,,Der Traum hat immer gelebt" VfL-Trainer Daniel Thioune: Irgendwie steckt die Ostkurve auch in mir

Von Harald Pistorius

„Ein tolles Gefühl“: VfL-Trainer Daniel Thioune (mit Megafon) feiert mit den Fans den 3:1-Sieg beim KFC Uerdingen. Foto: Michael Postl„Ein tolles Gefühl“: VfL-Trainer Daniel Thioune (mit Megafon) feiert mit den Fans den 3:1-Sieg beim KFC Uerdingen. Foto: Michael Postl

Osnabrück. Als Junge stand er selbst in der Fankurve und jubelte den VfL-Spielern zu. Heute wird VfL-Trainer Daniel Thioune von den Fans gefeiert. Ein Gespräch über früher und heute.

Daniel Thioune, in Duisburg sind Sie den Rufen der Fans gefolgt und auf den Zaun vor der Kurve geklettert. Warum?

Ich hatte mir das nicht vorgenommen, es war spontan. Dass der Moment so früh kommt… Grundsätzlich gehören die Spieler auf den Zaun, nicht der Trainer. Aber dann habe ich mir gesagt, dass man das dann auch mal tun muss, wenn die Fans es wollen. Und ganz ehrlich: Mir tut so ein Moment auch einfach gut, das war ein tolles Gefühl, da oben zu stehen. Irgendwie steckt die Ostkurve ja auch in mir.

Sie waren als Junge oft im Stadion und auch in der Ostkurve. Waren Sie ein richtiger Fan, der auch auswärts mitgefahren ist?

Ein Auswärtsfahrer war ich nicht. Ich kann mich an viele Details der ersten Besuche Mitte der 1980er-Jahre erinnern. Ich fand es faszinierend in der Kurve – das Flutlicht, die Sprechchöre. Ich bin oft mit meinem Vater gegangen, dann haben wir auf West gestanden. Das waren sehr schöne Vater-und-Sohn-Momente. Und zwischendurch immer wieder in die Ostkurve. Da habe ich erlebt, wie Pele gegen Meppen in der letzten Minute den Freistoß reingesemmelt hat; ein Kumpel von mir hat das Trikot ergattert.

Neulich hat Paul Linz Ihnen sein altes Trikot geschenkt.

Es war unfassbar. Das war die erste Mannschaft, die ich richtig erlebt habe, ich war zwölf oder 13 Jahre alt. Wegen Paul wollte ich später das Trikot mit der Nummer 10 tragen, und als er es mir jetzt nach dem Spiel gegen Zwickau gegeben hat, war ich wirklich stolz.

Hatten Sie auch unangenehme Momente in der Kurve?

Es gibt nichts Schlimmeres als rassistische Rufe. Beim Saisonstart 1992/93 gab es eine Klatsche gegen Wolfsburg, da hatte der VfL gerade drei Polen verpflichtet – Dreszer, Wijas und Hetmanski. Da brüllten Leute in der Kurve „Polen, Polen – der Teufel soll euch holen.“ Oder später dann die „Asylanten“-Rufe – ich fühlte mich allein wegen der vielen Freunde aus anderen Ländern persönlich getroffen. Solche Rufe hasse ich, die will ich an unserer Bremer Brücke nicht hören.

Haben Sie als Junge irgendwann mal davon geträumt, selbst an der Brücke zu spielen?

Der Traum hat eigentlich immer gelebt. Später, als ich bei den Sportfreunden Oesede spielte und weiter zum VfL ging, da kam mir mal so ein Gedanke: Mensch, so weit weg bist du von denen vielleicht gar nicht. Aber wenn dann ein richtig guter Mann wie Thomas Brewe, der es beim VfL versucht hat und es fast gepackt hätte, zurückkommt, weiß man wieder, wie weit der Weg ist.

Und dann haben Sie es beim VfL gepackt – nach einem Jahr Anlauf. Wie war das dann, von der Ostkurve gefeiert zu werden?

Bevor es so weit war, war ich eine Saison lang in der Beobachterrolle, hatte so gut wie keine Spielzeit. Und ich hatte gedacht, dass ich als bester Spieler der Verbandsliga den Sprung schaffe und es so weiterläuft – von wegen.

Dann kam doch noch der Durchbruch in der Saison 1998/99: Sie trafen, Sie wurden zum Osnabrücker Star, Sie saßen beim Schalker Manager Rudi Assauer am Schreibtisch. Und die Fans forderten Sie auf den Zaun.

Das ist das Höchste, wenn du hörst, wie sie deinen Namen rufen und du auf den Zaun klettern kannst. Dafür spielen wir doch unter anderem Fußball. Tolle Erinnerungen…

…aber es gibt auch andere. Nach dem Abstieg 2001 sind Sie trotz anderer Angebote beim VfL geblieben, Ihre Vertragsverlängerung galt als Signal für den Willen zum Wiederaufstieg. Das hat nicht geklappt.

Wenn man ehrlich ist, muss man sagen: Ich war mit der ganzen Situation überfordert. Mit der Rolle als Kapitän und als öffentliche Figur. Einmal habe ich bei einer Auswechslung noch auf dem Platz die Kapitänsbinde zu Joe Enochs geworfen. Als das Publikum pfiff, habe ich den Daumen nach oben gezeigt. Das war ein schwerer Fehler, und das haben mir natürlich auch die Fans übel genommen. Als dann bei meinem letzten Spiel für den VfL im Kölner Südstadion das Transparent „Danke für nichts!“ in der Osnabrücker Kurve hing, war das ein bitterer Moment, denn ich wusste: Das gilt auch mir.

Magischer Moment als VfL-Spieler: Daniel Thioune bei den Fans am Zaun. Foto: Kemme

Wie ist das heute? Sie betonen wie die Spieler immer wieder, wie sehr diese Unterstützung hilft. 

Es gibt diese Gänsehaut-Momente. Jetzt in Duisburg, als minutenlang nur die Wechselgesänge mit dem „Vau-Eff-Ell“ zu hören waren. Oder in München, als uns die Fans am Stadion an der Grünwalder Straße empfangen haben, als wir mit dem Bus vorfuhren. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie das unsere Mannschaft gepusht hat.

Aber Sie und das Team motivieren die Fans auch – durch starke Leistungen und Zusammenhalt. Und natürlich durch die Derbysiege.

Soll ich sagen, dass Derbys Spiele wie alle anderen sind? Nein, sind sie nicht. Natürlich war der Last-minute-Sieg gegen Würzburg am ersten Spieltag eine Initialzündung, aber der Sieg gleich danach in Meppen war mindestens genauso wichtig. In keinem Derby hat in dieser Saison die andere Mannschaft gejubelt – Meppen, Lotte, Münster und Braunschweig – das streichelt die Fanszene ganz besonders.

Sie sind zusammen mit dem Mannschaftsrat im Dialog mit der Fanszene. Worum geht es dabei?

Das Wichtigste ist, dass man miteinander spricht – nicht nur in guten Zeiten. Wir tauschen uns aus, und das ist nichts für die große Öffentlichkeit. Ich transportiere in die Fanszene, wie die Aktionen bei uns ankommen, und höre mir an, welche Themen die Fans beschäftigen.

Wer für den VfL spielt, schwärmt von der Atmosphäre im Stadion.

Wenn es darum geht, einen Spieler zu verpflichten, dann sind unser Stadion und unsere Fans wichtige Faktoren. Den Mythos Bremer Brücke kennt jeder, und ein Uli Taffertshofer ist auch deswegen zu uns gekommen. Es ist der bedingungslose Support, der Kräfte freisetzt.

Was sagen Sie zu der Debatte um die Zuschauerzahlen? War Ihnen das in den letzten Heimspielen zu wenig an Resonanz?

Ehrliche Antwort? Wichtiger als die Zahl der Zuschauer ist mir, ob die, die da sind, uns so pushen, wie es diese Mannschaft braucht. Wer nicht kommt, muss später das Gefühl haben, etwas verpasst zu haben. Neulich sprach mich ein Mann im Eiscafé an und wollte wissen, ob es sich lohnen würde, eine Karte für das Spiel am 11. Mai in Wiesbaden zu kaufen. Weiß ich nicht, habe ich geantwortet und ihn dann gefragt: Waren Sie in Braunschweig? Nein? Da haben Sie was verpasst. Und München? Waren Sie dort? Nein? Da haben Sie auch was verpasst. Meppen? Und am Betzenberg? Waren Sie auch nicht? Okay – da haben Sie auch was verpasst. Jetzt können Sie sich selbst fragen, ob sich das lohnt mit der Karte für Wiesbaden.


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