Deutsche Meisterin im Speedklettern "Yoga ist zu langweilig": Osnabrücker Boulderin will zu Olympia

In der Boulderhalle Zenit trainiert Nuria Brockfeld Technik und Kraft. Foto: David EbenerIn der Boulderhalle Zenit trainiert Nuria Brockfeld Technik und Kraft. Foto: David Ebener
David Ebener

Osnabrück. Ihre Rückenmuskulatur ist angespannt, ihre sehnigen mit Magnesium überzogenen Hände umschließen die grünen Griffe, ihre Füße in den engen Schuhen suchen die Tritte: Dann hangelt sich Nuria Brockfeld die Route hinauf. Die 15-Jährige ist Norddeutsche Meisterin im Bouldern und will zu Olympia. Dafür trainiert sie täglich im Zenit in Osnabrück.

Die mit schwarzen Plastikschildern versehenen Routen sind die schwersten in der Osnabrücker Halle. Die dazu passenden Griffe schaut sich Nuria Brockfeld gut an, sie prägt sich den Verlauf ein und analysiert die Schwierigkeiten. Zum Aufwärmen kraxelt sie grüne oder weiße Routen hoch. "Die sind viel leichter", sagt die Boulderin. Bouldern ist Klettern ohne Seil und in Absprunghöhe. 


Die schwarzen dagegen betrachtet sie als Projekt. Manchmal tüftelt sie Tage oder sogar Wochen an einem Boulder, so wird der Weg nach oben auch genannt. 

In wenigen Sekunden bis ganz oben

Zum Vorführen hat sich die Schülerin jedoch einen Abschnitt ausgesucht, den sie schon bewältigt hat. Schilder bestimmen, wo die rechte und wo die linke Hand beginnen muss – den Rest entscheidet die Boulderin selbst. Brockfeld nutzt die teilweise nicht einmal Handflächen großen Griffe, aber auch an der Wand stützt sie sich ab oder an weiteren Elementen. In Sekundenschnelle ist sie oben angekommen. "Top" steht dort. Hier, am letzten Griff, hält sie sich drei Sekunden und lässt sich fallen – geschafft. Projekt beendet. 

Foto: David Ebener


Was so einfach aussieht, erfordert intensives Training. Mit elf Jahren ist sie auf einem Kindergeburtstag in der Halle auf den Geschmack gekommen. Dann hat sie sich einer Kindergruppe des Deutschen Alpenvereins (DAV) angeschlossen und geht einmal pro Woche bouldern. Schnell wird sie jedoch stärker und besser als die Teilnehmer dort. 

Krafttraining, bouldern und dehnen

Brockfeld darf seitdem in der Leistungsgruppe des Zenit mitmachen. Zumindest theoretisch – praktisch ist sie mittlerweile auch dafür zu gut. Jetzt bekommt sie Einzeltraining. Ihr Coach Marcel Barteldrees gibt ihr Tipps, wie sie ihre Füße richtig stellt und sie möglichst wenig Kraft aufwendet um die Wand hinaufzukommen. Wenn er gerade nicht dabei ist, hält Brockfeld sich an den Trainingsplan, den er ihr erstellt hat. Krafttraining, bouldern und dehnen stehen dort. 

Eigentlich ist Yoga gut für Kletterer, aber mir ist das zu langweilig.Nuria Brockfeld


Dennoch gehört das Dehnen zum täglichen Pensum. Trotz ihrer breiten Schultern und ihrem Rücken, auf dem sich die Muskelpartien deutlichen abzeichnen, ist sie gelenkig. "Nur dadurch erreiche ich viele der Griffe", sagt die Schülerin. 

Bouldern ist für sie zu mehr als einem Hobby geworden. Brockfeld ist seit Februar amtierende Norddeutsche Meisterin der Jahrgänge 2004/2005. Seit Ende des letzten Jahres ist die Osnabrückerin Teil des deutschen Kaders. Dadurch darf sie mit zum Europa-Cup und dort kann sie sich für die Weltmeisterschaft qualifizieren. "Ich kann nicht einschätzen, wie hoch das Niveau im internationalen Vergleich ist", sagt sie. Das hindert sie nicht daran, von großen Erfolgen zu träumen. "Vielleicht ist ja mal Olympia drin."

Meisterin im Speedklettern

Dafür muss sie nicht nur das Bewältigen schwerer Routen beherrschen, sondern in der Kategorie "Speed" möglichst schnell die Wand erklimmen. Eine weitere Disziplin ist Klettern mit dem Seil. Alles drei muss sie beherrschen. Ihr Sport ist erstmals in Tokio 2020 olympisch. "Bouldern kann ich in Osnabrück gut trainieren. Eine Speed- oder eine Kletterwand gibt es hier leider nicht", erklärt Brockfeld. Trotzdem schafft sie es beim Speedklettern die 15 Meter hohe Wand, die einen Überhang von fünf Grad haben muss, in elf Sekunden zu bewältigen. Damit ist Brockfeld im vergangenen Jahr Deutsche Meisterin geworden. Der deutsche Rekord liegt bei 10,6 Sekunden. Damit sie öfter in Hannover oder in Hilden bei Düsseldorf trainieren kann, sucht sie Sponsoren für die teuren Zugfahrten. 

Nach dem Klettern zerrt sie schnell die engen Gummischuhe von den Füßen. Diese sind unbequem, geben aber den nötigen halt. Tiefe Druckstellen zeichnen sich in der Haut ab. Doch die gehören dazu, die bemerkt Nuria Brockfeld gar nicht mehr.


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