VfL Osnabrück „Mannschaft geht mit ins Risiko“

10.07.2009, 22:00 Uhr

Herr Gans, trifft Sie der Vorwurf, dass der VfL keinen Plan B für den Fall des Abstiegs hatte? Das ist Unsinn. Wir hatten immer einen Plan, und der wichtigste Teil davon betrifft die wirtschaftliche Seite und hat sich in der Lizenzierung niedergeschlagen.

Dass wir und auch ich nach diesem schwarzen Pfingstmontag erst mal eine Nacht durchatmen mussten, ist doch klar. Aber dann haben wir erst die Personalie Wollitz geklärt, parallel dazu nach einem Trainer gesucht und schließlich innerhalb von knapp zwei Wochen ein Dutzend Spieler verpflichtet – was natürlich nur möglich war, weil wir den Spielermarkt auch immer mit der 3. Liga im Hinterkopf hatten.

Eine Woche verging, ehe der Wechsel von Trainer Claus-Dieter Wollitz feststand. War das der Preis dafür, dass der VfL eine sechsstellige Ablöse herausholen konnte? Oder haben Sie es tatsächlich für möglich gehalten, mit dem für den Abstieg verantwortlichen Trainer in die neue Saison zu gehen?

Die Frage hat sich so gar nicht gestellt, denn schon am Tag nach dem 0:1 gegen Paderborn hat Pelé Wollitz von zwei Anfragen aus der 2. Bundesliga berichtet und uns informiert, dass er sich das anhören möchte. Danach habe ich den Trainermarkt sondiert und erste Gespräche geführt - bis dahin galt mein Grundsatz, dass ich nicht mit anderen Trainern spreche, so lange wir einen Trainer unter Vertrag haben.

Noch mal nachgehakt: War die Trennung nicht im Grunde beschlossene Sache? Die Bereitschaft, mit Wollitz weiterzumachen, war doch nur der Schlüssel zu Ablöseforderung.

Sagen wir mal so: Pelé Wollitz hat sich in Osnabrück einen so guten Namen gemacht, dass zwei der drei Bundesliga-Absteiger ihn verpflichten wollten. Das zeigt übrigens, dass wir mit unserer Trainerwahl nicht schlecht gelegen hatten. Wenn dieser Trainer dann noch einen Vertrag hat, muss man eben eine Lösung finden.

Das ist keine klare Antwort, aber okay... Gab es in der Endphase des Abstiegskampfes Überlegungen, sich von Wollitz vorzeitig zu trennen?

Wir haben nie an eine vorzeitige Trennung gedacht. Und wenn man den Saisonverlauf ohne Emotionen, aber im Detail betrachtet, wird man sehen, dass es zwar einzelne Einbrüche wie in Koblenz oder Augsburg, aber keine durchgehende Negativserie gab. Wir haben sehr genau hingeschaut und waren bis zuletzt davon überzeugt, dass der Trainer die Mannschaft erreicht. Im Übrigen darf ich daran erinnern, dass wir schon einen Trainer entlassen habe, als wir Spitzenreiter waren (Anmerkung der Redaktion: Wolfgang Sidka) und einen anderen nach dem 5. Spieltag (Michael Lorkowski).

Mit dem Abstand einiger Wochen: Was war ausschlaggebend für den Abstieg?

Wir haben den Spielern immer wieder gesagt: Jeder einzelne von Euch hätte es schwer, in der 2. Bundesliga zu bleiben - aber wir alle zusammen können es schaffen, wenn der Teamgeist stimmt. Das hat sich leider bewahrheitet. Einige der neuen Spieler waren nicht bereit, die alte Hierarchie zu akzeptieren und waren außerdem nicht bereit, eine Reservistenrolle im Sinn der Mannschaft zu akzeptieren. Das ist für mich der springende Punkt, wobei nicht vergessen werdem darf: Ein Sieg mehr, und wir hätten es wie eine Saison zuvor geschafft. Damals war nicht alles richtig, diesmal nicht alles falsch.

Und trotzdem haben Sie nur die vier Spieler behalten, die sowieso noch einen Vertrag hatten. Warum dann dieser radikale Schnitt?

Wir haben mit Omodiagbe gesprochen, auch Grieneisen, Geißler Thomik und Manno haben solche Signale bekommen; Schäfer und de Wit waren sowieso nicht zu halten. Und irgendwann wollten wir nicht mehr warten, bis sich für die Spieler geklärt hat, ob sie einen Zweitligisten kriegen oder nicht. Wir hatten keine Zeit zu verlieren und wollten nicht mehr warten. Im Übrigen ist ein radikaler Schnitt nach einem Abstieg im Prinzip die richtige Lösung. Es erleichtert auch dem Publikum, sich wieder auf den Verein und die neue Mannschaft einzulassen.

Im Moment gilt die Kritik vor allem der Kadergröße. Soll Trainer Karsten Baumann wirklich mit 19 Spielern durch eine Saison mit mindestens 40 Pflichtspielen kommen?

Der Trainer hat uns als Ziel 20 Spieler vorgegeben. Der Plan war, im Zentrum eine Achse aufzubauen aus erfahrenen Spielern und auf den Flügeln mit jungen, schnellen Spielern für Tempo sorgen zu können. Einen Spieler werden wir wohl noch verpflichten, dann haben wir die Talente aus der U23-Oberliga und den A-Junioren, die wie bisher im Perspektivtraining gesichtet und im Training mit der ersten Mannschaft herangeführt werden sollen. Wir werden doch nicht diesen Aufwand in der Nachwuchsförderung betreiben und dann den Nachwuchsspielern keine Plätze im Kader geben.

Wir haben den Eindruck, dass der VfL seinen Personaletat gezielter einsetzt, also mehr in die punktuelle Qualität als in die Quantität investiert hat. Sonst wären doch Spieler wie Kotuljac, Barletta oder Schnetzler doch nicht bezahlbar.

Es geht auch in der 3. Liga viel über Geld, aber nicht alles. Thomas Nickenig hatte lukrativere Angebote, aber wir konnten ihn überzeugen, dass es sich für ihn lohnt, in Osnabrück zu spielen. Mit Alex Kotuljac stehe ich schon länger in Kontakt, hätte ihn gerne schon im Januar geholt, aber da wollte Fürth ihn nicht abgeben. Er weiß, dass wir von ihm überzeugt sind und das zählt manchmal mehr als der letzte Euro.

Die genannten Spieler haben - ebenso wie Lindemann und Siegert - Verträge nur für eine Saison. Ist da nicht der Vertragspoker im Frühjahr programmiert?

Ich würde mich sehr freuen, wenn viele Spieler im Frühjahr umworben sind, denn das würde bedeuten, dass sie eine gute Saison spielen und wir unsere Ziele erreichen können. Einjahresverträge sind in manchen Fällen aber auch nötig, um das wirtschaftliche Risiko für den Verein einzugrenzen - das liegt eben auch mit in meiner Verantwortung.

Aprospos Saisonziel: Mit einer klaren Festlegung tun Sie sich schwer. Warum sagen Sie nicht: Aufstieg!

Ich weiß, die Fans würden das gerne hören, und es würde vielleicht sogar eine gewisse Euphorie wecken. Aber es ist wichtig, realistisch zu bleiben: Wir haben 15 neue Spieler und starten in einer neuen 3. Liga, die wir nicht kennen und die mit der alten Regionalliga nicht viel gemeinsam hat. Ich bin sicher, dass wir gute Spieler haben, die jetzt zu einer guten Mannschaft zusammen wachsen muss. Gelingt das, werden wir im oberen Drittel mitspielen. Aber wir brauchen Geduld.

Haben Sie Angst vor dem wirtschaftlichen Risiko? 11000 Zuschauer pro Spiel, eine gewagte Kalkulation.

Wir werden sehen. Ich habe Vertrauen in unser Publikum und kann nur an jeden einzelnen appellieren, weiter ins Stadion zu kommen - das hilft uns auch finanziell. Wir werden wahrscheinlich genauso viel aus dem Sponsoring einnehmen wie in der letzten Saison - das ist doch ein toller Vertrauensvorschuss. Im übrigen geht auch die Mannschaft mit ins Risiko: Die vollen Punkt- und Siegprämien gibt es nur auf einem einem Spitzenplatz, ab einem bestimmten Platz gibt es keine Erfolgsprämien mehr.

Der neue Trainer, den Sie maßgeblich ausgesucht haben, wirkt als Kontrastprogramm zu seinem Vorgänger: Ruhig, kontrolliert, gelassen. War das so gewollt?

Das ist sicherlich nicht schlecht, doch die Überzeugung für Karsten Baumann resultierte aus den persönlichen Gesprächen. Er hat als Profi viel vorzuweisen, er hat Erfahrungen in großen Mannschaften gesammelt. Er bringt sehr gute Voraussetzungen auch als Trainer mit, kennt die 3. Liga - ich bin von ihm überzeugt, auch und gerade nach den ersten Wochen der Zusammenarbeit.

Eigentlich sind Sie als Sportdirektor mit Sitz im Präsidium der Vorgesetzte des Trainers, aber nach unseren Beobachtungen verstehen Sie sich eher als Partner. Stimmt das?

Ich kenne den Job ja auch von der anderen Seite, wenn ich mal als Interimstrainer tätig war. Zunächst mal muss klar sein, dass keiner die Mannschaft besser kennt als der Trainer, der bis zu fünf, sechs Stunden täglich mit den Spielern zu tun hat. Das heißt, dass der Trainer auch die wesentlichen Personalentscheidungen natürlich allein trifft und verantwortet.

Davon waren wir ausgegangen. Aber wie reagieren Sie, wenn Sie glauben, dass der Trainer etwas falsch macht - ob in der Bewertung einer Situation oder eines Spielers?

Ganz oben steht das Loyalitätsprinzip: Es wird von mir keine öffentliche Kritik am Trainer geben, das ist tabu, denn das schwächt die Autorität des Trainers gegenüber der Mannschaft. Wenn es etwas gibt, wird das unter vier Augen besprochen. Aber das ist in der Regel nicht nötig, wenn man - so wie ich das immer versucht habe - in einem permanenten Gedankenaustausch steht. Da sehe ich mich als ein Partner, der offen seine Meinung sagt, aber letztlich hinter der Entscheidung des Trainers steht.

Schauen wir über die Saison hinaus: Welches Ziel wollen Sie in den nächsten vier, fünf Jahren mit dem VfL erreichen?

Natürlich wollen wir zurück in die 2. Bundesliga, das bedarf keiner Erwähnung. Aber wir sind nicht bereit, dafür die Existenz des Vereins aufs Spiel zu setzen.Das Ziel muss sein, den VfL so aufzustellen, dass er immer in der Spitzengruppe einer attraktiven 3. Liga mitspielen kann und aus dieser Position heraus die 2. Bundesliga anstrebt. Wir sind ein Schwellenverein im Profifußball dieser Tage, so wie der SC Freiburg, Energie Cottbus oder Arminia Bielefeld zwischen 1. und 2. Bundesliga stehen, sind wir zwischen 2. und 3. Liga angesiedelt. Wenn wir es schaffen, drei, vier Zweitligajahre am Stück zu absolvieren, können wir uns etabliert nennen - aber nicht eher. Es sei denn, es kommt ein Großsponsor oder ein Investor...