Kein Lieblingsverein für Jason Warum ein Vater und sein Sohn als Groundhopper um die Welt reisen

Bei ihren Reisen geht es um mehr, als die Suche nach einem Lieblingsverein: Mirco von Juterczenka (links) und sein autistischer Sohn Jason haben am Montag im „Grünen Jäger“ aus ihrem Buch „Wir Wochenendrebellen“ vorgelesen. Foto: Jörn MartensBei ihren Reisen geht es um mehr, als die Suche nach einem Lieblingsverein: Mirco von Juterczenka (links) und sein autistischer Sohn Jason haben am Montag im „Grünen Jäger“ aus ihrem Buch „Wir Wochenendrebellen“ vorgelesen. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Die Suche nach dem Lieblingsfußballverein? Sie wird für Mirco von Juterczenka und seinen autistischen Sohn Jason wohl nie enden. Beide wissen das, und beide sind damit ziemlich glücklich. Warum das so ist, haben sie am Montagabend im Grünen Jäger während der Lesung aus ihrem Buch "Wir Wochenendrebellen" verraten.

Der Mythos Bremer Brücke? Davon gehört ja, aber erlebt haben sie ihn noch nicht, die Wochenendrebellen Mirco von Juterczenka und sein dreizehnjähriger Sohn Jason. Doch auswärts waren sie schon mal mit dem VfL Osnabrück unterwegs. In Unterhaching war das. Nur reicht das natürlich nicht, um Fan eines Vereins zu werden. Sowieso: Das hier ist alles etwas komplizierter, wie die Zwei am Montag während der Lesung aus ihrem Buch „Wir Wochenendrebellen“ im Grünen Jäger erzählen.

Um zu verstehen, warum Mirco und Sohn am Wochenende durch die Stadien dieser Welt touren, muss man wissen, dass Jason Asperger-Autist ist. Er hat Prinzipien, gegen die partout niemand verstoßen darf. Für ihn sind alle Entscheidungen des Lebens eine Frage der Logik. Und das impliziert natürlich auch die Wahl des Lieblingsfußballvereins. Nur: Wie soll man sich entscheiden, wenn man nicht alle Vereine auf der Welt gesehen hat?

Foto: Jörn Martens


Eine berichtigte Frage, auf die der Vater keine Antwort fand und die gewissermaßen den Anfang ihres Abenteuers markiert. Hätte der Vater das Ausmaß des Projekts erahnen können? Wohl kaum, und wenn, wahrscheinlich hätte er sich damals einfach eine Antwort ausgedacht. Mittlerweile gibt es einen Blog und einen Podcast, für den es 2017 sogar den Grimme-Online-Award gab. Und es wird demnächst eine TV-Dokumentation geben. „Natürlich ist das am Anfang alles weit weg gewesen“, sagt von Juterczenka. Nur für den Sohn war der Erfolg von vornerein vorprogrammiert – reine Logik.

Groundhopping als Therapieersatz

Ihr Buch handelt von den vielen Reisen auf der Suche nach dem Lieblingsverein für Jason, und es offenbart zugleich subtil, dass diese Suche wohl niemals enden wird. Beiden ist das egal, denn es geht in ihrer Geschichte um mehr als das: Es geht um Abenteuer, und es geht vor allem darum, dass der Sohn mit seine Angewohnheiten im Alltag besser umzugehen weiß. Groundhopping als Therapieersatz.

Die Rebellen erzählen in Osnabrück von volltrunkenen Hannover-Fans, ihrem Gastspiel auf der Schalker Nordkurve, oder davon, wie Mirco einst im Urin-Schlamm des Hamburger Millerntors kniete, damit sein Sohn auf die Toilette konnte. Sie berichten von ihrem Trip nach Osteuropa und dem Freundschaftsspiel zwischen dem VfR Aalen und dem SV Sandhausen, das der Sohn lieber schaute als ein Spiel in Barcelona. Und das ihn bis heute noch immer am meisten begeisterte. Der Vater sieht das etwas anders. 

Foto: Jörn Martens


Etwa 90 Spiele haben beide gesehen: Die weiteste Einzeltour? Teplice in Tschechien. Die längste Reise? Die Osteuropa-Tour mit Stationen in Sarajevo, Split und Belgrad. Ein Lieblingsverein war bislang nicht dabei, weil jeder gegen eines von Jasons Kriterien verstieß: Der Verein muss etwa ökologisch sein, er muss über ausreichend Toiletten und über Bildschirme im Umlauf verfügen, auf denen man das Spiel weiter verfolgen kann, und – wichtig – die Spieler dürfen vor dem Anpfiff keinen Kreis bilden. Jason mag keine Nähe.

In Osnabrück wird an diesem Montagabend viel gelacht. Vater und Sohn vermitteln den Eindruck, sie hätten vergessen, auf einer Lesung zu sein: Ihre Geschichten sind skurril, authentisch, teils grotesk, und sie lassen erahnen, wie oft der Vater mit den Marotten des Sohnes an seine Grenzen stößt. Und dennoch: "Würde es ein Medikament gegen das Asperger-Syndrom geben, ich müsste nicht lange überlegen, es nicht zu nehmen", sagt Jason.    

Versprechen werden nicht gebrochen

Ihre Fußball- und Lesereisen verknüpfen die Rebellen mit sozialem Engagement: Angereist wird dem Zug, denn Jason engagiert sich für den Klimaschutz. Die Lesungen sind kostenlos. Am Ende wird lediglich um eine Spende gebeten. Fast 25 000 Euro sind so schon für die Neven-Subotic-Stiftung zusammengekommen. Das Geld ist Teil und Resultat eines Versprechens, das der Vater dem Sohn gab: Die Welt ein bisschen besser zu machen. Und Versprechen dürfen nicht gebrochen werden – auch so eine Regel.

Ob sie es bald zu einem Heimspiel des VfL schaffen? Möglich, denn die Ultras der Violet Crew luden Vater und Sohn an die Bremer Brücke ein. Zuvor wollen Jason und Mirco aber den slowakischen Club TJ Tatran Cierny Balog besuchen: Dort fährt zwischen Spielfeld und Tribüne eine Eisenbahn durch das Stadion. 


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN