Trainer-Interview nach dem 0:1 in Leipzig Walpurgis: Brauchen breites Bekenntnis zum VfL

Von Harald Pistorius | 17.03.2014, 18:43 Uhr

Hoher Aufwand, kein Ertrag: Der VfL Osnabrück kann nach einer starken Leistung und dem 0:1 in Leipzig Platz 3 in der 3. Liga nahezu abhaken. Trainer Maik Walpurgis über seine Enttäuschung, die verbleibenden Ziele und seine Planung für die neue Saison.

Herr Walpurgis, wir haben Sie selten so enttäuscht gesehen wie nach dem 0:1 in der Red-Bull-Arena. Richtig beobachtet?

Ja, das stimmt schon. Wir haben gegen einen der stärksten Klubs der Liga ein tolles Spiel geboten, vielleicht waren wir sogar die bessere Mannschaft und hatten mindestens ein 1:1 verdient. Aber die Chancenverwertung hat eben nicht gestimmt. Wenn man solch einen hohen Aufwand betreibt, ist man dann besonders enttäuscht.

Die Spieler wollten von anerkennenden Worten für ihre Leistung nichts hören. Was haben Sie der Mannschaft gesagt?

 Das spricht für die Jungs und ihren Ehrgeiz – die wollen sich nicht damit zufrieden geben, dass sie gut gespielt haben, wenn sie nichts mitnehmen. Ich habe ihnen ein Riesenkompliment für ihren Auftritt gemacht.

Fünf herausgespielte Chancen, keine genutzt – einfach nur Pech oder grundsätzliches Problem?

Eins vorweg: Sündenböcke gibt es bei uns nicht. Aber wir versuchen aus jeder Situation zu lernen, indem wir genau analysieren und daraus Rückschlüsse für unsere tägliche Arbeit im Detail ziehen. Ein Beispiel: Bei seiner Chance zum 1:0 hatte Daniel Nagy das Gefühl, es sei ein Gegner rechts von ihm nahe dran gewesen, deshalb hat er nicht die andere Ecke gewählt. Es war aber keiner wirklich in der Nähe. Also ist es ein Mosaikstein, dass man am Orientierungsvermögen der Spieler arbeitet.

Und was sagen Sie einem Pascal Testroet, der kurz vor Schluss – nach unserer Auffassung – alles richtig macht und trotzdem nicht trifft?

Stimmt, da hat er alles richtig gemacht: Ein perfekter erster Kontakt mit sofortigem Zug zum Tor, das Umspielen des Torwarts, der schnelle Abschluss – und dann kommt Tim Sebastian und rettet mit höchstem Einsatz und ein bisschen Glück. Dazu kann man nicht viel sagen…

Kapitän Andreas Spann gehörte zuletzt nicht mehr zum Kader, spielte in der U21. Ist er abgeschrieben?

Nein, das ist er nicht. Aber er war in der vorletzten Woche krank und fehlte in der vergangenen Woche in einigen Einheiten, weil er eine Prüfung absolvierte. Wenn dann ein junger Mann wie Stanislav Iljutcenko gut trainiert, muss ich fair sein. Aber Andreas geht mit der Situation professionell um, das weiß ich zu schätzen. Wir werden ihm helfen, dass er in der entscheidenden Saisonphase wieder in die Form kommt, die er zu Saisonbeginn hatte.

Sie haben in Leipzig das Projekt Red Bull ausdrücklich gelobt. Einigen Fans gefällt das nicht.

Es gibt unterschiedliche Ausrichtungen im Fußball, die man alle respektieren sollte. Mir imponiert, auf welche Weise man in Leipzig das Ziel Bundesliga angeht. Das Geld wird nicht in teure, abgehalfterte Stars investiert, sondern in die Ausbildung von Talenten und in durchdachtes Projekt, für das Sportdirektor Ralf Rangnick steht. In dem Projekt steckt nicht nur viel Geld, sondern auch sehr viel Know-How und akribische Arbeit.

Die Mannschaft hat nach der Winterpause an Stabilität gewonnen, sie ist körperlich und mental fit. Trotzdem ist Platz 3 kaum noch zu holen. Motivieren Sie jetzt speziell mit Platz 4 und der Qualifikation für den DFB-Pokal?

Nein, wir schauen nicht so extrem auf den vierten Platz, sondern wirklich nur auf jedes Spiel. Die Mannschaft ist fixiert darauf, in jedem Spiel Höchstleistung zu bringen, sie hat eine gute Winnermentalität.

Der VfL kämpft derzeit um Anerkennung und Glaubwürdigkeit, um von Zuschauern und Sponsoren auch künftig unterstützt zu werden. Mit Leistungen wie in Leipzig ist die Mannschaft dabei ein wichtiger Treiber.

Ganz klar, wir sind das Aushängeschild des VfL, die Mannschaft liefert – wie man im Marketing sagt – das Kernprodukt, um das es geht. Dieser Herausforderung sind wir uns bewusst, wir wollen die sportliche Perspektive erkennbar machen. Dass wir uns trotz eingeschränkter wirtschaftlicher Möglichkeiten und unter erschwerten Bedingungen mit einer Mannschaft wie Leipzig messen können und auf dem vierten Platz stehen, zeigt doch, dass es sich lohnt. Wir müssen Ruhe und Konstanz bewahren, dann können wir den nächsten Schritt gehen.

Die Mannschaft hat sich spürbar entwickelt, viele Spieler wollen offenbar den Weg auch in der nächsten Saison mitgehen, weil sie merken, dass hier etwas wächst. Aber mit einem reduzierten Sparetat ist das doch nicht realisierbar.

Wir wissen, dass wir uns auch künftig nach der Decke strecken müssen. Aber wenn wir den eingeschlagenen Weg fortsetzen wollen, dann muss auch die wirtschaftliche Grundlage stimmen. Wir haben eine Perspektive, der Grundstein ist gelegt – aber für die nächste Etappe brauchen wir ein breites Bekenntnis zum VfL. Und das dürfen keine Lippenbekenntnisse sein, sondern echte Überzeugung von Zuschauern, Sponsoren, Fans und Führung. Daran hängt unsere Zukunft.