Polizei: Es hätte Tote geben können VfL und Preußen setzen Belohnung aus

Von Harald Pistorius | 13.09.2011, 15:54 Uhr

Noch immer sind neun Polizisten, die am vergangenen Samstag durch einen im Fanblock des SC Preußen Münster gezündeten Sprengsatz verletzt wurden, dienstunfähig. Eine Ermittlungskommission der Polizei forciert die Suche nach den Tätern. Die beiden Vereine stellen jeweils 2500 Euro Belohnung für Hinweise zur Verfügung, die zur Ergreifung der Täter führen.

Mit Hilfe von Videoaufnahmen und Zeugenaussagen will die Polizei die Täter fassen, die am vergangenen Samstag kurz vor Beginn des Drittligaspiels zwischen dem VfL und dem SCP einen Sprengsatz zündeten und in den alten Spielertunnel unterhalb der Westtribüne warfen.

Derzeit würden die Sprengmittel untersucht, sagte Michael Maßmann, der Leiter der Polizeiinspektion Osnabrück. Vermutungen, dass der aus dem Münsteraner Block geworfene Sprengkörper eigentlich im mit VfL-Fans besetzten Teil der Westtribüne landen sollte, wollte Maßmann nicht bestätigen, aber auch nicht ausschließen: „Auch da ermitteln wir noch“. Eins allerdings sei klar: „Wenn der Sprengkörper nicht am Boden, sondern in Kopfhöhe explodiert wäre, hätte es wahrscheinlich Tote gegeben.“

Bei einer vom VfL Osnabrück einberufenen Pressekonferenz nahmen Vertreter beider Vereins sowie die Polizei noch einmal Stellung zu dem Vorfall, der bundesweit Schlagzeilen gemacht. Dabei hatten zahlreiche Medien auf der Basis einer fehlerhaften Agenturmeldung fälschlicherweise berichtet, der Sprengsatz sei als Reaktion auf eine Provokation mit einer Fahne aus der Osnabrücker Fankurve erfolgt.

„Die Sicherheit der Mehrheit unserer zu 99 Prozent friedlichen Besucher steht bei uns über allem“, sagte VfL-Präsident Dirk Rasch. Preußen-Sportdirektor Carsten Gockel äußerte die Betroffenheit in Münster: „Wir stehen noch immer unter Schock. Das war ein Anschlag auf den Fußball und unsere Vereine, das war eine neue Dimension der Gewalt.“

Als Konsequenz daraus sind bei Heimspielen der Münsteraner in der Fankurve ab sofort Zaunfahnen, Doppelhalter, Transparente und vermummungstaugliche Kleidung untersagt; alkoholisierte Fans werden abgewiesen. Gockel: „Sicherheit steht für uns an oberster Stelle.“

Nachfragen der Journalisten zielten auf die Frage, wie die Sprengkörper überhaupt unbemerkt vom Sicherheitsdienst in die Münsteraner Kurve eingeschleust werden konnten. Dabei wurde auch die Qualität des privaten Sicherheitsdienstes, den der VfL beauftragt, in Zweifel gezogen. „Nach unseren Recherchen ist am Gäste-Eingang sehr genau kontrolliert worden, wobei man ganz klar sagen muss: Völlig auszuschließen ist es nicht, dass etwas hereingebracht wird“, sagte VfL-Geschäftsführer Ralf Heskamp. Dem stehen zahlreichen Aussagen auch in Münsteraner Internet-Fan-Foren gegenüber, wonach die Kontrollen sehr lasch und nur punktuell durchgeführt worden seien.

Die Fragen nach möglichen Mängeln bei der Sicherheitskontrolle durch den Vereine brachte Preußen-Sportdirektor Carsten Gockel in Rage: „Die größte Schwachstelle sind nicht die Kontrollen - die größte Schwachstelle ist, dass Pyrotechnik und Knallkörper in der Fanszene nicht eindeutig geächtet werden. So lange das nicht geschieht, werden wir damit leben müssen - mit der Gefahr von Verletzten, von Panik im Stadion. Das ist das Problem“.

Die 29 Fans aus der VfL-Szene, die vor dem Spiel bei dem Versuch, eine Gruppe Münsteraner anzugreifen, von der Polizei gestoppt und in Gewahrsam genommen worden waren, müssen mit Stadionverboten rechnen. Wenn die eingeleiteten Ermittlungsverfahren wegen Landfriedensbruch diesen Verdacht erhärten, wird der VfL diese Sperren aussprechen, wie der Sicherheitsbeauftragte Bruno Richter erklärte.

Zu der Kritik am massiven, gewalttätigen Einsatz von Osnabrücker und Münsteraner Sicherheitskräften, die den VfL-Fans in der Endphase des Spiels zwei spöttische Preußen-Fahnen entrissen und dabei Pfefferspray einsetzten, sagte VfL-Geschäftsführer Ralf Heskamp: „Ich kann nachvollziehen, wenn neutrale Beobachter diesen Einsatz nicht verstanden haben und ihn unverhältnismäßig fanden. Aber wir hatten die Ultras ausdrücklich gebeten, auf diese Provokation zu verzichten und ihnen dafür einige Freiheiten zugestanden, unter anderem eine Fahne mit der Aufschrift ,Scheiß Preußen Münster´. Wir haben die Fahnen entfernen lassen, weil wir sicher waren, dass es sonst zu einer Eskalation der Gewalt auf Münsteraner Seite gekommen wäre.“

Dieser Einsatz sei vorher so abgesprochen gewesen. Konkrete Hinweise auf einen Spielabbruch habe es nicht gegeben, wohl aber die Angst, dass es in der Folge so weit hätte kommen können. Präsident Rasch sagte: „Wir tolerieren und unterstützen Fankultur, aber in diesem Fall musste eingegriffen werden. Sollte es dabei tatsächlich zu unverhältnismäßiger Anwendung von Gewalt gekommen sein, werden wir uns damit kritisch auseinandersetzen.“

Die konkreten Maßnahmen, die der VfL nun ergreift, treffen ausschließlich die Ultras, speziell die Gruppierung der Violet Crew. Ab sofort, so verkündete Geschäftsführer Ralf Heskamp, werde es hinter der Ostkurve keinen Fanartikel-Verkauf durch die Ultras mehr geben, auch die Akkreditierung für den Innenraum, mit der die Fans die Möglichkeit bekamen, ihre Choreos in Film und Ton zu dokumentieren, wird eingezogen. Außerdem gilt ab dem Heimspiel am Samstag gegen Kickers Offenbach für die Ostkurve ein Vermummungsverbot.

Dazu lehnt der Verein derzeit einen Dialog mit den Ultras ab, wie Heskamp betonte: „Im Moment sind wir nicht bereit, mit den Ultras zu sprechen.“ Der Geschäftsführer begründete das mit einem beschädigten Vertauensverhältnis: „Wir haben immer wieder gesprochen und verhandelt, aber wir sind immer wieder enttäuscht worden. Abgesehen davon haben uns die Aktionen der Ultras bei Auswärtsspielen in den letzten Jahren über 25000 Euro gekostet.“

Von Maßnahmen wie in Münster - Verbot von Fahnen, Doppelhaltern und Transparenten - sieht der VfL laut Heskamp ab, „weil wir bei unseren Heimspielen in der Ostkurve seit geraumer Zeit keine Probleme haben.“ Auch an eine Verschärfung der Personenkontrollen an den Eingängen der Ostkurve sei nicht gedacht: „Wir haben zum größten Teil unserer Fans Vertrauen.“

Die Teilnahme von Fanvertretern an dem Pressegespräch war nicht vorgesehen; weder ein Vertreter des Fanprojekts noch des Fanclubverbandes saß mit am Tisch. Erst, als eine Mitarbeiterin des Münsteraner Fanprojekts unangemeldet Sportdirektor Gockel begleitete, versuchte der VfL, kurzfristig (und vergeblich) einen Vertreter des seit zwei Monaten laufenden Osnabrücker Fanprojekts einzuladen. Der Fanbeauftragte Andreas Zimmermann war nicht anwesend.

Trotz mehrerer Anfragen unserer Redaktion gab es bis zum frühen Abend keine Stellungnahme der Violet Crew zu den Ergebnissen der Pressekonferenz.