Podiumsdiskussion mit den Fans VfL-Präsident Kröger will noch mehr kommunizieren

Von Johannes Kapitza | 17.09.2013, 01:21 Uhr

Um Traditionsvereine und modernen Fußball sollte es gehen: Vor allem die Ausgliederung der Profifußballabteilung aus dem Verein in die VfL Osnabrück GmbH & Co KGaA hat am Montagabend VfL-Präsident Christian Kröger, Geschäftsführer Jürgen Wehlend und rund 100 Gäste bei einer Podiumsdiskussion in der Osnatel-Arena beschäftigt.

Irgendwann musste unweigerlich RB Leipzig zum Thema werden, der nächste Gegner des VfL (Freitag, 19 Uhr). Der Verein, der erst 2009 gegründet wurde und in der Oberliga anstelle des SSV Markranstädt trat. Der Verein, dessen Name RasenBallsport so gewählt wurde, dass die Abkürzung „RB“ ebenso gut als Kürzel für Hauptsponsor Red Bull steht. Moderator Burkhard Tillner stellte das Thema gleich an den Anfang. Wie viele Gäste denn schon mal von Markranstädt gehört hätten – nur ein Finger hob sich. In Leipzig könne man sich noch an die gesamte Vereinsgeschichte erinnern, beim VfL Osnabrück hingegen gebe es deutlich mehr Tradition, erklärte Tillner.

Einen Traditionsverein „machen nicht Erfolge und Geld aus, sondern dass die Leute eine lange Zeit dafür leben, dass er eine Epoche übersteht“, erklärte Fanvertreter Jörn Jacobs auf dem Podium seine Definition. Alles der Fall beim VfL. Wenn über Generationen bei Familienfeiern über die Lila-Weißen gesprochen werde, dann gehörten dazu natürlich „auch schlechte Geschichten wie eine Niederlage oder die Ausgliederung“. Jacobs machte keinen Hehl daraus, dass er für Werksvereine wie den VfL Wolfsburg oder Bayer 04 Leverkusen – gegründet immerhin schon 1904 – wenig übrig hat. „Das ist gefühlt für mich langweilig“, sagte er – und erntete Applaus.

Für Axel Balzer, Fanvertreter im Aufsichtsrat der KGaA, war die Frage der Tradition unabhängig von der Rechtsform. Wichtig sei, „dass der Verein eine Vergangenheit hat“. Balzer zweifelte daran, „ob Kommerz der richtige Weg ist“. Die Entwicklung, dass neue Firmen wie die KGaA und die Stadiongesellschaft rund um den Verein entstanden sind, erschwere die Transparenz. Im Aufsichtsrat sei er auf ehrliche und vollständige Informationen angewiesen – ob er die bekomme, könne er nicht eindeutig beantworten. Zudem habe er nur Einblick in eine von mehreren Gesellschaften. „Eine Konzernbilanz wäre gelebte Transparenz“, sagte Balzer, und fügte hinzu: „Konzern – was für ein widerliches Wort für einen Verein.“

Auch Jacobs sah die Entwicklung kritisch: „Das Geschäft Fußball boomt, aber wir müssen sehen, was das Geschäft aus dem Sport Fußball macht.“ Er fürchtete eine zunehmende „Entfremdung von den Fans“. Durch eine Kommerzialisierung werde „die Grenze des Erträglichen immer weiter verschoben“.

VfL-Präsident Kröger sagte, dass „wirtschaftliche Zwänge“ einen Spagat zwischen dem Erhalt von Traditionen und Umstrukturierungen erforderlich machten. Was die Kommerzialisierung angehe, sei die Situation „in Deutschland noch relativ human“. Er sehe zwar grundsätzlich auch die Gefahr einer Überfremdung. Es gebe aber Entwicklungen, „da müssen wir mitmachen“, um mittel- bis langfristig eine Chance zu haben. Für den VfL Osnabrück sei die Ausgliederung die letzte Chance gewesen. „Wäre nicht ausgegliedert worden, wäre der Verein heute wahrscheinlich pleite“, sagte Kröger. „Wir haben die Kurve gekriegt, aber die Situation ist weiterhin sehr herausfordernd.“

Kröger verteidigte die finanzielle Planung, die zum Saisonende ein Minus von 800000 Euro vorsieht. Den Verlust von zwei Millionen um 1,2 Millionen Euro verringert zu haben, sei schon ein Erfolg. Eine Saison reiche nicht aus, „um auf Null zu kommen“. Kröger: „2014/15 auf ein ausgeglichenes Ergebnis zu kommen, wäre super.“ Bei den „vielen Baustellen“ in den ersten Monaten sei es im Tagesgeschäft erst einmal „knallhart ums Überleben“ gegangen. „Die Existenzsicherung war das A und O.“

Die finanzielle Entwicklung bewertete Balzer als „kleinen Fortschritt“. Er kritisierte, dass zu wenig über die Entwicklungen der vergangenen Monate informiert worden sei. Im Publikum fand dieser Punkt Zustimmung. „Das kann ich verstehen“, gestand Kröger ein. Der VfL habe mit seinen Informationsveranstaltungen zwar ein überaus großes Angebot geschaffen. Gleichwohl könne die Kommunikation noch verbessert werden. Geschäftsführer Wehlend erklärte, dass einige Themen - zum Beispiel die Verhandlungen mit der Stadt über die Existenzsicherung – zunächst hinter verschlossenen Türen stattfinden mussten. Erst nach den Gremien des Vereins würden dann die Mitglieder informiert. „Die Treppe wird von oben gekehrt“, sagte Wehlend. Die Strukturen zu schaffen, „braucht viel Zeit“. Das habe auch dazu geführt, dass es auf Vorschläge aus der Fangemeinde noch keine Rückmeldung gegeben habe. Der Verein sei offen für Gespräche, betonten Wehlend und Kröger. Der VfL-Präsident warb um Vertrauen.

Kröger sagte, zur KGaA gebe es keine Alternative, wenn die finanzielle Lage langfristig stabilisiert werden soll. „Wenn Sie mir sagen, woher das Geld kommen soll, dann melden Sie sich bei mir und Sie haben mittags eine Antwort. Das machen wir das sofort fest.“ Der Einfluss von Sponsoren sei überschaubar und auch auf Dauer nicht in Gefahr. „Keine Angst, wir werden hier keinen Scheich bekommen.“ Gleichwohl müsse sich der VfL Gedanken machen. „Wir müssen die Zukunft auch finanzieren“, sagte Kröger. Die Konkurrenz schläft nicht. „Red Bull Leipzig wird auf Dauer einen von den 36 Plätzen in der Ersten und Zweiten Bundesliga nehmen. Wir müssen unsere Nische finden, um da mitzuspielen.“

Die „Woche der Tradition“ wird am Dienstag ab 16 Uhr mit einem Aktivitätenabend zum Thema „Tradition“ fortgesetzt: In den Räumen des Fanprojekts (Teutoburger Straße 30-32, ehemalige Teutoburgerschule) sollen Fahnen mit alten Motiven entstehen, die beim Heimspiel am Freitag zum Einsatz kommen sollen. Am Mittwoch beginnt um 19 Uhr ein Geschichtsabend in Kooperation mit dem VfL-Museum (Presseraum unter der Nordtribüne). Am Donnerstag gibt es ab 19 Uhr einen Filmabend zum Thema „Traditionsvereine und moderner Fußball“ (Grüner Jäger).