf Grünther und Benno Möhlmann als prägenden Figuren. Dass dieser Mannschaft der Aufstieg in die Bundesliga verwehrt blieb, lag auch an internen Querelen und Skandalen um schwarze Kassen.

„Ich bin stolz, diese Mannschaft trainieren zu dürfen“, sagte Biskup am 30. August 1977 nach den Toren von Edmund Kaczor und Ranko Petkovic. Wieder waren 5000 SCP-Anhänger dabei, denen allerdings verborgen blieb, was mehrere Preußen-Aktivisten zwei Tage vor dem Spiel angestellt hatten: Sie waren nachts ins Stadion eingestiegen und hatten die Pfosten eines Tores grün-weiß-schwarz – die Farben des SCP – angemalt. Bemerkenswert: Ein Schild mit der Aufschrift „Frisch gestrichen“ hatten die Scherzbolde angehängt...

Zwei Jahre später schmunzelte niemand, als am Tag vor dem Spiel die Lettern „SCP“ riesengroß auf dem Rasen standen – eingeätzt mit Unkrautvertilgungsmittel. Die Strafe folgte, mit einem 3:2-Sieg einer VfL-Mannschaft um die Talente Ralf Lehmann und Detlef Olaidotter sowie die Routiniers Lothar Gans und Rolf Meyer. „Dieser Elf gehört die Zukunft“, schwärmte damals die Neue OZ.

Am 30. April 1981 endete für lange Zeit das gemeinsame Kapitel in der 2. Liga Nord. Viele glaubten an diesem Abend, als die Preußen durch zwei Tore von Bernd Vittinghoff vor nur 3800 Zuschauern 2:1 gewannen, dass es das Ende der Osnabrücker Hoffnungen auf die Qualifikation für die eingleisige 2. Bundesliga war. Die Münsteraner hatten das Rennen zu diesem Zeitpunkt bereits verloren, bejubelten aber einen prestigereichen Sieg gegen den Rivalen.

Doch es kam anders, denn der VfL übersprang als allerletzter Club die Qualifikationshürde, während die Preußen in der Drittklassigkeit verschwanden. Erst neun Jahre später traf man sich wieder, erneut gewannen die Preußen mit 2:1 gegen das auseinanderbrechende Team des ratlosen Startrainers Rolf Schafstall – auf der Verliererseite kickte der spätere Preußen-Kultspieler Ansgar Brinkmann, der beim 4:1 im Hinspiel sensationell aufgetrumpft hatte.

Am 24. März 1991 fand das bis heute letzte Zweitligaduell der beiden Nachbarn statt: Der VfL – betreut vom Ex-Preußen Rolf Grünther – gewann durch Tore von Fred Klaus und Uwe Jursch (2) mit 3:1, ein Meilenstein auf dem Weg zum Klassenerhalt, den die Münsteraner verpassten. Auf der Tribüne saß der ehemalige Preußen-Kapitän Werner Fuchs und gab zu: „Ich drücke dem VfL die Daumen – aber nur wegen meines Freundes Rolf...“

Bis zum Wiedersehen – allerdings nur noch unter dem Label „3. Liga“ – dauerte es zehn Jahre. Für die Münsteraner gab es in vier Spielen in der Osnatel-Arena kaum etwas zu holen, der einzige Punktgewinn gelang am 16. Oktober 2004. Beim hektischen 0:0 gab es viel Derby, zwei Platzverweise – und wenig Fußball.

Drei Drittliga-Heimsiege stehen in der Bilanz; 2001 ebnete der aggressive Guido Spork den Weg zum 2:0, 2002 trumpften Torjäger Christian Claaßen und Schlitzohr Harun Isa entscheidend auf, und 2005, beim letzten Aufeinandertreffen in Osnabrück, erzielte Thomas Reichenberger das Tor des Tages zum verdienten 1:0-Sieg vor 13000 Zuschauern, darunter 2000 Münsteraner.

„Man muss den Hut ziehen vor dem VfL“, sagte damals Preußen-Trainer Colin Bell, „Osnabrück ist weiter als wir und muss unser Vorbild sein.“ Das war im August 2005, jetzt trifft man sich wieder – auf Augenhöhe.