Trainingslager in Belek VfL-Stürmer Álvarez: Eine Ansage im richtigen Moment

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Marcos Álvarez hat beim VfL Osnabrück einen Wandel vollzogen – der sich in Fitness, guten Leistungen und Toren auszahlt. Foto: osnapix / TitgemeyerMarcos Álvarez hat beim VfL Osnabrück einen Wandel vollzogen – der sich in Fitness, guten Leistungen und Toren auszahlt. Foto: osnapix / Titgemeyer

Belek. Neun Tore, fünf Vorlagen: Mit so einer Bilanz hätte der alte Marcos Álvarez schnell zum Höhenflug angesetzt, trotz mehr Gewicht auf den Rippen. Jetzt ist er sogar ein paar Kilos leichter, aber sein Selbstverständnis hat sich geändert. Álvarez bleibt auf dem Boden – auch wegen klarer Ansagen von Daniel Thioune.

Eins gleich vorweg: Kleinlaut ist auch der neue Marcos Álvarez nicht geworden. Eine „verrückte Art“ hat er sich bewahrt. „Manche sagen: ,Du hast einen Pfeil im Kopf!‘ Damit kann ich leben.“ Emotionen gehören für ihn dazu. Er habe als Kind schließlich „nicht mit dem Fußballspielen angefangen, um das große Geld zu verdienen, sondern weil ich Spaß daran hatte. Den soll mir keiner nehmen.“ Und so bejubelt Álvarez seine Tore extravagant und sagt seine Meinung gerne gerade heraus. „Das werde ich mir nicht nehmen lassen, egal, ob es gut oder schlecht läuft.“

Álvarez: Es klappt ja auch, wenn ich draußen gesessen habe

Nur seinem Trainer kann er gerade nichts erzählen. „Es ist schwer, ihm irgendwas zu sagen, wenn wir immer gewinnen. Er hat in der Hinrunde die richtigen Entscheidungen getroffen“, sieht Álvarez ein, der in dieser Saison schon fünfmal beim Anpfiff auf der Bank saß. Zweimal blieb er dort bis zum Abpfiff. Innerlich hätte es früher wohl mehr gebrodelt, aber „es hat ja auch geklappt, wenn ich draußen gesessen habe“, hat Álvarez lernen müssen.

In jedem Training gilt auch für Álvarez: Arbeiten, arbeiten, arbeiten. Foto: osnapix / Titgemeyer

Keine Rücksicht auf Namen oder alte Erfolge

Früher saß er nicht viel draußen, sondern war meistens auf dem Feld gesetzt. „Ich musste mich nie so beweisen“, sagt er. Aber jetzt ist beim VfL der Konkurrenzdruck hoch. Jeder ist zu ersetzen, und der Trainer nehme „keine Rücksicht auf Namen oder alte Erfolge. Er bewertet die Leistung im Training von Woche zu Woche.“ Da heißt es für Álvarez genau wie für alle anderen: arbeiten, arbeiten, arbeiten.

Lieber Publikumsliebling als Star

Beim VfL ist in dieser Saison die Mannschaft der Star. Aber ragt er da nicht heraus? Die meisten Tore, vier direkt verwandelte Freistöße – ist er nicht ein kleiner Star im Team? „Ich schieße natürlich die Freistöße. Aber vielleicht würd’s ein anderer genauso gut machen. Da es gut geklappt hat, schieße ich weiter“, sagt der neue Álvarez. Trotz allem Selbstbewusstsein passt ihm der Begriff Star nicht. Nein, sagt Álvarez, „dafür spielen wir nicht in der Bundesliga oder in der Premier League, dass man das als Star bezeichnen könnte“. Dann eher Publikumsliebling – das ist ein Begriff, mit dem er sich anfreunden kann. Die Fans mögen seine offene Art. Und seine Treffer.

Spezialist für maßgenaue Freistöße: Marcos Álvarez übt nach dem Training noch Freistöße in Belek. Foto: osnapix / Titgemeyer

Thioune: Er hat sich gewandelt

Für Trainer Daniel Thioune ist der 27-Jährige längst „nicht nur an seinen Toren zu messen“. Wichtiger sei, dass sich der Stürmer in den Dienst der Mannschaft stelle und für das Team arbeite, so wie in Unterhaching und gegen Kaiserslautern. Manchmal müsse er Álvarez noch „daran erinnern, was gut für ihn und gut für uns ist“, sagt Thioune, „aber das weiß er anzunehmen, und das setzt er um. Er hat sich gewandelt.“ Die entscheidende Wende gelang im Sommer.

Álvarez: Habe eine Allergie gegen Laufschuhe

„Ich habe meine Gewichtssachen immer auf Verletzungen geschoben, was der Trainer nicht als Ausrede hat gelten lassen. Es gab dann eine klare Ansage: Entweder, du machst was in der Sommerpause und bist vom ersten Tag an dabei oder du ziehst dir erst mal die Laufschuhe an“, erinnert sich Álvarez. Ausgerechnet Laufschuhe. „Gegen die habe ich sowieso eine Allergie“, grinst er, wird aber schnell wieder ernst: „Da gab es für mich nur die erste Variante.“

Hat das Fitnesstraining als notwendiges Übel akzeptiert: Marcos Álvarez (rechts) mit Maurice Trapp und Athletiktrainer Patrick Jochmann (von links). Foto: osnapix / Titgemeyer

„Er darf sich nicht auf seiner Qualität ausruhen“

„Er darf sich nicht auf seiner Qualität ausruhen“, sagt Thioune. Die Botschaft ist bei Álvarez angekommen, der rückblickend sagt: „Die Ansage kam zum richtigen Moment.“ Zum ersten Mal sei ein Coach so deutlich zu ihm gewesen. „Darüber bin ich froh. Ich weiß inzwischen, dass alles, was Daniel gemacht hat, einen gewissen Hintergrund hatte.“ Das Ergebnis ist bekannt. Der VfL hat den fittesten Marcos Álvarez aller Zeiten. Noch nie sei sein Laktatwert bei den Leistungstests so gut gewesen, frohlockt der 27-Jährige.

Streicheleinheiten und strenge Führung

Der Trainer hat die passende Mischung gefunden aus Streicheleinheiten, die Álvarez braucht, und einer strengen Führung, die den Stürmer in der Erfolgsspur hält. Das könnte auch ein Argument für Álvarez sein, beim VfL zu bleiben, wenn im Sommer sein Vertrag ausläuft. „Marcos weiß, dass der VfL ihm ganz guttut und dass ich ihm als Trainer ganz guttue“, sagt Thioune und ist „froh, dass ich ihn habe“.

Kein Star, sondern ein Teil der Mannschaft: Álvarez mit David Blacha (von links). Foto: osnapix / Titgemeyer

Im offenen Austausch über die Zukunft

Mit seinen Leistungen habe sich Álvarez „natürlich in den Fokus gespielt“, weiß Sportdirektor Benjamin Schmedes: „Zudem ist er sehr ambitioniert und hat eine sehr positive Entwicklung hinter sich.“ Es gehört zum Geschäft, dass auch andere Clubs auf den Stürmer aufmerksam geworden sind. „Wir sind in einem offenen Austausch darüber, inwieweit sein persönlicher Weg und der des VfL zueinander passen“, sagt Schmedes.

Wechsel nach Dresden im Rückblick kein Fehler

Bei aller Identifikation mit dem VfL und dessen Fans „wäre es gelogen, wenn ich sage, dass ich mir nichts anderes mehr vorstellen kann“, bleibt Álvarez ehrlich. Im Frühjahr 2016 hatte er auf einen Wechsel zu Zweitligaaufsteiger Dynamo Dresden spekuliert. Zum Ende der Saison zog er sich einen Kreuzbandriss zu. Der VfL verlängerte den auslaufenden Kontrakt nicht. Auch die Sachsen schlugen nicht sofort zu, sicherten sich dann aber doch ein halbes Jahr später die Dienste des genesenen Stürmers. Durchsetzen konnte er sich in Dresden nach seiner langen Verletzung nicht. Ein Fehler sei der Wechsel rückblickend trotzdem nicht gewesen.

Konzentriert: Álvarez beim Techniktraining. Foto: osnapix / Titgemeyer

„Es gibt keinen Grund, für 2000 Euro mehr in der 3. Liga zu wechseln“ 

Ein Angebot eines anderen Clubs würde er nun allerdings nur annehmen, „wenn ich mich mit 27 noch mal sportlich weiterentwickeln kann. Es gibt für mich keinen Grund, in der 3. Liga zu wechseln, weil ich irgendwo 2000 Euro mehr verdienen kann. Das kommt für mich nicht infrage.“

„Umso lieber mit dem VfL in der 2. Bundesliga“

Auszuschließen ist ein Wechsel nicht. „Wenn ich es schaffe, mit dem VfL aufzusteigen, verabschiede ich mich als Legende mit einem schönen Geschenk für den Verein, die Stadt und das Umfeld“, denkt der Stürmer zwar schon voraus. Aber genauso gut ist es möglich, dass die Lila-Weißen und ihre Fans noch ein bisschen länger Freude am neuen Marcos Álvarez haben, der versichert: „Wenn wir hochgehen und ich was Anständiges mit Benjamin Schmedes zusammenkriege, spiele ich umso lieber mit dem VfL in der 2. Bundesliga.“


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