Aufstieg des SV Meppen Victoria Gersten legte den Grundstein für 1. Bundesliga

Von Uli Mentrup | 05.09.2020, 16:28 Uhr

Die Fußballerinnen des SV Meppen sind in die Bundesliga aufgestiegen. Ein einzigartiger Erfolg. Doch die Ursprünge liegen 24 Kilometer entfernt. Nämlich in

In dem Ort mit gut 1200 Einwohnern trainiert Otto Schröder 1975 die erste Frauenmannschaft, 28 Jahre nach der Gründung des Vereins. 1982 entdeckt Heinz Holtick das Talent von Maria Reisinger, die den Club mitgeprägt hat, bei einem Ortspokalturnier. Die Elfjährige ist begeistert, sucht Mitspielerinnen. Am Ende entstehen gleich zwei Mädchenmannschaften. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten: Im Bezirkspokalfinale stehen sich Gersten I und II gegenüber.

Schon 1992 steigen die Frauen in die Oberliga auf, die zweithöchste Klasse, die ab 1995 Regionalliga heißt. 1993 feiert Gersten die Niedersachsenmeisterschaft und steht 2000 als Vizemeister in der Aufstiegsrunde zur Bundesliga. Es bleibt bei einem Punkt beim 1:1 gegen den Hamburger SV. Gegen Aufsteiger Heike Rheine und Tennis Borussia Berlin sind die Emsländerinnen (4:21 Tore) noch deutlich unterlegen.

2002 wird Gersten erstmals Regionalliga-Meister. In der Aufstiegsrunde gelingt ein Sieg gegen den 1. FC Nürnberg. Tennis Borussia Berlin und TuS Niederkirchen steigen auf. Die Victoria belegt hinter Oberaußem-Fortuna Rang vier.

„Die Aufstiegsspiele entwickeln sich zu Volksfesten. Das war eine Riesensache, die unser Dorf ein Stück weit geprägt haben“, sagt Reisinger. „Zu Sonntagsspielen kamen teilweise 1000 bis 1200 Zuschauer.“

Zwei Jahre später holen die Emsländerinnen erneut den Titel, bleiben die Saison ungeschlagen, verzichten aber auf die Teilnahme an der Aufstiegsrunde zur Bundesliga und zählen zu den Gründungsmitgliedern der 2. Bundesliga. Der Sprung ins Oberhaus wäre zu groß gewesen.

Maria Reisinger spielt vier Jahre beim Bundesligisten Heike Rheine. Unvergesslich das DFB-Pokalfinale 1997 in Berlin vor 30000 Zuschauern gegen Brauweiler – trotz der 1:3-Niederlage. „Ein überragendes Highlight.“ 1999 kehrt sie ins Emsland zurück. Erst als Spielerin, seit 2001 als Spielertrainerin an der Seite von Siggi Scheel und dann als Trainerin.

„Damals hat niemand von uns auch nur geahnt, dass mal die Bundesliga kommen könnte“, sagt Reisinger. Ihr früherer Abstecher zu Lehrgängen der Nationalmannschaft führt nicht zum Länderspieleinsatz. Daraus resultiert bis heute der Wunsch, eine A-Nationalspielerin im Verein zu formen. In den U-Teams ist Meppen schon vertreten.

Auch im Pokal läuft es: 2000 (3:0 gegen Jahn Delmenhorst), 2002 (3:1 gegen JSG Jesteburg/Bendestorf und 2003 (3:0 gegen TuS Westerholz) gewinnt die Victoria die Niedersachsen-Trophäe. In der Saison 1993/94 startet die Mannschaft erstmals im DFB-Pokal, scheidet mit 1:4 gegen Bergisch Gladbach aus. 2001/02 erreicht Gersten nach einem 3:2 gegen den Halleschen FC das Achtelfinale mit dem familieninternen Duell Maria gegen ihre Schwester Sandra Reisinger (0:5 gegen Duisburg).

Die Qualifikation für die 2. Bundesliga ist für Gersten ein Meilenstein. Doch Victoria stößt auf dem Weg nach vorn an Grenzen. Zur Saison 2011/12 bündelt der Verein die Kräfte mit dem SV Meppen, unter dessen Namen er seither firmiert. „Wir wollen langfristig den Frauen- und Mädchenfußball entwickeln“, begründet Gerstens Vorsitzender Stefan Kerk den Schritt. Denn die Anforderungen vom DFB werden immer höher. Die seit 1976 geleistete Aufbauarbeit sei in Gefahr. „Gersten wird immer ein Teil von uns bleiben“, sagt Reisinger. Trainer Roger Müller, der dem Verein schon lange mit Rat und Tat zur Seite steht, erinnert an die Grundlagen, die in Gersten gelegt wurden.

Mit der Meppener Infrastruktur setzt sich die Entwicklung fort. Jedes Rädchen greift ins andere. Die Verzahnung mit dem Nachwuchs ist eng. Die Bundesliga-B-Juniorinnen sorgen für einen starken Pool an Eigengewächsen. Junge Trainer erhalten die Chance, sich im Verein zu entwickeln. 2013 wird Reisinger, die auch in DFB-Gremien aktiv ist, Sportliche Leiterin.

Der SVM qualifiziert sich für die eingleisige 2. Bundesliga, darf sich durch das Eröffnungsspiel gegen den 1. FC Köln geadelt fühlen. Highlights sind DFB-Pokalspiele gegen Bayern München. Und jetzt der Aufstieg, nach dem Meppen zu den zwölf Top-Adressen im deutschen Fußball zählt – wie Bayern oder der VfL Wolfsburg, die auch auf internationaler Ebene vorn dabei sind. Ein langer Weg, der in Gersten begann.