„Ich will zurück nach Osnabrück“ Besuch beim ehemaligen VfL- und SFL-Profi Sidney in Recife

Von Michael Jonas | 04.07.2014, 19:35 Uhr

„Ich komme wieder zurück nach Deutschland. Auf jeden Fall. Am liebsten nach Osnabrück.“ Sidney Santos di Brito lacht. An seine Zeit beim VfL und in der Stadt erinnert er sich gerne zurück. „Mein Sohn Matthäus ist im Klinikum Osnabrück geboren. Mein anderer Sohn Miguel lebt in Wersen. Osnabrück ist wie meine zweite Heimat. Die Stadt und die Leute haben mir gefallen. Ich habe dort die vier schönsten Jahre meines Lebens verbracht.“

Von 2001 bis 2004 spielte er bei den Lila-Weißen. Er hatte seine Heimat Brasilien verlassen und war beim PSV Eindhoven gelandet. Dort geriet er in die Hände dubioser Spielerberater. „Es waren gleich fünf. Die wollten drei, vier Millionen Dollar für mich. Eindhoven wollte eine Million Gulden zahlen. Es war ein Hin und Her. Ich wollte da nicht mitmachen und habe irgendwann gesagt, jetzt ist Schluss. Ihr habt mich umsonst gehabt. Jetzt wollt ihr alle an mir verdienen. Ich gehe meinen Weg allein“, beschreibt der damals 22-jährige Sidney heute seine eigenwillige Handlungsweise. Bei einem Spiel der Nachwuchsmannschaft der Holländer entdeckte ihn Lothar Gans und holte ihn zur Bremer Brücke.

Sidney war einer der Aufstiegshelden vom Juni 2003. Beim 2:0 gegen Holstein Kiel erzielte er kurz vor dem Ende das 2:0 und beseitigte damit alle Zweifel an der Zweitliga-Rückkehr: „Das werde ich nie vergessen, wie uns die Fans damals gefeiert haben und die ganze Stadt hinter dem VfL stand.“ Zu seinen Mitspielern Guido Spork, Joe Enochs, Alexander Ukrow und Christian Claaßen hatte er einen guten Draht. Lange hatte er auch Verbindung zum damaligen Aufstiegstrainer Jürgen Gelsdorf, der nach dem Triumph den Verein verließ. „Ich habe alles versucht, aber bisher noch keinen Kontakt zu ihm herstellen können“, sagt Sidney, der mit seiner Freundin und Sohn Matthäus in Moreno, etwa 15 Kilometer außerhalb der WM-Stadt Recife, lebt und – wie er sagt – im Internetgeschäft tätig ist.

Zum dem heutigen Trainerteam Maik Walpurgis und Ovid Hajou hat er noch Kontakt: „Maik wird seinen Weg gehen. Er ist ein sehr guter Trainer. Irgendwann wird er in der Bundesliga landen.“ Sidney schätzt das Trainerduo aus seiner Zeit bei den Sportfreunden Lotte (2009– 2011), bei denen er nach einem Beinbruch seine Karriere beendete. Heute glaubt er zu wissen, dass er noch einige Jahre hätte spielen können. „Ich hatte Angst nach der Verletzung. Ich dachte, du schaffst es nicht mehr.“ Sidney hatte nicht mehr die Energie, noch einmal anzufangen. Und nicht die Mentalität, diszipliniert zu sein, wie er zugibt. „Ich habe immer gedacht, dass ich ein guter Spieler bin. Ein technisch starker Fußballer, der immer wieder einen Verein findet. Heute weiß ich, was ich falsch gemacht habe.“ Zu spät zum Training zu kommen, dick zu sein, faul zu sein. „Ich habe Fehler gemacht, die ich nicht mehr machen würde.“

Nach einem Intermezzo in Essen feierte er 2005/2006 bei Energie Cottbus seinen größten Erfolg. Er gehörte zu der Mannschaft, die 2006 den Wiederaufstieg in die Bundesliga schaffte. Ein Spiel in der Eliteliga war ihm vergönnt, dann sortierte ihn Trainer Petrik Sander aus – wegen mangelnder Disziplin, wie Sidney zugibt.

Letzte Station war Kickers Offenbach. „Am Anfang lief es dort gut, ich habe immer gespielt. Dann hatte ich einen Achillessehnenriss, den ich in Brasilien auskurierte“, sagt Sidney, „am 21. Januar 2008 sollte ich zurückkehren. Das habe ich nicht gemacht.“ Es folgte die fristlose Kündigung: „Das hat meine Karriere kaputtgemacht.“

Vom Fußball kommt er nicht los. Zurzeit macht er in Recife seinen Trainerschein. 2015 ist er fertig. „Ich würde überall arbeiten. Auch in Deutschland.“ Einmal im Jahr ist Sidney Organisator eines Benefizspiels, an der bekannte Fußballer aus der Region Recife mitwirken. Es war seine Idee. Das Projekt heißt „Fußballsterne“. Dabei werden Lebensmittel für arme Menschen gesammelt. Wer ohne Lebensmittel kommt, muss fünf Real (etwa 1,60 Euro) zahlen. „Im letzten Jahr sind mehrere Tonnen zusammengekommen“, betont der Ex-VfLer stolz.

Die WM verfolgt er intensiv, aber er weiß, was danach kommt: „Dann kehrt hier ganz schnell wieder der Alltag ein. Brasilien ist finanziell kaputt. Die Menschen haben Sorgen. Sie brauchen keine neuen Stadien wie in Manaus oder Recife. Die Gesundheitsversorgung, das Schulsystem. Alles eine Katastrophe.“

Wohl auch deshalb sehnt sich Sidney Santos di Brito nach Deutschland zurück. Und nach Osnabrück.