Savran hat auch schon gratuliert VfL Osnabrücks Neuzugang Kemal Rüzgar über Demut und einen Hattrick

Von Stefan Alberti | 08.02.2017, 08:30 Uhr

Bescheidenheit könnte sein zweiter Nachname sein. „Ich will mich entwickeln, Tore schießen und der Mannschaft helfen“, sagt VfL-Neuzugang Kemal Rüzgar kurz und knapp – und freut sich darüber, dass er auch schon einen Anruf von Halil Savran erhalten hat…

Kemal Rüzgar ist sozusagen ja auch seit dem 21. Januar der neue Halil Savran. Der Kapitän fällt bekanntlich bis zum Saisonende wegen eines Knorpelschadens aus. Der VfL musste kurzfristig reagieren – und holte den Mittelstürmer mit türkischem Pass auf Leihbasis von Fortuna Düsseldorf nach Osnabrück. Rüzgar für Savran – das passt irgendwie, schließlich haben beide am 20. Juni Geburtstag. Allerdings ist der neue Mann mit seinen 21 Lenzen zehn Jahre jünger – und sowieso weit davon entfernt, sich mit Halil Savran vergleichen zu wollen. „Ich habe mich darüber gefreut, dass Halil mich angerufen hat. Er hat mir dazu gratuliert, dass ich hier bin. Ich habe ihm eine schnelle Genesung gewünscht.“

Umzug nach Köln

Wer dem 21-Jährigen gegenübersitzt, spürt sofort, dass Fußball sein Leben ist. Und dass Kemal Rüzgar alles andere als der Spielertyp ist, der schnell die Bodenhaftung verlieren könnte. „Dem Leben gegenüber demütig sein. So wurde ich erzogen. So bin ich, und so werde ich auch bleiben.“ Das Leuchten in den Augen wird stärker, wenn er wieder über Fußball erzählen darf: über die Zeit in den Jugendmannschaften bei seinen Heimatvereinen SV Eintracht Uckersdorf und SSC Juno Burg. „Da habe ich oft vier oder fünf Tore in einem Spiel erzielt.“ Über die Phase, als er sich nach dem Familienumzug von Dillenburg nach Köln in der 1. Jugend-Fußball-Schule der Domstadt (Mitgründer ist der frühere Bundesliga-Spieler Jürgen Glowacz) für höhere Aufgaben empfahl: „Fuat Kilic, heute Trainer bei Alemannia Aachen, war dort der Jugendleiter. Es hat nicht lange gedauert, bis sich Fortuna Düsseldorf für mich interessiert hat.“ Und klar, über seine „traumhafte“ Zeit bei der U-18-Nationalmannschaft der Türkei.

Drei Tore in 13 Minuten

Wenn Kemal Rüzgar über sportliche Rückschläge spricht, dann hat er die Phase vor Augen, als er von Fortuna Düsseldorf zu Bayer Leverkusen wechselte und im Sommer 2014 plötzlich ohne Verein war: „Ich hatte in Leverkusen einen Anschlussvertrag für die U23, die dann aber abgeschafft wurde.“ Er habe ein halbes Jahr überbrücken müssen: „Ich habe mich selbst fit gehalten. Meine Eltern haben mich komplett unterstützt.“ Ja klar, und er habe natürlich auch darüber nachgedacht, „was denn ist, wenn ich keinen neuen Verein finde“. Außerhalb des Fußballs? „Wenn, dann irgendetwas mit Autos. Das Fachabitur Wirtschaft habe ich auch in der Tasche.“ Zu einem Fall ins Bodenlose wäre es sicherlich nicht gekommen. Weiterlesen: Der VfL Osnabrück gewinnt das Derby gegen Münster mit 3:0 – und Kemal Rüzgar trifft 

Dann habe sich „Gott sei Dank“ wieder die Tür bei Fortuna Düsseldorf geöffnet. Ab der Rückserie der Saison 2014/15 entwickelte sich der Youngster in der dortigen U23 zu einem treffsicheren Mittelstürmer. In der Statistik taucht sogar ein lupenreiner Rüzgar-Hattrick auf – innerhalb von 13 Minuten beim 3:3 bei der TSG Sprockhövel am 5. November 2016. Doch da kommt wieder die Bescheidenheit des Fußballers durch, wenn er dieses Glanzstück kommentieren soll: „Es hat halt gepasst. Ich habe meine Chancen genutzt.“ Dafür bleibt beim Torjäger der 29. April 2016 viel mehr im Gedächtnis kleben: „Mein Debüt in der 2. Bundesliga. Mit Fortuna beim MSV Duisburg. Ausverkaufte Arena, Abstiegskampf. Leider haben wir 1:2 verloren, ich durfte knapp zehn Minuten spielen.“

Vorbild Falcao

Kemal Rüzgar, der den kolumbianischen Mittelstürmer Radamel Falcao verehrt, will mehr von diesen Fußball-Erlebnissen, „am liebsten mit dem VfL“. Dass seine Familie stolz auf ihren Sohn ist, muss eigentlich nicht separat erwähnt werden. Wir machen es trotzdem, denn Mutter Fahriye, Vater Coskun und Bruder Mustafa wollen am Freitag an der Bremer Brücke dabei sein, wenn „ihr Kemal“ gegen die U23 von Mainz 05 seinem Job nachgeht. In Osnabrück fühle er sich übrigens wohl. Oder in aller Rüzgar-Bescheidenheit: „Ich finde es hier ganz gut, es ist zurzeit nur ein bisschen kalt.“