Serie: Die Gegner des VfL 2019/20 St. Pauli: Wirtschaftlich stabil, sportlich droht das Mittelmaß

Von Rolf-Peter Rosenfeld

Stürzen die Kiezkicker in dieser Saison ins Mittelmaß ab? Foto: Witters/Tay Duc LamStürzen die Kiezkicker in dieser Saison ins Mittelmaß ab? Foto: Witters/Tay Duc Lam

Hamburg. Die vergangene Saison lief für den FC St. Pauli bis zur Hälfte überragend. Zur Winterpause waren die Hamburger Vierter, punktgleich mit dem Dritten Union Berlin. Die Köpenicker sind in die Bundesliga aufgestiegen, die Braun-Weißen büßten durch den Absturz auf Platz neun auch noch ihren komfortablen Status im TV-Ranking ein und verloren so 1,7 Millionen Euro. Wirtschaftlich läuft alles bestens. Sportlich muss man sich um den Traditionsverein von 1910 große Sorgen machen.

Die sportliche Führung

Jos Luhukay startete seine Trainer-Karriere 2008 beim Amateurklub SV Straelen, übernahm danach den KFC Uerdingen. Seine erste Profistation war das Amt des Co-Trainers unter Friedhelm Funkel beim 1. FC Köln (ab 2002). Mit Borussia Mönchengladbach (2008), dem FC Augsburg (2011) und Hertha BSC (2013) stieg er in die Bundesliga auf – jeweils mit Assistent Markus Gellhaus, der auch jetzt wieder sein „Co“ ist. Am Millerntor ist Luhukay seit April, er trat die Nachfolge von Markus Kauczinski an. Der 56-Jährige gilt als sehr kommunikativ, er redet viel auf dem Trainingsplatz, wo er bei Nichteinhaltung seiner Vorgaben immer wieder unterbricht. Neben Gellhaus unterstützen ihn als weitere Assistenten Pauli-Urgestein André Trulsen und der Niederländer Hans Schrijver, der sich vornehmlich um die Analysen der eigenen Mannschaft und der des Gegners kümmern soll. Luhukay konnte mangels Zeit noch kein inniges Verhältnis zu den Anhängern aufbauen.

Sitzt auf dem Trainerstuhl: der Niederländer Jos Luhukay. Foto: dpa/Axel Heimken

Stadion und Fans

Das Millerntor hat seinen Kultstatus auch durch den Umbau von 2006 bis 2015 für 62 Millionen Euro nicht verloren. Das Stadion mitten in der Stadt – mit 16.940 Steh- und 12.606 Sitzplätzen – übt nach wie vor eine einzigartige Faszination aus. In der abgelaufenen Spielzeit gab es sogar einen neuen Rekord zu vermelden: Erstmals in seiner Geschichte durchbrach St. Pauli die Marke von 500.000 Zuschauern bei Heimspielen. „Das ist überragend und eine absolut beachtliche Zahl“, freute sich Präsident Oke Göttlich. 16 Mal war das Millerntor mit 29.546 Fans ausverkauft, nur einmal gegen Darmstadt 98 fehlten ein paar Anhänger (29.140). Das Publikum am Millerntor gilt als extrem treu, pfeift seine eigene Mannschaft und seine eigenen Spieler nicht aus. Bei (fast) jedem Auswärtsauftritt des Teams nutzen die Anhänger das volle Gäste-Kontingent. Bemerkenswert: Bei 15.000 Dauerkarten hat St. Pauli, um auch anderen Besuchern sowie Sponsoren Spiele zu ermöglichen, einen weiteren Verkauf von Abonnements abgeriegelt. 12.600 weitere Interessenten befinden sich auf einer Warteliste.

Seit der Saison 2007/08 in der 2. Bundesliga: der FC St. Pauli. Grafik: NOZ

Führung und Management

Göttlich hält sich mit öffentlichen Auftritten zurück. Er überlässt seinen leitenden Angestellten gern die Bühne, lässt sie machen. Allerdings darf man den Boss nicht unterschätzen. Seit Beginn seiner Amtszeit mussten schon einige Sportchefs und Trainer gehen. Geschäftsführer Andreas Rettig war in den vergangenen Jahren der starke Mann am Millerntor. Er wird den Klub allerdings am 30. September aus privaten Gründen verlassen. Er sprang zweimal als Interims-Sportchef ein, holte Ende der Saison bereits Luhukay, danach Andreas Bornemann als Nachfolger von Sportchef Uwe Stöver, der daran gescheitert war, dass er an Kauczinski festhalten wollte. Beide sind Wegbegleiter: Mit Luhukay stieg Rettig 2011 in Augsburg auf, Bornemann kennt er aus gemeinsamen Freiburger Zeiten.

Finanzen und Etatplan

St. Pauli wurde 1979 die Lizenz entzogen, wovon der VfL Osnabrück als eigentlicher Absteiger profitierte. 2003 und 2004 drohte dem Kiezklub Ähnliches. Zuletzt gab es sieben Mal in Folge einen Gewinn, für das Geschäftsjahr 2018/19 wird das achte Plus erwartet. Dem Verein geht es wirtschaftlich hervorragend. Der Etat für die Mannschaft liegt bei zwölf Millionen Euro. Der Personalkostenetat für den Profi-Bereich (inklusive des Nachwuchsleistungszentrums) beträgt etwa 16 Millionen Euro, der Gesamtetat von St. Pauli beläuft sich auf rund 52 Millionen Euro. Der aktuelle Schuldenstand wird mit 40 Millionen Euro beziffert, das Stadion am Millerntor ist allerdings in acht Jahren abbezahlt.

Kam aus Dresden zu St. Pauli: Rico Benatelli (rechts). Foto: imago images/Andre Lente

Kommen und Gehen

Mittelfeldspieler Rico Benatelli (von Dynamo Dresden) und Stürmer Boris Tashchy (vom MSV Duisburg) sind die bislang einzigen Zugänge. Beide Neuverpflichtungen verletzten sich zwei Wochen nach dem Trainingsbeginn, sodass ihre Teilnahme beim Meisterschaftsstart auswärts gegen Arminia Bielefeld in Gefahr ist. Gleich neun Akteure sind aus der vergangenen Saison nicht mehr dabei, darunter die drei Stürmer Sami Allagui (Royal Excel Mouscron, Belgien), Alexander Meier (Ziel unbekannt) und Jan-Marc Schneider (Jahn Regensburg) sowie Mittelfeldspieler Richard Neudecker (VVV Venlo, Niederlande). Als wichtigste verbliebene Akteure gelten Keeper Robin Himmelmann, Innenverteidiger Marvin Knoll, der zudem Favorit auf das Kapitänsamt ist, Youngster Finn Ole Becker, dem viele Experten eine Zukunft als Spielgestalter in der Bundesliga voraussagen, und Mittelfeldstratege Christopher Buchtmann.

Chancen und Pläne

In der vergangenen Spielzeit verpassten die Hamburger den durchaus möglichen Aufstieg durch den Einbruch in der Rückrunde. Rettig verkündete nach dem letzten Spieltag, dass man für diese Saison mehr in den Sport investieren und mehr Risiko gehen wolle. Davon war bislang wenig zu sehen. Luhukay sagte kurz nach seiner Installierung, dass er innerhalb von zwei Jahren aufsteigen möchte. Momentan fehlt dafür allen Betrachtern von außen die Fantasie. Stand jetzt droht Mittelmaß.

Zum Autor: Rolf-Peter Rosenfeld spielte von 1975 bis 1979 für St. Pauli, sowie von 1979 bis 1981 und von 1982 bis 1984 für den VfL. Seit 35 Jahren berichtet er über die Kiezkicker, zwischendurch auch über Jahre und auch heute noch immer wieder über den Hamburger SV.


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