Bittere 1:2-Niederlage VfL Osnabrück: Zu hoch gepokert in Chemnitz?

Von Benjamin Kraus | 08.05.2016, 22:42 Uhr

Alles riskiert, alles verloren: Die Aufstiegschance ist weg, der vierte Tabellenrang, der denEinzug in den DFB-Pokal bedeutet, ist erst einmal futsch. Die 1:2-Niederlage beim Chemnitzer FC nährt die Gefahr, dass der VfL Osnabrück am Saisonende mit leeren Händen dasteht – egal, wie er das verbleibende Spiel gegen Fortuna Köln bestreitet.

Es gab diesen einen Moment in Chemnitz, den Kritiker nun als den Anfang vom Ende bezeichnen werden: Es lief die 76. Spielminute, der VfL Osnabrück hatte soeben zum 1:1 ausgeglichen, Innenverteidiger Tobias Willers hatte endlich sein erstes Saisontor erzielt: Nach einem endlich gefährlichen Standard von Massimo Ornatelli, im zweiten Kopfball-Versuch.

So lag der VfL in der Blitz-Tabelle wieder auf Platz vier, wieder einen Punkt vor in Stuttgart führenden Magdeburgern und drei vor zurückliegenden Großaspachern. Nur Würzburg auf dem Relegationsrang wäre mit nur einem Auswärtspunkt weiter nicht in Reichweite gewesen. So stand die berechtigte Frage im Raum, sie beschäftigte alle Osnabrücker im Stadion: Was tun? Worauf die Priorität legen? Voll auf Sieg spielen oder zuerst den Punkt und damit Platz vier sichern?

Auf der Vfl-Bank diskutierten sie hektisch diese Frage, auch die Blicke der vom Torjubel zurücklaufenden Spieler gingen sofort zur Seitenlinie. VfL-Trainer Joe Enochs lief dann etwa 10 Meter ins Spielfeld, suchte Blickkontakt mit seinen Führungsspielern. Ein paar Sätze flogen hin und her, bevor die bestätigende Geste für alle folgte: Alles klar, so machen wir es. Wir spielen in der letzen Linie weiter nur mit drei Leuten. Wir lassen die vier Offensivspieler Halil Savran, Steffen Tigges Addy Menga und Marcel Kandziora vorn. Wir gehen aufs Ganze, auf Risiko. Auf alles oder nichts.

Konter-Gegentor

„An der taktischen Ausrichtung gab es überhaupt keinen Zweifel. Wir wollten hier gewinnen“, sagte Savran hinterher zu den spannenden Sekunden der VfL-internen Abstimmung und ergänzte: „Was wir entscheiden auf dem Platz, trägt der Trainer mit. Und was der Trainer entscheidet, tragen wir mit.“ Enochs sagte, die Entscheidung, auch nach dem Ausgleich hinten weiter mit der Dreierkette zu agieren, sei nach der Rücksprache mit seinen Fußballern auf dem Platz gefallen. Dann ergänzte der VfL-Coach: „Wenn wir das 2:1 schießen, sagen alle ‚Ey, super Trainer‘. Wenn wir aber ein Tor kassieren wie jetzt, dann bin ich der Depp.“

Nun kann man tatsächlich nicht sagen, dass die Rückkehr zur Viererkette auf jeden Fall ein zweites Gegentor in der Schlussphase verhindert hätte. Enochs drückte es andersherum aus, sagte, dass man jenes Gegentor „auch mit einer Dreierkette verhindern kann.“ Grundsätzlich gibt es ja viele Teams in der Fußball-Geschichte, die den Spielstand vor allem verwalten wollten, dieses aber nicht geschafft haben – und hinterher kritisiert worden sind für fehlenden Offensivgeist.

Fakt ist aber leider, dass das Konter-Gegentor gefallen ist. Und zumindest interessant ist die Erklärung des CFC-Coaches Sven Köhler, der sagte: „Nach dem 1:1 war es ein Spiel, das in der Mitte einer Saison sicher nicht so abläuft. Weil dann der Gegner vielleicht auch zufrieden ist mit dem Auswärtspunkt und geordneter spielt.“

Fehlende Ordnung

Man kommt der Sache wohl in der Tat näher, wenn man sich von der Kettendebatte löst und konstatiert, dass die Ordnung beim VfL in Chemnitz mit zunehmender Spieldauer verloren ging. Es ist das, was auch Enochs meint, wenn er sagt, dass sein Team nicht mehr so klar gespielt habe wie in der überlegen geführten ersten Halbzeit. Ein – bemerkenswerter – Grund dafür könnte am Ende aber auch gewesen sein, dass nicht alle VfL-Fußballer hinter der Entscheidung aus der 76. Minute standen.

So sagte Mittelfeldspieler Massimo Ornatelli: „Ich finde, wir hätten den Punkt mitnehmen, nicht mehr aufs zweite Tor spielen sollen. Das alle auf den dritten Platz geschaut haben, war für mich ein Fehler.“ Auch Platz vier sei enorm wichtig für den VfL – dafür wäre ein Punkt enorm wertvoll gewesen.

Der letzte Satz ist sicherlich richtig. Über seine Sätze davor kann man diskutieren. Das Ergebnis als Argument zu nehmen, ist einfach. Aber es ist das, was am Ende zählt.