Ex-Nationalspieler im Interview Ehrhoff: Deutschland kann bei Eishockey-WM unter Top-Acht kommen

Ex-Nationalspieler Christian Ehrhoff – hier im olympischen Eishockey-Finale 2018 – traut Deutschland bei der WM in der Slowakei einen Platz unter den Top-Acht der Welt zu. Archivfoto: Witters/Jerome PrevostEx-Nationalspieler Christian Ehrhoff – hier im olympischen Eishockey-Finale 2018 – traut Deutschland bei der WM in der Slowakei einen Platz unter den Top-Acht der Welt zu. Archivfoto: Witters/Jerome Prevost

Osnabrück. Vor etwas mehr als einem Jahr ging Christian Ehrhoff in Eishockey-Rente. Langweilig ist dem 36-Jährigen seitdem nicht geworden. Im Interview spricht der olympische Silbermedaillengewinner von 2018 über die Qualität und die Wahrnehmung des deutschen Eishockeys, verpasste Ziele und sein „neues“ Leben mit der Familie.


Herr Ehrhoff, sind Ihre Töchter pünktlich im Kindergarten und in der Schule angekommen?

Das teile ich mir mit meiner Frau. Heute war in der Tat ich dran. Es hat alles gut geklappt – wie immer.

Als Sie vor knapp einem Jahr Ihre Karriere beendet haben, war die Perspektive klar: Sie werden voll ins Familienleben integriert und als Vater gefordert…

Ins Familienleben war ich vorher auch integriert, aber in meiner Zeit in Köln war ich morgens eben immer schon sehr früh unterwegs. Da konnte ich solche Aufgaben nur erledigen, wenn ich mal einen freien Tag hatte.

Als dreifacher Familienvater ist im vergangenen Jahr wahrscheinlich nicht langweilig geworden? 

Absolut nicht. Ich habe neue Aufgaben gefunden. Ich bin Inhaber eines Gesundheits- und Athletikzentrums in Moers. Dann habe ich noch ein paar kleinere Projekte, und natürlich verbringe ich mehr Zeit als früher mit der Familie. Langeweile kenne ich nicht.

Foto: dpa/Arne Dedert

Wie passt ein rauer Sport wie Eishockey zu einem Familienmenschen wie Ihnen? 

Diesen Kontrast habe ich immer gebraucht. Auf dem Eis muss man Härte an den Tag legen, aber wenn ich nach Hause gekommen bin, konnte ich den Sport vor der Tür lassen und mich auf etwas Anderes konzentrieren. Meine Familie war und ist immer mein großer Rückhalt.

Zur Person

Christian Ehrhoff
...wird am 6. Juli 1982 in Moers geboren und steht schon als Kind auf dem Eis. Sein Debüt als Eishockey-Profi gibt der Verteidiger 1999 in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) bei den Krefeld Piguinen, mit denen er 2003 Deutscher Meister wird. Er wechselt danach in die NHL und absolviert in der nordamerikanischen Profiliga 862 Spiele für die San Jose Sharks, Vancouver Canucks, Buffalo Sabres, Pittsburgh Penguins, Los Angeles Kings und Chicago Blackhawks. 2016 kehrt er mit der Familie nach Deutschland zurück und unterschreibt einen Vertrag bei den Kölner Haien, bei denen er im März 2018 nach dem Playoff-Aus und insgesamt 314 Spielen in der Deutschen Eishockey-Liga seine Karriere beendet. Da liegt ein sportlicher Höhepunkt erst kurz zurück: In seinem 118. Länderspiel verliert er mit dem deutschen Team im Januar 2018 das Finale der Olympischen Winterspiele in Pyeongchang gegen Russland mit 3:4 nach Verlängerung – Silber ist das beste Ergebnis der Geschichte für ein deutsches Olympiateam. Ehrhoff ist Inhaber eines Gesundheits- und Athletikzentrums in Moers, Botschafter einer Stiftung, die sich für behinderte und benachteiligte Kinder einsetzt, und Schirmherr eines Kinderhospizes. Er lebt mit seiner Frau und seinen drei Töchtern in Krefeld.

Die Playoffs in der DEL laufen, in der NHL haben sie letzte Woche begonnen. Kribbelt es da nicht doch ein bisschen in den Fingern? 

Nein, gar nicht. Natürlich sind die Playoffs für einen Eishockeyspieler die schönste Zeit des Jahres, aber für mich ist alles gut so, wie es ist.

Die ersten Deutschen haben es meistens nur für eine Saison und wenige Spiele in die NHL geschafft. Ende der 90er spielten dann Stefan Ustorf, Olaf Kölzig, Marco Sturm, Uwe Krupp und Jochen Hecht in NHL. Inzwischen gelingt immer mehr Spielern der Sprung – ein Zeichen dafür, dass das deutsche Eishockey konkurrenzfähiger geworden ist? 

Das denke ich schon. Man sieht, dass immer wieder sehr gute deutsche Spieler hochkommen. Mit Leon Draisaitl haben wir natürlich einen, der ein echter Topspieler und Star in der NHL ist. Das ist natürlich schön zu sehen. Je mehr Spieler es in die NHL schaffen, umso besser ist der Werbeeffekt für das deutsche Eishockey. Die NHL ist immer noch die beste Liga in der Welt. Wenn es ein Deutscher dorthin schafft, dann kann ganz Eishockey-Deutschland stolz darauf sein.

Für Sie war schon als Kind klar, dass Sie nicht Feuerwehrmann oder Lokführer werden wollen, sondern Eishockeyprofi…

Meine Schwester war Eiskunstläuferin. Da war ich mal mit in der Halle. Als ich dann ein Eishockeyspiel im Fernsehen gesehen habe, war für mich klar: Das möchte ich gerne machen. Mit sechs Jahren hatte ich das erste Mal einen Schläger in der Hand und wusste schnell, dass das mein Ding ist. Deshalb habe ich schon in der Grundschule in die Freundschaftsbücher geschrieben: Berufswunsch Eishockeyprofi. Je älter ich wurde, umso mehr wurde aus diesem Traum ein echtes Ziel.

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2001 sind Sie von San Jose gedraftet worden, 2003 folgte der Schritt in die USA. In der NHL Fuß zu fassen, wie Sie es geschafft haben, ist nicht selbstverständlich… 

Es ist allein schon sehr schwierig, weil die Konkurrenz riesig ist. Jeder möchte da spielen und es gibt eine große Auswahl an Spielern. Für Spieler, die aus dem Nachwuchs kommen, ist das ein großer Schritt. Es gibt sehr viele Spiele in der Saison, in denen immer Leistung verlangt wird. Dazu kommt der Reisestress. Man muss sich mental darauf einstellen, dass man in jedem Spiel wieder bereit ist und seine Leistung abrufen kann. Das gelingt halt nicht allen.

Sie waren damals erst 21 Jahre alt. Auch für Sie war der Schritt groß…

…aber ich durfte in der NHL meinen Traum leben. Ich wusste immer, dass es nicht einfach wird und dass es auch mal Rückschritte gibt. Aber da muss man kämpfen, sich durchbeißen und sich weiter hocharbeiten.

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Zwischenzeitlich waren Sie der bestbezahlte Verteidiger der NHL. Wie bleibt man in jungen Jahren auf dem Boden, wenn man plötzlich Millionen verdient? 

Ich bin einfach ein bodenständiger Typ, der eine gute Erziehung genossen hat. Für mich gehörte es zum Geschäft, dass es finanziell belohnt wird, wenn man sich hochgearbeitet hat, aber das Geld stand für mich nie im Vordergrund.

Das ultimative sportliche Ziel in der NHL ist der Stanley Cup. Sie haben bei sechs Klubs gespielt, aber die Meisterschaft ist Ihnen überall verwehrt geblieben. Haben Sie Ihren Frieden damit gemacht? 

Es ist, wie es ist. Der Stanley Cup war mein ganz großes Ziel, aber dafür muss man auch zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Ich habe mich oft für Teams entschieden, mit denen ich noch mal um den Cup spielen wollte. 2011 war ich mit Vancouver ganz nah dran. Näher kann man dem Pokal eigentlich nicht kommen, ohne ihn zu gewinnen. Im siebten Finalspiel zuhause gegen Boston zu verlieren, war natürlich bitter. Aber daraus habe ich meine Lehre gezogen, dass man dem Cup nicht immer hinterherrennen kann. Da muss man als Sportler auch so realistisch sein, einzusehen, dass das bei allem Ehrgeiz nicht so einfach funktioniert.

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Wenn man in einer TV-Serie namens „Ewige Helden“ porträtiert wird, kann man aber nicht so viel verkehrt gemacht haben… 

Auch ohne den Stanley Cup habe ich in meiner Karriere etwas erreicht, was nicht viele von sich sagen können. Ich stand beim Gewinn der olympischen Silbermedaille 2018 auf dem Eis und war deutscher Fahnenträger bei der Abschlussfeier – das wird man ja auch nicht irgendwie einfach so. Deshalb bin ich auf jeden Fall stolz darauf, was ich erreicht habe.

Sie haben Ihre Karriere nicht in der NHL beendet, sondern sind 2016 nach Deutschland zurückgekehrt. Warum wollten Sie noch mal in der Heimat spielen?

Es hatte familiäre Gründe. In den letzten drei Jahren in Amerika waren wir in vier verschiedenen Städten. Für meine Kinder war es eine Belastung, immer wieder die Schule zu wechseln und sich ein neues Umfeld schaffen zu müssen. Ich war dann noch mal in Boston im Training, aber die Situation war ungewiss. Dieses Risiko wollte ich nicht eingehen und meiner Familie antun. Deshalb haben wir beschlossen, nach Deutschland zu gehen. Aber ich war für mich noch nicht fertig mit Eishockey: Ich wollte gerne noch mal Deutscher Meister werden und 2018 bei Olympia spielen.

Foto: imago/HMB-Media

Bei den Spielen in Pyeongchang waren viele Deutsche plötzlich Eishockeyfans und sind nachts aufgestanden, um die Spiele zu sehen. Kurz vor Weihnachten wurden Sie als Mannschaft des Jahres ausgezeichnet. Wie viel von dieser positiven Wahrnehmung des Eishockeys ist aus Ihrer Sicht geblieben? 

Wir sind durch die Olympischen Spiele absolut in den Fokus geraten und haben viele Leute mitgezogen, die mit Eishockey überhaupt nichts zu tun hatten. Das hat dem Sport immens gutgetan. Ich werde heute noch damit konfrontiert und immer noch darauf angesprochen. Natürlich hätte ich mir ein bisschen mehr Nachhaltigkeit fürs deutsche Eishockey gewünscht: Es ist schade, wenn ein absolutes Großereignis in der Deutschen Eishockey-Liga wie das Winter Game im Kölner Fußballstadion in den öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten gar keine Berücksichtigung findet.

Foto: imago/Sven Simon

Eishockey gehört zu den Sportarten, die nur dann Saison haben, wenn der Fußball gerade nicht Saison hat… 

In Deutschland steht der Fußball absolut im Vordergrund. Da haben sogar die unteren Fußballligen einen höheren Stellenwert als die höchsten Ligen der meisten anderen Sportarten. Das ist schade. Gerade bei Olympia lernt man viele andere tolle Sportarten kennen, und wir sind mehr als nur Fußball in Deutschland. Die anderen Sportarten – natürlich auch das Eishockey – hätten ein bisschen mehr Aufmerksamkeit verdient.

Es gab beim Deutschen Eishockey-Bund Überlegungen, Sie als Funktionär und Galionsfigur einzubinden, aber Sie haben erst mal abgelehnt? 

Die Anfrage kam für mich einfach zum falschen Zeitpunkt. Ich wollte mir erst mal ein Jahr Zeit nehmen und nach 19 Jahren im Profisport ein bisschen Abstand vom Eishockey gewinnen. Zeitlich war ich auch in anderen Projekten eingebunden. Deswegen habe ich das abgelehnt für den Moment, aber das heißt ja nicht, dass wir irgendwann in der Zukunft nicht zusammenkommen könnten.

Am 10. Mai beginnt die WM in der Slowakei. Bei der WM 2018 wurde Deutschland Elfter – ohne Sie, aber noch mit Marco Sturm als Bundestrainer. Was trauen Sie seinem Nachfolger Toni Söderholm und der Mannschaft zu? 

Ich wünsche dem Bundestrainer natürlich, dass er einen guten Start in seine erste WM findet. Meine Hoffnung ist, dass das Team an die erfolgreichen Zeiten unter Marco Sturm anknüpfen kann. Natürlich hat auch ein Umbruch stattgefunden, weil Marcel Goc, Patrick Reimer und Frank Hördler nicht mehr für die Nationalmannschaft spielen. Solche Ausfälle muss man auch erst mal verkraften. Ich bin trotzdem davon überzeugt, dass es Deutschland unter die Top-Acht der Welt schaffen kann. Das werde ich natürlich verfolgen.


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