„Mit dem Gesicht im Matsch“ VfL-Trainer Joe Enochs: Mit der Familie fing alles an

06.09.2015, 18:40 Uhr

Die Mama von Joe Enochs war von Beginn an dabei, als der heutige Trainer des VfL Osnabrück das Fußballspielen in seiner kalifornischen Heimat lernte. Früh schaffte es Enochs in die Gazetten der lokalen Presse.

 Von Axel Rothkehl 

Das Urteilsvermögen kalifornischer Zeitungsreporter muss noch vom American Football geprägt gewesen sein, als sie den Schüler zum „Athleten der Woche“ kürten. Die Kollegen vom „Argus-Courier“ schwärmten in ihrer Laudatio: „Rüpelhaft ist keine schlechte Beschreibung der Spielweise von Enochs, der seinen Körper über das gesamte Spielfeld wirft“. Sie zitierten auch Trainer Steve Conner, der ihn als „Herz und Seele der Mannschaft“ würdigt. „Das Spiel war zu Ende und Joe lag mit dem Gesicht im Matsch“, schrieb das Blatt ein anderes Mal. Frühe Charaktereigenschaften, die den heutigen Trainer des VfL Osnabrück auch an der Bremer Brücke zu einem der populärsten Fußballer machten.

Zeitungsausschnitte über Joe Enochs legt Mutter Bea seit drei Jahrzehnten sorgfältig ab. Die frühere Mathematiklehrerin wohnt in einem Reihenhaus in der Kleinstadt Petaluma. Auf dem Fernseher steht eine Jesus-Statue aus Holz. Die hat Joe seiner Mutter von einem Turnier in Brasilien mitgebracht, als es gegen Flamengo Rio und den FC Santos ging. Bea Enochs unterrichtet heute als Religionslehrkraft der katholischen Gemeinde die Jugend von Petaluma. „Wenn Joe mich besucht, gehen wir gemeinsam zur Kirche.“ Das macht sie glücklich.

 Weiterlesen: Joe Enochs, Rekordspieler des VfL in der Kurzbiografie. 

Bea Enochs ist Mannschaftsführerin des Ü65-Tennisteams im „Valley Tennis Club“. Überhaupt ist die gesamte Familie sportverrückt. Ende der 70er Jahre saßen die Enochs jeden Samstag vor dem Fernseher und schauten „Soccer Made in Germany“ des Networks PBS. Meist liefen die Spiele aus Köln und Gladbach. Joe, sein Bruder und beide Schwestern wurden angesteckt. Der älteren Lori attestiert Mutter Enochs einen strammen Schuss, Michelle sei eine gute Stürmerin gewesen. Und Joe? Der durfte erst nur zuschauen. Bea war Schiedsrichterin und Joe habe sich in der Halbzeit an den Oberschenkel der Mutter geklammert, sodass sich der Wiederanpfiff verzögerte. Später war sie als Betreuerin seines Teams immer dabei. Joe durfte zunächst für das Team der McDowell-Grundschule ran, im Teenie-Alter für die „Casa Grande High“. „Unsere Eltern konnten nicht geradeaus schießen. Sie waren aber sehr engagiert, damit wir Fußball spielen konnten“, meint Joe Enochs heute.

Nach dem schulischen Baseballtraining kletterte er über einen Zaun und stand für die nächste Schicht auf dem Fußballfeld. In Deutschland würde die Anlage gerade mal als Bolzplatz durchgehen. Keine Kabine, keine Besprechungsräume, keine Duschen. „Wir stanken erbärmlich, sprangen ins Auto und ließen uns in eine Pizzeria fahren. Für uns war das ein Fest – für alle Eltern nicht.“

Von seinen herausragenden Leistungen hörten auch die Scouts im 50 Kilometer entfernten San Francisco. Mit 18 Jahren verteidigte Joe dann für „SF United“, Spiel- und Trainingsort war das Soccerfield im „Golden Gate Park“. Nach den Matches feierte das Team nebenan im legendären „Beach Chalet“ mit Blick auf den Pazifik. Es war die Zeit erster großer Erfolge und Mannschaftsfahrten. Erst die Turnierreise durch Skandinavien, dann ging es nach Brasilien. Mit „SF United“ wurde Enochs US-Vizemeister der U19.

Damals studierte er schon in Kaliforniens Hauptstadt Sacramento das Fach Kriminologie („Criminal Justice“) und spielte während des Semesters für die Universität. Auch dort wurde er zum „Spieler der Woche“ erklärt: Per Poster-Aushang mit indiskreter Angabe seines Notendurchschnitts aus dem Hörsaal. Den Abschluss machte er nach vier Jahren Studium. „Ich bin so froh, dass Joe nicht Polizist geworden ist“, beteuert Bea Enochs „es gibt hier viele gefährliche Plätze“. Als sie das sagt, steht sie vor dem Kühlschrank. Daran hängt ein breiter Magnet, den Joe zur Erinnerung von seinem Einsatz für das US-Nationalteam in Ohio mitgebracht hat: „Enochs – June 7 2001 – US vs Ecuador“. Bea Enochs sah das Länderspiel im Fernsehen und bemerkte während der Nationalhmyne bei Joe „eine Träne im Auge.“

Jedes Jahr besucht Bea ihren Sohn in Osnabrück, der sie mit ins Stadion schleppt – zuletzt beim 3:2-Heimsieg des VfL gegen Holstein Kiel. Schwester Lori haben die Gesänge der VfL-Fans, ihre Banner und das „firework“ beeindruckt („so crazy“). Auf jedem Rückflug hat Bea einen Stapel mit Artikeln aus dieser Zeitung im Koffer, die nun von dem neuen Coach des Drittliga-Teams handeln . Die sortiert sie daheim ins Archiv.

Auf dem Foto neben der eingangs erwähnten Laudatio zum „Athleten der Woche“ wirkt Joe Enochs mit vollem, dunklem Haar und dem perfekten Zahnschema wie der Bewerber für eine Boygroup. Und die Belohnung für seinen Wochentitel erwähnte der „Argus Courier“ im letzten Satz. Joe durfte sich in „Perry’s“ Snack-Bar das abholen, was für einen 17-Jährigen in den USA als konform gilt: „Einen kostenlosen Hamburger mit Pommes und Milchshake.“