Aussagen, WhatsApp-Nachrichten Willers vor dem DFB-Sportgericht: Dokumentation des Prozesses

Von Benjamin Kraus | 11.07.2017, 22:15 Uhr

Osnabrück. Das DFB-Sportgericht hat am Montag Tobias Willers, Ex-Fußballer des VfL Osnabrück, wegen der Initiierung einer Spielmanipulation der letzten Drittliga-Partie der vergangenen Saison gegen den SC Paderborn für vier Monate als Fußballer gesperrt. Hier folgt eine Dokumentation der wichtigsten Aussagen und Sachverhalte aus dem Prozess.

Bereits bei den NOZ-Medien zu finden ist eine Zusammenfassung zum Verlauf des Willers-Prozesses, ein Kommentar zum Thema sowie die Klärung der Frage, warum die VfL-Fußballer auf die erste Nachricht des Ex-Kollegen bei WhatsApp nicht reagiert haben. Im Folgenden werden nun abschließend die wichtigsten Aussagen von Zeugen und Beschuldigten sowie entscheidende WhatsApp-Nachrichten dokumentiert, die in der Verhandlung vor dem DFB-Sportgericht gefallen sind oder Thema waren.

 Aussage Tobias Willers: Während meiner Karriere hatte ich mir nie Gedanken gemacht, was ich in meinem Leben mache, wenn ich 35, 36 Jahre alt bin und mit dem Fußball aufhören muss. Das hat sich geändert, als mein bester Freund seine aktive Karriere mit 27 Jahren beendet hat und Scout geworden ist. Ich bin ein paarmal mit ihm mitgefahren, als er in Holland Spiele besucht hat. Und als ich ihm gesagt habe, dass mir seine Arbeit gefällt, hat er mich ins Gespräch gebracht beim Sportdirektor eines Bundesligisten, der mich zu sich nach Hause eingeladen hat. Daraus ist das Angebot entstanden, dass ich als Scout dort in diesem Sommer einsteigen kann. Es gab zwar keine sportlichen Gründe, mit dem aktiven Fußball aufzuhören – aber als Scout ist man im Gegensatz zum aktiven Fußball nicht von seinem Körper total abhängig – und das hätte ich die nächsten 30 Jahre noch machen können. Nach Rücksprache mit meiner Familie habe ich dann beschlossen, das zu versuchen. Das war im März, da lagen noch 12, 13 Spiele bis zum Ende meines Vertrages beim VfL Osnabrück vor mir.

Daraufhin habe ich dem Ziel, mit dem VfL nochmal aufzusteigen, alles untergeordnet: Ich wollte meine aktive Karriere unbedingt mit einem Erfolg beenden. Vielleicht kann man das ein bisschen mit Philipp Lahm vergleichen, der unbedingt die Champions League gewinnen wollte. Zuerst waren wir auch aussichtsreich im Rennen, aber dann lief es nicht mehr so gut. Das Spiel in Zwickau war dann unsere letzte Chance – und nach dem 0:1 war der Traum – mein Traum – eines perfekten Abschlusses geplatzt.

Ich wollte aber unbedingt noch mein Endspiel gegen Paderborn. Ich hatte Angst davor, dass plötzlich meine persönliche letzte Partie bedeutungslos wird. Vor allem, als klar wurde, dass Marius Gersbeck seine Knie-OP früher angehen wird und auch Alexander Dercho und Christian Groß, die sich vorher angeschlagen durchgekämpft hatten, ebenfalls nicht mitspielen werden. Ich hatte das Gefühl, dass bei uns kein Leben mehr drin ist. Daher habe ich überlegt, wie ich der Mannschaft noch einmal einen richtigen Pusch geben kann – und vielleicht mit einem Lächeln die Karriere beenden kann.

Auf der Rückfahrt habe ich dann die Kicker-App aufgemacht – und gesehen, wie spannend der Abstiegskampf ist. So ist die Idee entstanden, dass man doch Kontakt aufnehmen könnte mit Erfurt und der Bremer U23. Die Idee war, einen Motivationsanreiz für uns zu besorgen: Damit hätte ich an die Ehre meines Teams appellieren wollen, im letzten Saisonspiel gegen Paderborn nochmal alles zu geben.

Ich habe nicht im Blick gehabt, was ich damit für eine Riesenwelle auslösen würde. Ich wollte auch nie ein Spiel oder den Abstiegskampf beeinflussen oder gar manipulieren. Ich wollte einfach nur das letzte Spiel meiner Karriere unbedingt gewinnen. Dass ich später mal 25 000 als Summe in einer Nachricht vorgeschlagen hatte, lag daran, dass unsere Prämie für das Erreichen der 1. Hauptrunde des DFB-Pokals so hoch gewesen ist.

Jetzt hat sich mein geplantes Engagement als Scout zerschlagen, Ich bin seit dem 1. Juni arbeitslos – und die Auswälzung der Geschehnisse und die Vorverurteilung meiner Person in den Medien verbessert natürlich nicht gerade meine Zukunftsaussichten. Zwangsläufig werde ich aber nach dem Ablauf meiner Sperre weiter Fußball spielen müssen.

 Aussage Carsten Kammlott (Stürmer RW Erfurt): Ich bin 27 Jahre alt, stehe bei RW Erfurt bis 2022 unter Vertrag und habe früher bei RB Leipzig ein halbes Jahr mit Tobias Willers zusammengespielt. Nach unserem vorletzten Saisonspiel, das wir in Rostock 2:1 gewonnen haben, hatten wir vor dem abschließenden Heimspiel den Nichtabstieg in der eigenen Hand. Dann kam eine WhatsApp von Tobias Willers, in der sinngemäß stand: „Was bietet ihr, wenn wir gegen Paderborn gewinnen“. Ich habe ihm dann nur geantwortet, ich kläre das mal ab, ob wir was machen würden. Wir haben nie konkret über Geld gesprochen. Ich habe nie nachgefragt, es aber schon so aufgefasst, dass es um Geld geht – was hätte es sonst sein sollen? Ich habe dann mit ein, zwei Spielern unverbindlich gesprochen, die mir gesagt haben, dass in unserer Mannschaftskasse nur noch 2 500 Euro sind – und das wäre es ja nicht wert gewesen. Wir hatten zuerst auch noch vor, unseren Trainer zu informieren, haben das dann aber nach der Kassenprüfung nicht mehr gemacht. So ist die ganze Geschichte dann einfach im Sande verlaufen. Am Freitag wollte ich dann Tobias mitteilen, dass wir vonseiten RW Erfurt nichts machen werden. Da hat er aber gleich geantwortet: Lass stecken, gegen uns wird ermittelt. Ich habe aber nie richtig an Manipulation gedacht – weil ich ja auch weiß, dass Tobi Willers immer mal so einen flapsigen Spruch auf Lager hat. Manipulation wäre für mich, wenn einer konkret fordert: Gebt uns soundso viel, damit wir gewinnen – oder sogar verlieren. In diesem Fall kam das Ganze aber zu keiner Zeit so rüber, dass die Osnabrücker sich gegen Paderborn nicht mehr anstrengen würden.

 Aussage Addy Menga (damals Stürmer VfL Osnabrück, nun BSV SW Rehden): Wir saßen nach der Niederlage in Zwickau im Bus, als Willers die Nachricht an Marc Heider in unsere Mannschaftsgruppe bei WhatsApp gepostet hat: Ob der mal in Bremen anruft, ob die was geben. Alle haben das gelesen, keiner hat reagiert. Danach hat er mir dann irgendwann geschrieben, ob ich mal in Bremen anrufen kann. Ich habe mir nichts dabei gedacht und Claas Bente angerufen, den Physiotherapeuten. Wir haben uns erst ganz normal unterhalten. Erst am Ende habe ich ihm gesagt, dass wir nach dem Paderborn-Spiel unseren Mannschaftsabend machen wollen und ob die vielleicht Lust haben, für Essen oder Freibier zu sorgen. Er sagte dann, er meldet sich wieder. Es ging nie um Geld, ich habe nie Geld gefordert. Ob Willers mit seiner Aufforderung wollte, dass man Geld rausschlägt, kann ich nicht sagen – ich kenne ihn ja und weiß, wie er ist, deswegen habe ich die Nachricht, die er mir da geschickt hat, auch nicht ernst genommen. Wir haben dann später nicht mehr über die Geschichte geredet.

 Verlesung des Vernehmungsprotokolls von Claas Bente (Physiotherapeut Werder Bremen II) durch den DFB-Kontrollausschuss: Am Mittwoch, den 17. Mai, habe Bente einen vierminütigen Anruf von Addy Menga erhalten. Erst ging es um private Dinge, dann habe Menga gesagt, dass „sich die Jungs in der Kabine unterhalten würden“ und er mal fragen wolle, „ob Werder vielleicht etwas plane“. Bente habe den Eindruck gehabt, Menga sei von einem oder mehreren Dritten vorgeschickt worden. Als Bente am nächsten Morgen bei Werder darüber sprach, habe er erfahren, dass auch der Spieler Rafael Kazior schon kontaktiert worden sei.

 Verlesung des Vernehmungsprotokolls von Marc Heider (VfL Osnabrück) durch den DFB-Kontrollausschuss: Heider habe gesagt, er habe nichts zu verbergen. Er sei von Willers mehrmals bedrängt worden, dem ihm bekannten Spieler Rafael Kazior in Bremen anzurufen. Im Gespräch habe Heider dann Kazior gesagt, Willers nerve ihn damit, dass er fragen solle, ob Bremen was mache, damit Osnabrück gegen Paderborn gewinnt. Daraufhin habe Kazior wütend gefragt, was Willers den für einer sei und Willers mit einigen Kraftausdrücken belegt. Heider betont, er habe nie etwas gefordert, schon gar kein Geld. Er würde sich sowieso anstrengen, wenn er Fußball spiele – vor allem für Werder Bremen, für die er selbst einst gespielt hat.

 Verlesung des Vernehmungsprotokolls von Rafael Kazior (Werder Bremen II) durch den DFB-Kontrollausschuss: Kazior habe am Mittwoch, den 17. Mai, mit Heider telefoniert. Heider habe ihm gesagt, dass sein Teamkollege Willers „damit nervt“, ob Bremen was machen würde, wenn Osnabrück gegen Paderborn gewinnt. Es sei keine Summe genannt worden, aber Kazior sei klar gewesen, dass es um Geld gehe. Nach dem Gebrauch einiger Kraftausdrücke habe Kazior Heider dann gefragt, was denn passiere, wenn Bremen nichts machen würde. Daraufhin habe es keine Antwort von Heider gegeben, außer die Wiederholung, dass Willers „so hart damit rumnerven“ würde. Am nächsten Tag habe Kazior Heider wieder angerufen und ihm gesagt, dass Werder nichts machen würde, aber den Vorfall melden werde. Daraufhin habe Heider nur „O.K.“ gesagt – laut Kazior habe er dabei einen erleichterten Eindruck gemacht.