Ein Rekord, den keiner feiert Unentschieden liegen in der 3. Fußball-Liga wieder im Trend

Von Johannes Kapitza, Christoph Schillingmann und Dieter Kremer

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Remis-Rekordjäger unter sich: Unterhaching könnte die längste Unentschieden-Serie der 3. Liga einstellen, Großaspach ist auf bestem Wege, das Allzeithoch einzustellen. Das Duell zwischen Luca Marseiler (links) und Dominik Pelivan endete – wie sollte es auch anders sein – 1:1. Foto: imago/foto2pressRemis-Rekordjäger unter sich: Unterhaching könnte die längste Unentschieden-Serie der 3. Liga einstellen, Großaspach ist auf bestem Wege, das Allzeithoch einzustellen. Das Duell zwischen Luca Marseiler (links) und Dominik Pelivan endete – wie sollte es auch anders sein – 1:1. Foto: imago/foto2press

Osnabrück. Mal wird ein Remis als Punktgewinn bejubelt, aber immer schwingt doch auch die Trauer über zwei verschenkte Zähler mit, kurzum: Unentschieden sind im Fußball nichts Halbes und nichts Ganzes – aber in der 3. Fußball-Liga gerade wieder mal im Kommen.

„Irgendwann würde uns ein Dreier wieder guttun“, sagte Unterhachings Stürmer Stephan Hain nach dem jüngsten 2:2 in Zwickau. Siebenmal in Folge hat die Spielvereinigung nicht verloren, aber eben auch nicht gewonnen. Eine solche Serie legte bislang nur der SV Wehen Wiesbaden in der Saison 2012/13 hin. Sollte es am Sonntag zuhause gegen Fortuna Köln wieder ein Remis geben, hätte Unterhaching ein Alleinstellungsmerkmal für sich. Das Fachmagazin „Kicker“ schrieb vom Rekord, den eigentlich keiner will.

Der Trend geht zum Unentschieden

Unentschieden liegen derzeit im Trend: In fünf von sechs Partien gab es am vergangenen Samstag keinen Sieger. In dieser Saison blieben bislang 44 von 140 absolvierten Drittligaspielen ohne Sieger. Sollte die Quote so hoch bleiben, wäre es die dritthöchste in der Geschichte der 3. Liga.

Grafik: NOZ/Simone Michel

„Es zeigt sich, dass tatsächlich jeder jeden schlagen kann“, sagt Daniel Bernhardt, Torwart und Kapitän des VfR Aalen. „Das ist ja letztendlich auch das, was die Zuschauer sehen wollen – es gibt keinen FC Bayern München bei uns.“ Die extreme Leistungsdichte der Liga ist auch für viele Trainer eine Erklärung. „Wenn wir mal das 7:0 von Wiesbaden am letzten Wochenende ausklammern, ist keine Mannschaft der Liga in der Lage, ein Spiel dominant zu beherrschen“, schätzt Daniel Thioune vom VfL Osnabrück die Kräfteverhältnisse ein. „Meistens entscheiden Kleinigkeiten“, sagt Meppens Christian Neidhart, „die eine oder andere Mannschaft hat ein bisschen mehr Matchglück, weil sie einen Lauf hat. Das ist manchmal im Fußball so einfach erklärt.“ 

„Das ist ja letztendlich auch das, was die Zuschauer sehen wollen – es gibt keinen FC Bayern München bei uns“Daniel Bernhardt, Kapitän des VfR Aalen

Frontzeck: Viele gehen kein Risiko

Es gibt auch andere Erklärungsansätze: „Oberstes Credo ist bei vielen Klubs: Nur nicht verlieren!“, hat Halles Coach Torsten Ziegner festgestellt. Auch Kaiserslauterns Michael Frontzeck macht eine defensive Grundausrichtung als Ursache aus: „Kaum einer öffnet sich. Viele haben kein Interesse, etwas fürs Spiel zu machen. Sie sagen: Wir spielen null Risiko.“ Wenn das Abwehrbollwerk erst einmal steht, ist das Unentschieden die logische Folge. „Die spielerische Qualität der Mannschaften reicht oft nicht aus, um sich gegen taktisch gut organisierte Teams durchzusetzen“, sagt Nils Drube, Trainer der Sportfreunde Lotte. 

Grafik: NOZ/Simone Michel

Fragt man Uerdingens Stefan Krämer, ist der Hang zum Unentschieden kein neuer Trend. „Ich bin lange in der 3. Liga, kann mich aber kaum an ein Spiel erinnern, dass wir mal mit mehr als drei Toren Unterschied gewonnen hätten“, sagt der KFC-Coach. „Die Spiele sind immer eng, es wird immer gekämpft, die Mannschaften sind fit und haben alle Qualität. Und verteidigen kann in der 3. Liga jeder.“ 

Dotchev: Die Meisterschaft ist wie ein Marathon

Hinzu kommt, dass die Teams durch Trainingsbeobachtung und Videoauswertung immer professioneller aufeinander eingestellt sind. „Man kann die Taktik des Gegners sehr gut analysieren und sich dann auf die Spielweise einstellen“, sagt Rostocks Pavel Dotchev, einer der erfahrensten Coaches. In 204 Drittligaspielen stand er für Paderborn, Sandhausen, Münster, Aue und nun für Hansa an der Seitenlinie. „Die Meisterschaft ist wie ein Marathonlauf“, erklärt der 53-Jährige, „es ist ein langer Weg und es gilt dabei, konstant zu punkten“. Am besten dreifach, im schlechtesten Fall einfach – das ist immer noch besser, als mit leeren Händen dazustehen.

Großaspach: Zehn Unentschieden in 14 Spielen

Für Florian Schnorrenberg dürfte das ein schwacher Trost sein. Acht Unentschieden standen schon in der Großaspacher Bilanz, als er die SG Sonnenhof von Sascha Hildmann übernahm. In drei Partien unter Schnorrenbergs Regie kamen zwei weitere hinzu. „Ich bewerte Unentschieden immer nach dem Spielverlauf – mit dem 2:2 bei 1860 München und dem 1:1 gegen Braunschweig war ich zufrieden“, sagt der 41-Jährige. Befreiungsschläge sehen im unteren Drittel der Tabelle allerdings anders aus. Stattdessen steuert die SGS mit hohem Tempo auf den Titel des Remis-Königs zu. 18 Unentschieden sind das Allzeithoch in der 3. Liga.

Grafik: NOZ/Simone Michel

Der Blick auf die Statistik zeigt allerdings: Der Platz in der Abschlusstabelle hängt nur zum Teil davon ab, wie oft sich ein Team mit einem Punkt zufriedengeben muss. Burghausen wurde 2011/12 mit 18 Remis Sechster. Der Hallesche FC landete 2016/17 mit ebenso vielen Unentschieden auf Rang 13. Und wenige Remis sind keine Garantie für eine gute Platzierung: Der 1. FC Magdeburg wurde mit vier Unentschieden 2017/18 Meister, Hansa Rostock stieg 2010/11 mit sechs Unentschieden als Zweiter auf – aber Borussia Dortmunds U 23 verpasste 2009/10 mit sechs Remis den Klassenerhalt. 

Entscheidend ist, was man aus dem Rest der Saison macht

Die Lehre daraus? Entscheidend ist nicht, wie oft man unentschieden spielt, sondern was man aus dem Rest der Saison macht. Dann können zwei verschenkte Zähler schmerzen – oder ein gewonnener Punkt viel wert sein.


Mitarbeit: Netzwerk 3. Liga (Alexander Haag, René Dankert, Steffen Grün, Horst Konzok, André Gericke, Christoph Karpe).

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