Wie ein Talent zurück in die Spur fand VfL-Profi Sven Köhler: Wände streichen wurde zum Wendepunkt

Volle Kraft voraus: Sven Köhler ist beim VfL zum Stammspieler gereift.Volle Kraft voraus: Sven Köhler ist beim VfL zum Stammspieler gereift.
Helmut Kemme

Osnabrück. Unter Vertrag steht er beim VfL Osnabrück seit Sommer 2019, doch er ist eine der Entdeckungen dieser Saison. Sven Köhler, einst hochgelobtes Talent in einem Ausnahmejahrgang der Schalker „Knappenschmiede“, hat in seiner Karriere zum zweiten Mal ein paar Schritte zurückgemacht – und ist dennoch weitergekommen. Oder deshalb?

Ein Tag im Sommer 2021, ein Training beim VfL Osnabrück in der Vorbereitung auf die Saison. Sven Köhler steht mit Daniel Scherning zusammen, der Trainer lobt die Form des jungen Mittelfeldspielers und sagt: „Schade, dass du weggehst.“ Der Transfer von Köhler zum Drittligisten SC Verl, für den er in der Rückrunde der vorigen Saison als Leihspieler zum Klassenerhalt beigetragen hat, ist so fast perfekt.

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„Ich bin noch nicht weg“, antwortet Köhler dem neuen Trainer. Er spürt Vertrauen und hat plötzlich das Gefühl, dass er beim VfL doch noch eine Chance hat. Was sich unter Daniel Thioune in der 2. Bundesliga 2019/20 mit 17 Einsätzen (sechs Mal Startelf) gut angelassen hatte, ließ bei Marco Grote so sehr nach, dass er froh war, zum Drittliganeuling SC Verl ausgeliehen zu werden.

Helmut Kemme
Fühlt sich wohl im Team und in der Stadt: Sven Köhler, hier mit Lukas Kunze.

Ein Schritt zurück, so wie damals, als er auch wegen seiner Bockigkeit bei Schalke aussortiert wurde. Er ging zurück nach Lippstadt, in die Oberliga. Feierabendkicker statt Profi, Training am Abend nach einem Arbeitstag mit Mindestlohn. „Na und?“, sagt der Mann, der sich in dieser Zeit mit ihm beschäftigt, dessen Blick weitet und Wege öffnet.

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Kein Gespräch mit Sven Köhler, in dem es nicht auch um Sladan Vidakovic geht. Der gelernte Bankkaufmann betreut als „Life-Coach“ Leistungssportler. Dabei ist er mehr Lebensberater als Spielervermittler, mehr Freund als Geschäftspartner, es geht mehr um Lebenswege als um Laufwege. „Es kommt nicht auf den lukrativsten Wechsel an, nicht auf die schnellste Karriere“, sagt Vidakovic, „wir kümmern uns erst um den Menschen und dann um den Sportler in ihm.“

Helmut Kemme
Sven Köhler im Duell mit seinem Vorgänger und Ex-Mitspieler David Blacha, jetzt beim SV Meppen.

Als Köhler im Tief steckt und nach vielen Jahren auf der Einbahnstraße Profifußball an allem und an sich zweifelt, nimmt ihn der Familienvater Vidakovic bei sich zu Hause auf. Erste Gemeinschaftsaktion: Sie streichen die Wände im Haus, der Kopf wird frei.

Lange her, aber nicht vergessen. Der Kontakt besteht fort, auch bei der Entscheidung, den Schritt nach Verl zu gehen, war Vidakovic beteiligt. „Aber am Ende muss er davon überzeugt sein, und es sollte nichts mit Geld zu tun haben“, sagt Vidakovic.

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Es hat sich dennoch – oder erst recht – gelohnt, Köhler ist weitergekommen, erst in Verl und nun beim VfL. Er stand fast immer in der Startelf, das einzige Pflichtspiel verpasste er gelbgesperrt. Ob als Sechser oder in der offensiven Rolle neben Sebastian Klaas – Köhler ist einer der Taktgeber und Ballverteiler.

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Deutscher Meister mit Schalke: Sven Köhler 2015 nach dem Sieg gegen die TSG Hoffenheim im Wattenscheider Lohrheidestadion.

„Ich hatte die Erwartung zu spielen, dass es jetzt so viel wird, hatte ich nicht erwartet“, zieht Köhler sein Zwischenfazit, „ich wusste immer was ich kann, aber ich muss spielen, um mich zu 100 Prozent zu zeigen. Verantwortung und Vertrauen machen es aus, nur so kann sich ein Spieler entwickeln.“

Derzeit hat er mit 25 Jahren seine Balance gefunden. Er schätzt den Zusammenhalt im Team, fühlt sich wohl in der Stadt und erst recht im Stadion. Bis 2023 ist er beim VfL unter Vertrag. „Ich kann noch mehr“, sagt Köhler, der mit Thilo Kehrer und Leroy Sané deutscher Jugendmeister wurde, „aber ich muss noch viel lernen.“


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