Bilderstrecke vom Auswärtssieg 1969 St. Pauli ganz in Lila-Weiß: Als Osnabrück am Millerntor dominierte

Zwischenfall: Ziegenbock "Dickie", das inoffizielle Maskottchen des VfL, wird vom "Pflanzer" Andy Burose auf seinem Ausflug gestoppt. Foto: Otto MetelmannZwischenfall: Ziegenbock "Dickie", das inoffizielle Maskottchen des VfL, wird vom "Pflanzer" Andy Burose auf seinem Ausflug gestoppt. Foto: Otto Metelmann 

Osnabrück. 3000 Osnabrücker begleiten den VfL Osnabrück an diesem Sonntag zum Hamburger Millerntor. Die Begeisterung ist groß, doch vor 51 Jahren schlug der Pegel noch stärker aus. 6000 Lila-Weiße waren am 2. März 1969 dabei, als der VfL beim FC St. Pauli mit 2:0 gewann – ohne die Fotos der folgenden Bilderstecke würde mancher heute nicht glauben, was sich damals am Millerntor abspielte.

Das erste Bild ist ein Suchbild. Finden Sie den Eckballschützen? Zur besseren Orientierung: Die Zuschauer rechts stehen direkt an oder sogar auf der Toraus-Linie – so, wie die Besucher links parallel zur Seitenlinie stehen. 

Foto: Otto Metelmann

An der Ecke hat sich ein Osnabrücker Fußballer eine Gasse durch die Masse gebahnt – er muss ja schließlich einen Eckball ausführen. Was? Sie sehen ihn nicht? Doch, da ist er, man sieht seine Füße, das Standbein ist etwas weggerutscht, der Ball ist gerade in der Luft und man erkennt sogar sein Gesicht. Es ist Willi Mumme, einer der VfL-Helden einer Goldenen Ära des Vereins. 

Foto Nummer zwei: Zwei lange Sonderzüge „Hanseat“, ein Dutzend Busse und Tausende von Autos hatten über 6000 fußballverrückte Osnabrücker an diesem kalten Sonntag nach Hamburg gebracht. „Die Reeperbahn wurde aus dem Schlaf des Sonntagmorgens gerissen, denn vom Millerntor bis zur Großen Freiheit beherrschten Gesang und die Farben Lila-Weiß das Straßenbild“, schrieb die „NOZ“ am nächsten Tag. 

Foto: Otto Metelmann

Am mit 20100 Menschen überfüllten Millerntor hatten die VfL-Fans den Ton angegeben – wie ihre Mannschaft, die auf dem matschigen, am Tag zuvor vom Schnee geräumten Platz das Spitzenspiel mit 2:0 gewann. Dutzende liefen nach den Toren von Carsten Baumann und Herbert Schröder auf das Spielfeld, um, wie auf dem dritten und vierten Foto zu sehen, mit den Spielern zu jubeln – kein Polizist, kein Ordner griff ein, es gab keine Ausschreitungen, keine Gewalt. 

Foto: Otto Metelmann
Foto: Otto Metelmann


Foto fünf: „Momirski, lass die Löwen los“, stand auf einem riesigen Transparent, das Osnabrücker mitgebracht hatten. Sie kamen mit selbstgenähten Fahnen und in lila-weißen Anzügen, sie sangen, jubelten und tanzten – erst recht auf der Rückfahrt im Zug, zusammen mit den Spielern. "Schlachtenbummler von Weltformat" schrieb die "Bild" über die Osnabrücker Anhänger. Bei der Ankunft im Hauptbahnhof warteten Hunderte Daheimgebliebene auf die Sieger vom Millerntor und trugen Walter Wiethe, Sigi Müller, Wolfgang Kaniber auf den Schultern nach draußen. 

Foto: NOZ Archiv

Selbst dem für sein blumige Sprache bekannten Trainer fehlten fast die Worte. „Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll... Das ist südländische Begeisterung, menschlich und sportlich“, sagte Radoslav Momirski.

Lila-Weiße Begeisterung zeigt der Torjubel auf Foto Nummer sechs, das nächste eher die Zurückhaltung des Linienrichters.

Foto: Otto Metelmann
Foto: Otto Metelmann

Im Juni 1968 war Momirski nach Osnabrück gekommen und hatte eine durchschnittliche Regionalliga-Mannschaft übernommen, von der niemand mehr erwartete als eine weitere Saison im grauen Mittelmaß. Doch es wurde eine Spielzeit der Superlative, die mit acht Siegen begann, ein Triumphzug zur Nordmeisterschaft wurde und den VfL in der Aufstiegsrunde ganz dicht an die Bundesliga brachte.  

Der FC St. Pauli war der große Rivale, und der Sieg am Millerntor war umso süßer, weil die Braun-Weißen im Hinspiel mit 2:1 gewonnen und der Osnabrücker Begeisterung den ersten Dämpfer versetzt hatten. „Osnabrück – wo liegt denn das?“, hatte damals der St. Pauli-Stürmer Detlef Rosellen, auf Foto Nummer acht im gestreiften Trikot zu sehen, vor dem Spiel spöttisch gefragt.

Foto: Otto Metelmann

Nun hatte Fußball-Osnabrück die Antwort gegeben. "Es war das beste Spiel. Es war der schönste Sieg. Es war wunderbar", sagte Momirski. Und Rosellen? Spielte mit, kam aber kaum an den Ball – gegen VfL-Publikumsliebling Walter Wiethe, der einen Tag vor seinem 29. Geburtstag eins der besten Spiele seiner langen Laufbahn machte.

Der Fotograf

Die Bilder in diesem Artikel stammen aus dem Archiv des legendären Hamburger Fotografen Otto Metelmann (1922 – 1970). Er berichtete von vier Fußball-Weltmeisterschaften, war bei über hundert Länderspielen und zahllosen Europapokalpartien dabei. Metelmann fotografierte aber auch am Rothenbaum, im Volksparkstadion und am Millerntor sowie auf Hamburger Amateurplätzen. Sein Sohn Thomas (65), der mit vier Jahren seine erste Kamera bekam und mit zehn Jahren die ersten Fotoabdrucke verzeichnete, übernahm die Agentur mit seiner Mutter Christa schon als Jugendlicher und etablierte sich als internationaler Sport- und Hamburger Stadtfotograf. 

Otto Metelmann mit der portugiesischen Fußball-Legende Eusebio bei der WM 66 in England. Foto: Archiv Metelmann

Weitere Infos, Hintergründe und spannende Fakten über den VfL Osnabrück gibt es in unserem Podcast Brückengeflüster:


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