Bilanz einer starken Halbserie Warum der VfL Osnabrück ein Aufstiegskandidat ist und welche Gefahren lauern

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Jubel nach einem erfolgreichen Abschluss des Jahres 2018 gegen Würzburg: Die Elf des vfL Osnabrück. Foto: KemmeJubel nach einem erfolgreichen Abschluss des Jahres 2018 gegen Würzburg: Die Elf des vfL Osnabrück. Foto: Kemme 

Osnabrück. Aufstieg in die 2. Bundesliga? Rückkehr nach acht Jahren in die Spielklasse, die vor langer Zeit die Heimat des VfL Osnabrück war? Man mag es kaum glauben, aber die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Warum der VfL 2018/19 ein echter Aufstiegskandidat ist. Und an welchen Gefahren die Verwirklichung des Traums scheitern kann.

Der VfL ist ein Aufstiegskandidat, weil …

… weil das gesamte Team die Leistung bringt und nicht einzelne Stars. Die Analyse der Schwachpunkte der letzten Saison, als es an Willenskraft, Teamgeist und innerer Führung mangelte, setzten Sportdirektor Benjamin Schmedes und Trainer Daniel Thioune in eine konsequente und weitgehende Erneuerung um. „Nicht labern, sondern machen“ ist eins der Gesetze, nach denen diese Mannschaft lebt. Die Spieler bekommen klare Botschaften, die im Trainingszentrum auch an den Wänden hängen. Keiner steht über dem Team, kein Einfluss soll von draußen wirken. Wahrscheinlich hat der VfL auf keiner Position den herausragenden Akteur, am ehesten bei den Torhütern, denn Nils Körber ist fast eine Klasse für sich, aber die Mannschaft steht auf Platz eins. Das Team ist mehr als die Summe der Einzelnen. Und wie alle mitziehen, zeigen zwei Einzelfälle: die Entwicklung von Marcos Álvarez, der sich nur noch eine verträgliche Prise Egozentrik gönnt und dafür mit der stärksten Phase seiner Karriere belohnt wird, und Tim Danneberg, der es als Routinier und namhafter Rekordspieler der 3. Liga erträgt und in positive Energie umsetzt, dass er nicht mehr durchgehend erste Wahl ist.

… weil die Zugänge passen und die richtigen Spieler blieben. Die gemeinsame Analyse der verkorksten Saison 2017/18, die mit 67 Gegentoren auf Platz 17 endete, führte zu Entscheidungen: möglichst weitgehender Austausch des Personals, Verpflichtung neuer Achsenspieler, Stabilisierung des defensiven Zentrums, weniger Leihspieler, frühe Komplettierung des Kaders, Zuwachs an robusten, willensstarken Spielern. 15 Profis ließ der VfL ziehen, 15 neue kamen. Uli Taffertshofer, David Blacha und Maurice Trapp brachten die nötige physische und mentale Robustheit, Anas Ouahim und Manuel Farrona Pulido die Frechheit und den Spielwitz. In diesem positiven Sog des Neuanfangs warfen auch die Alt-Osnabrücker manchen Ballast ab und ließen sich auf das Projekt ein, allen voran Marc Heider, der als Kapitän noch mal eine ganz neue Herausforderung spürt. Die Folge: Weil alle alles für den Erfolg tun, glauben alle, dass immer alles möglich ist. Das 2:1 in Würzburg war der fünfte Wendesieg, dazu kommen noch zwei Unentschieden nach einem Rückstand.

… weil die Mannschaft taktisch klar und variabel spielt, effektiv agiert und jeder Einzelne weiß, was er tun muss. Und weil sie fit ist.  Mit seinem Assistenten Merlin Polzin tüftelt Thioune Matchpläne aus, wobei die Kunst darin besteht, nach dem Motto „Weniger ist mehr“ das Wichtige in klare Hilfen umzusetzen. Wie gut das Duo auf die Herausforderungen durch die Gegner reagiert, zeigt sich an den Umstellungen in der Halbzeit: Nach dem Wechsel war der VfL deutlich erfolgreicher als vor der Pause. Für die Effizienz, die sich aus den richtigen Trainingsinhalten ergibt, steht natürlich auch die Zahl der Standardtore: Zwölfmal fiel unmittelbar oder in einer Anschlussaktion (so die Zählweise der VfL-Trainer) ein Tor nach Einwurf, Freistoß, Ecke oder Elfmeter. 

Effektiv heißt auch: Zweikampfstark, aber mit wenigen Fouls. Sich Respekt verschaffen durch eine heftige Grätsche, durch eine Attacke am Mann ein Signal setzen – diese Old-School-Muster haben Thioune und Co. verbannt. Das defensivstärkste Team der Liga (15 Gegentore in 20 Spielen) musste noch keine Gelbsperre absitzen, die starken Innenverteidiger Adam Sušac und Maurice Trapp wurden jeweils erst einmal verwarnt.

Einer der guten Sommertransfers: Manuel Farrona Pulido. Foto: Kemme


Es gibt noch einige Details mehr, die die Hoffnung auf eine Fortsetzung des Leistungshochs dieser Saison nähren. So gibt es einige Spieler mit Potenzial, die bislang aufgrund von Verletzungen eine Rolle unter ihren Möglichkeiten spielten: Von Alexander Dercho, Sebastian Klaas, Alexander Riemann, Felix Schiller und Luca Pfeiffer darf man durchaus noch etwas erwarten, wenn sie ohne Rückschläge durch die Vorbereitung kommen.

Zehn Heimspiele liegen noch vor dem VfL, der trotz einer Niederlage (0:1 gegen Karlsruhe) die beste Heimbilanz der 3. Liga aufweist. Es ist mehr als eine Vermutung, dass sich die besondere Atmosphäre an der Bremer Brücke noch stärker entfaltet, je näher die heiße Phase der Saison rückt und je realer die Aufstiegschance wird.

Diese Macht im Rücken hilft dem VfL auch auswärts und ist ein Grund für die starke Bilanz in der Fremde: Noch kein Auswärtsspiel wurde verloren; die Fans werden dafür sorgen, dass so manches Gastspiel bei Brücken-Stimmung steigt. Zum Beispiel das letzte am 11. Mai in Wiesbaden, eine Woche nach dem Spiel gegen Rostock und eine Woche vor dem Saisonfinale gegen die Spvg. Unterhaching am 18. Mai.

Doch so wolkenlos der Himmel über dem VfL derzeit scheint, so schnell kann ein Unwetter hereinbrechen und die Hoffung ertränken. Die Gefahren sind schneller da, als man glaubt:

Wie reagiert die Mannschaft auf die erste Ergebniskrise, ohne die wohl keine Mannschaft durch eine Saison kommt?

Wie geht die sportliche Leistung um mit den zu erwartenden Angeboten für Leistungsträger, die für andere Vereine interessant werden oder gemacht werden?

Wie wirken sich 14 im Sommer 2019 auslaufende Verträge aus auf das Binnenklima?

Halten Teamgeist und Mentalität stand, wenn der Druck wächst und es von zu Spiel zu Spiel mehr zu verlieren gibt?

Und: Wie wirkt sich das größere wirtschaftliche Potenzial der Konkurrenz aus, die ihre Aufstiegschance durch personelle Verstärkungen steigern will?

Das Jahr 2018 beim VfL: zwischen Abstiegssorgen und „Wintermeisterschaft“

Dennoch: Die Ausgangslage ist gut, und der VfL hat bisher so gut wie keine Anzeichen erkennen lassen, dass er diesen Herausforderungen nicht gewachsen ist. Die Fans dürfen sich auf spannende Monate freuen. Und sollten berücksichtigen, dass die Saison nicht am 18. Mai zu Ende sein muss. Die Relegationsspiele gegen den Drittletzten der 2. Bundesliga finden am 25. und 28. Mai statt.


Gut drauf trotz persönlich sogar noch ausbaufähiger Bilanz: Alexander Dercho und Philipp Kühn. Foto: Kemme



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