Interview mit dem Bundestrainer Löw stellt klar: Keine Rückkehr für Hummels, Müller und Boateng

Von Christoph Fischer und Wolfgang Stephan

Bundestrainer Joachim Löw. Foto: dpaBundestrainer Joachim Löw. Foto: dpa

Frankfurt. Am Freitag präsentierte Joachim Löw in einer Pressekonferenz in Frankfurt das Aufgebot der Nationalmannschaft für die ersten Länderspiele des Jahres. Kurz zuvor hatte der Bundestrainer sich in einem Interview mit einer Redaktionsgemeinschaft, der auch diese Zeitung angehört, den vielen offenen Fragen gestellt.

Es gibt immer zwei Wahrheiten, die erste zum Ende der Nationalmannschaftskarriere des Münchner Trios haben wir aus München gehört, Sie haben nun die Chance, Ihre Version zu erzählen. Haben Sie mit Gegenwind gerechnet?

Dass es Reaktionen und Diskussionen geben wird, habe ich erwartet, denn Mats, Thomas und Jerome sind drei verdiente, beliebte Nationalspieler, die Weltmeister geworden sind und eine lange Karriere in der Nationalmannschaft hatten. Sie sind ganz große Spieler, die für eine große Zeit der Nationalmannschaft stehen. Wir - und ich persönlich – verdanken ihnen sehr viel. Dass darüber sportlich diskutiert wird, ist doch klar, und da kann man immer unterschiedlicher Auffassung sein. Was ich in dieser Heftigkeit nicht erwartet habe, ist die Debatte um die Stilfrage. Wir sind doch genau deswegen nach München gefahren. Für mich war das Allerwichtigste - und das stand für mich über allem -, dass die Spieler eine für sie so gravierende Entscheidung von mir persönlich erfahren. Ich wollte der erste sein, der ihnen diese Entscheidung persönlich mitteilt und begründet. Weil ich größten Respekt vor ihnen habe, ging es mir um das persönliche Treffen. So schwer uns das allen gefallen ist, auch mich hat das geschmerzt.

Irgendwie ist dann aber was schiefgelaufen...

Ich wollte vorher Spekulationen ausschließen. Das wäre in meinen Augen stil- und respektlos gewesen. Deswegen war es so kurzfristig angekündigt. Ich wollte das nicht telefonisch machen, das geht auch nicht privat, also gehe ich da hin, wo die Spieler sind, wo sie arbeiten, wo sie auf dem Platz stehen.

Spielen in den Planungen von Joachim Löw keine Rolle mehr: Jerome Boateng, Thomas Müller und Mats Hummels. Foto: imago/Camera4

Also würden Sie alles genau so wieder angehen? 

In meinem Kopf und meinem Herzen bin ich davon überzeugt, dass es richtig war, es so zu machen. Das gilt vor allem für die sportliche Entscheidung an sich. Dass die Entscheidung und das Überbringen dann schmerzt – auch mich – das wusste ich. Aber als Trainer muss ich solche Entscheidungen treffen, das gehört dazu.

Es gibt aus München auch ein paar Irritationen über die Konsequenzen dieser Ausmusterung. Ist die endgültig?

Spieler fordern zurecht immer Ehrlichkeit und die ehrliche Antwort ist: ich plane die Qualifikation und ich plane die Europameisterschaft. Und beides plane ich ohne diese Spieler. Das habe ich ihnen auch mitgeteilt. Ich möchte deshalb auch keine Hoffnungen vortäuschen.

Abseits von den Stilfragen gab es in der Öffentlichkeit eher Zustimmung zu der sportlichen Entscheidung. Für uns stellt sich die Frage nach dem Zeitpunkt: Warum erst jetzt und nicht gleich nach der WM?

Weil bei der Nationalmannschaft alles in Prozessen und Phasen abläuft. Auch ein Trainer wacht nicht morgens auf und hat immer gleich Lösungen parat. Es gab nach der WM für mich gute Gründe, am Gerüst der Mannschaft festzuhalten. Ich hatte fest an eine Trotzreaktion der gesamten Mannschaft nach der WM geglaubt. Und ich war auch davon überzeugt, dass wir auch in der Nations League die Dinge wieder wesentlich besser machen werden. Das hat sich in den Ergebnissen und gezeigten Leistungen – wohlgemerkt der gesamten Mannschaft - dann anders entwickelt und dargestellt. Nach der Niederlage in Amsterdam war mir klar, dass wir in Paris gegen den Weltmeister einen ersten Schnitt, den ich erst in diesem Jahr angehen wollte, machen mussten. Die Jungen haben das unabhängig von den Ergebnissen gut gemacht. Zum Jahreswechsel wollten wir bewusst abwarten, ob der eine oder andere in Topform aus der Winterpause in die Rückrunde kommt, denn das Jahr 2018 war für alle schwer. Ich wollte auch abwarten, in welcher Verfassung sich die jungen Spieler präsentieren. Können Sie auf konstant hohem Niveau bestehen, auch über eine längere Phase? Das meine ich unter anderem mit fortlaufendem Prozess. An dessen Ende bin ich zu der Überzeugung gekommen, jetzt so zu agieren. Als die Entscheidung dann endgültig gefallen war, wollte ich sie schnell umsetzen und den Spielern persönlich mitteilen. Wäre ich im letzten Jahr schon zu dieser ganz klaren Überzeugung gekommen, hätte ich es auch da schon umgesetzt. Aber jetzt geht es um den Neustart. Jetzt startet mit der Qualifikation ein neuer Zyklus. Jetzt.

Der Moment des Triumphs: 2014 wurde Joachim Löw mit der Fußball-Nationalmannschaft Weltmeister. Foto: dpa

Das sind drei Weltmeister. Wie schwer ist Ihnen die Entscheidung gefallen?

Ganz klar, diese Spieler sind großartig. Thomas und Jerome waren seit 2010 bei allen großen Turnieren dabei, Mats seit 2012, wir waren gemeinsam die Nummer eins der Welt, uns verbindet ein unglaublicher gemeinsamer Weg. Mit überragenden Leistungen vor allem auch dieser Spieler sind wir 2014 Weltmeister geworden. Sie sind Vorbilder und haben sich durch den Titel unsterblich gemacht.

Aber in Russland haben sie Sie enttäuscht.

In Russland haben wir alle enttäuscht, und wir waren alle total enttäuscht. Aber auch aus diesen Erfahrungen müssen wir die richtigen Konsequenzen ziehen und immer wieder Lösungen finden.

Aus der großen Mannschaft von Rio bleiben nur noch Manuel Neuer und Toni Kroos. Ist das auch Teil des Prozesses, dass diese beiden noch im Team bleiben?

Toni Kroos ist 29 und spielt seit Jahren international auf dem höchsten Niveau, auch wenn die ganze Mannschaft von Real jetzt mal eine schwächere Phase hat, und auch Manuel Neuer ist nach wie vor ein Weltklasse-Torhüter.

Steht nicht zur Debatte: Toni Kroos (29). Foto: dpa


.. um den es jetzt Diskussionen gibt. Die Sie selbst in Madrid beim Clasico angestoßen haben, als Sie Marc ter Stegen Nationalmannschafts-Einsätze versprochen haben?

Ich habe gesagt, dass ich glücklich bin, dass wir zwei Torhüter auf Top-Niveau haben. Marc André ter Stegen wird in diesem Jahr auch seine Einsätze bekommen, aber aktuell ist Manuel Kapitän und die Nummer Eins. Manuel ist der erste, der sich dem Leistungsprinzip unterwirft, das braucht man bei ihm doch gar nicht zu betonen. Glauben Sie mir: Um die Torhüter-Position machen wir uns im Moment die wenigsten Gedanken.

Das heißt, Manuel Neuer wird nächste Woche gegen Serbien und gegen Holland spielen?

Ob er gegen Serbien und Holland spielen wird, müssen wir sehen. Ich bleibe dabei, auch ter Stegen wird in der Qualifikation seine Möglichkeiten bekommen.

Deutschland steht auf Platz 16 der Weltrangliste. Sind wir wirklich so schlecht?

Die Weltrangliste ist nicht unbedingt mein Maßstab, aber aufgrund unserer Ergebnisse muss man das hinnehmen. Wir haben bei der Weltmeisterschaft eine Statistenrolle gespielt und sind aus der Nations League abgestiegen. Der Weltranglistenplatz ist die Quittung dafür. Ich sehe aber großes Potenzial bei uns, wieder nach oben zu kommen.

Muss seinen Platz im Tor jetzt ernsthaft verteidigen: Manuel Neuer. Foto: dpa

Wie gut sind wir denn? 

Wir sind im Umbruch. Im Neuaufbau. Diese Phasen gehören dazu. Die Spiele in Paris gegen Frankreich oder in Gelsenkirchen gegen die Niederlande haben schon gezeigt, dass wir fußballerisch konkurrenzfähig sind. Wenn man die Ergebnisse als Maßstab nimmt, haben wir da noch nicht das eingefahren, was unserem Anspruch entspricht. Aber wir haben gezeigt, dass wir mit diesen Teams, die in der jüngeren Vergangenheit auch Tiefschläge haben wegstecken müssen, um wieder auf ein höheres Level zu kommen, auf Augenhöhe sein können.

Aber Platz 16 muss Sie doch frustrieren?

Das hat kein Frustpotenzial für mich. Frustriert haben mich die WM und die Ergebnisse in der Nations League. In Paris haben wir lange geführt und am Ende verloren und gegen die Niederlande haben wir 2:0 geführt und am Ende unentschieden gespielt. Die Resultate haben nicht unsere Leistungen auf dem Platz widergespiegelt.

War das Spiel in Paris auch für Sie die Wende? Oder wären Sie zurückgetreten, wenn der Abwärtstrend aus Russland sich fortgesetzt hätte?

Auch wenn ich ein großer Befürworter der Nations League bin, wiegt das WM-Ausscheiden schwerer als dieser Abstieg. Zuletzt haben wir gezeigt, dass wir mithalten können. Aus diesen guten Ansätzen ziehe ich meine persönliche Motivation. Ich freue mich auf die Arbeit mit einer jungen Mannschaft, und ich sehe auch konkrete Ansatzpunkte. Da ist Rücktritt kein Thema für mich. Jetzt gilt meine volle Konzentration der Qualifikation für die EM.

Aber nach der Weltmeisterschaft haben Sie an Rücktritt gedacht?

Nach jedem Turnier habe ich Abstand gebraucht, um alles zu hinterfragen, natürlich auch mich selbst. Jedes Turnier ist eine Art Zäsur. Für den Verband, die Mannschaft, Spieler, aber auch den Trainer.

Bundestrainer Joachim Löw am Freitag in der DFB-Zentrale. Foto: dpa

Und die Nations League wird ohnehin überbewertet? 

Ich bin ein Befürworter der Nations League. Sie ist mir lieber als Testspiele. Aber sie hat nicht den Stellenwert einer WM oder EM.

Nun beginnt die Qualifikation mit dem Spiel gegen die Niederlande in Amsterdam. Wie beurteilen Sie die Gegner?

Holland hat wieder eine sehr gute Mannschaft auf internationalem Niveau. Bei den anderen Mannschaften erwarte ich das, was wir kennen, Weißrussland, Nordirland, Estland werden eher defensiv gegen uns spielen. Mit viel Herz, Ehrgeiz und Motivation. Da kommt das auf uns zu, was wir in der WM-Qualifikation auch erlebt und bis zur WM auch immer gut gemacht haben. Wir haben gegen defensiv eingestellte Mannschaften immer spielerische Lösungen gefunden. Wir haben eine phantastische WM-Qualifikation mit Rekordwerten gespielt, immer Lücken gefunden, weil wir es gut gemacht haben, weil wir schnell mit der notwendigen Dynamik gespielt haben. Bei der WM war das nicht mehr so. Ich halte Ballbesitzfußball weiterhin für wichtig, aber wir haben das in Russland ohne Tempo gespielt. Der Gegner konnte sich immer wieder organisieren. In unserer guten Phase von 2014 bis 2018 konnten sich die Gegner im Spiel nie organisieren, weil wir dynamisch gespielt haben, weil wir schnell waren, schnell im Passspiel, schnell im Denken, schnell in unseren Aktionen und Lösungen. Bei der WM waren wir langsam, das war unser Problem.

Und deshalb setzen Sie jetzt auf die jugendliche Dynamik?

Dynamik hat nicht ausschließlich mit Alter zu tun, aber generell ist das ein entscheidendes Thema für uns. Wir müssen wieder Dynamik und Tempo in unser Spiel bringen.

Vor der WM hatten Sie das Fehlen eines Mittelstürmers wie Miro Klose beklagt. An dieser Situation hat sich nichts geändert. Der fehlt Ihnen immer noch.

Ein Stürmertyp wie Miro Klose fehlt uns schon. Oliver Bierhoff und sein Team haben sich dazu schon viele Gedanken gemacht und denken auch an positionsbezogene Ausbildungen, das sind gute und richtige erste Schritte. Das ist eine generelle Aufgabe, auch der DFB-Akademie. Wir sind und bleiben eine Mannschaft, die Kombinations-Fußball spielt und liebt. In dieser Frage bin ich zu keinen Kompromissen bereit. Es wird auch ohne Klose keinen anderen Spiel-Stil geben. Wir haben jetzt andere Typen, aber das Ideal verkörpert für mich ein Klose. Er war schnell, kopfballstark, er konnte andere Spieler einsetzen, der finale Pass kam oft von ihm. Wir müssen in Deutschland wieder Spieler ausbilden, die in die Zweikämpfe gehen, die Tempo machen, die 1:1 auflösen können. Ein Salah, ein Dembélé, ein Mbappé oder ein Sancho können auf engstem Raum jederzeit für Gefahr sorgen. Die können Lösungen finden in optimaler Zeit, das braucht man heute, weil das Spiel immer schneller und die Zeit immer knapper wird.

Triumphierte jüngst über die Bayern um Mats Hummels (rechts): Mohamed Salah und der FC Liverpool. Foto: dpa


Oliver Bierhoff spricht von der Bolzplatz-Mentalität, die wieder gelehrt werden müsse.

Das stimmt, wir müssen die Kinder wieder spielen lassen, sie müssen Mut haben, ins 1:1 gehen. Das haben wir zuletzt in unserer Ausbildung ein bisschen vernachlässigt. Spiel den Ball, geh ins Dribbling, mach Fehler. Lange war es bei uns so: Spiel den Pass und mach keine Fehler. Wir sind schon in den Jugendspielen zu sehr auf Ergebnisse aus. B-Jugend, Dortmund gegen Schalke, da will jeder unbedingt gewinnen, und manchmal bleiben dann Spieler, die technisch sehr gut sind, draußen, weil körperlich starke Spieler bevorzugt werden. Die individuelle Förderung muss wieder über allem stehen. Da haben wir Defizite, ganz klar.

Also zurück zur Ursprünglichkeit des Fußballs?

Wir müssen uns die Frage stellen, wohin der Fußball geht. 2006 wurden die Italiener mit strukturiertem Defensiv-Fußball Weltmeister. 2010 wäre das nicht mehr gegangen, sie schieden aus, Spanien wurde mit perfektem und technisch hoch versiertem Kombinationsfußball Weltmeister. Wir waren in Südafrika extrem gut im Umschaltspiel. 2014 wurden wir mit einer guten Mischung und Balance Weltmeister. 2018 holten die Franzosen mit einer überragenden Defensive und einer wahnsinnigen individuellen Wucht in der Offensive den Titel. Mbappé, Griezmann, Pogba, das waren die Entscheider. Wir brauchen spiel-intelligente, lösungsorientierte Spieler. Organisation kann jede Mannschaft, jeder Trainer gut, aber wir brauchen Spieler, die auf engen Räumen mit wenig Zeit Lösungen finden. Wo bin ich, wo ist der Gegner, was muss ich machen? Das ist die Zukunft. Wir brauchen Spieler mit schneller Auffassungsgabe. Die kognitiven Fähigkeiten müssen wir schulen, da haben wir noch ganz viel Luft nach oben.

Wie lange werden Sie brauchen, um die jungen Spieler zu entwickeln?

Die jungen Spieler müssen sich jetzt entfalten, dafür brauchen sie auch die Räume, die wir ihnen geben wollen. Gleichzeitig müssen sie die Verantwortung auch übernehmen, wohl wissend, dass sie in diese hineinwachsen müssen. Dazu gehört auch, dass wir ihnen Fehler zugestehen und wiederum Räume geben, sich entfalten zu können. Als Spieler und Persönlichkeit. Das ist ein spannender Prozess. Diese Zeit haben die Weltmeister von 2014 auch gebraucht, als wir sie 2010 ins kalte Wasser geworfen haben. Die Jungen müssen jetzt loslegen, engagiert, mutig, mit Spaß und Freude, ohne das Gefühl zu haben, stets im übergroßen Schatten der Etablierten zu stehen. Das wird den jungen Spielern guttun. Und dann werden wir sehen, wie weit wir im nächsten Jahr sind.

Als Nationaltrainer können Sie Spieler aber nicht so entwickeln wie ein Vereinstrainer. Ist der Vereinstrainer Löw noch vorstellbar?

Es ist für mich die größte Freude, jeden Tag auf dem Platz zu sein und mit der Mannschaft zu arbeiten. Das habe ich schon oft betont. Natürlich weiß ich es genauso zu schätzen, in meiner jetzigen Rolle unabhängig vom Tagesgeschäft den Fußball und Spiele beobachten und analysieren zu können, mich dadurch auch permanent weiterzubilden. Das macht auch Spaß, aber es stimmt schon, dass wir bei der Nationalmannschaft mit Ausnahme der Turniere immer nur relativ kurze zusammenhängende Phasen haben. Mit einer jungen Mannschaft zu trainieren, wie beim Confed-Cup, das war super, jeden Tag mit einer Mannschaft auf dem Trainingsplatz zu stehen – also vorstellbar ist das für mich schon irgendwann mal, aber aktuell beschäftige ich mich nur mit der Nationalmannschaft und der EM-Qualifikation.

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