Absolute Ausnahmen Frauen im "Männerrefugium" Fußball: "Es gibt noch viel zu tun"

Von dpa

Rund 25 Prozent der Fans im Stadion sind mittlerweile weiblich. Foto: imago/Bernd KönigRund 25 Prozent der Fans im Stadion sind mittlerweile weiblich. Foto: imago/Bernd König

Frankfurt. Eine Frau als Präsidentin eines Bundesligaclubs? Ein scheinbar unmögliches Ding – doch warum haben es Frauen im Fußball so schwer?

Bibiana Steinhaus als einzige Bundesliga-Schiedsrichterin. Kathleen Krüger als Teammanagerin bei den Stars des FC Bayern München. Heike Ullrich als Direktorin für den Spielbetrieb und Hannelore Ratzeburg als langjähriges Präsidiumsmitglied beim DFB. Und Sandra Schwedler als Aufsichtsratschefin beim FC St. Pauli. Viel mehr Frauen hat der deutsche Spitzenfußball in exponierten Führungspositionen nicht zu bieten. Von einem "Männlichkeitsrefugium" spricht Katja Kraus, die immer noch als Vorzeige-Managerin herhalten muss – obwohl sie längst nicht mehr im Vorstand des Hamburger SV sitzt. Muss die Quote her?

"Quote – da machen alle gleich den Deckel zu."

"Es gibt diese Quotendiskussion auch in anderen Bereichen schon ewig. Jetzt geht's darum, dass man diese aktuelle Situation verändert. Ob das mit einer Quote geht? Wenn man sagt: Quote – da machen alle gleich den Deckel zu", sagt Ratzeburg. Die 67 Jahre alte Hamburgerin trat schon gegen den Ball, bevor der DFB 1970 das Frauenfußballverbot aufhob. 1977 rückte sie als Referentin für ihren Sport in den Spielausschuss des Deutschen Fußball-Bundes. Da waren die Herren froh, dass sie sich nicht mehr um den "Damenfußball" – wahlweise "Weiberfußball" – kümmern mussten. Wenn Ratzeburg damals bei Sitzungen sprach, konnte es schon vorkommen, dass sie eine provokante Pause einlegte - damit die Kollegen die Zeitung weglegten.

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Bei der Feier nach der Heim-EM 1989, als die deutschen Spielerinnen überraschend triumphierten und sogar das Fernsehen Bilder zeigte, tanzte Ratzeburg mit Verbandsboss Hermann Neuberger. Der Durchbruch des Frauenfußballs ist vor allem durch die Siegprämie bis heute in Erinnerung: ein Kaffeeservice.

"Es gibt viel zu tun"

1995 rückte Ratzeburg als erste Frau in den DFB-Vorstand auf und ist dort bis heute zuständig für – Frauen- und Mädchenfußball. Zum Interview kommt die Funktionärin von einem Workshop des Deutschen Olympischen Sportbundes. Thema: Frauen und Gleichstellung. "Es gibt viel zu tun", sagt Ratzeburg. Immer noch und immer wieder.

Der Profifußball ist längst eine prosperierende Unterhaltungsbranche. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) vermeldete zuletzt einen Rekordumsatz von mehr als 4 Milliarden Euro. In den Führungsetagen der Bundesliga aber sind Frauen kaum vertreten. 201 von 210 Posten in Aufsichtsräten, Präsidien und Vorständen sind nach Angaben der "Welt am Sonntag" von Männern besetzt. Eine der Ausnahmen ist die Trainerin der Frauen-Nationalmannschaft: Martina Voss-Tecklenburg gehört dem Kontrollgremium von Fortuna Düsseldorf an.

Martina Voss-Tecklenburg sitzt im Kontrollgremium von Fortuna Düsseldorf. Foto: imago images / PanoramiC

Dabei haben in deutschen Unternehmen immer mehr Frauen eine Spitzenposition inne, auch wenn die Vorstände börsennotierter Firmen weiterhin von Männern dominiert werden. In den 160 Konzernen aus den Börsenindizes Dax, MDax und SDax arbeiten insgesamt 61 Managerinnen im Vorstand. Das sind elf mehr als vor einem Jahr, wie aus einer Auswertung des Prüfungs- und Beratungsunternehmens EY hervorgeht. Der Frauen-Anteil stieg binnen Jahresfrist damit von 7,3 auf 8,6 Prozent.

Nur Männer agieren als Trainer, Manager oder Präsidenten

Im Spitzenfußball gilt eine Aufsichtsratschefin wie Schwedler beim Zweitligisten FC St. Pauli als ungewöhnlich. Sie berichtet von Veranstaltungen, wo sie "wahlweise für die Freundin, Frau oder Tochter von ... gehalten werde." Begrüßt werde sie öfter so: "Ich weiß nicht, ob Sie dazugehören, aber ich sage einfach mal Hallo."

Trainer, Manager, Präsidenten – für die Öffentlichkeit wird der Bundesliga-Betrieb ausschließlich von Männern auf die Beine gestellt. Auch deshalb ist Bibiana Steinhaus als einzige Unparteiische in einer europäischen Spitzenliga so prominent geworden. Und auch deshalb sticht jemand wie Krüger, die als Teammanagerin beim FC Bayern auch mal im Kamerafeld ist, heraus. Aber natürlich schmückt man sich beim DFB auch gern mit Damen: So durfte die frühere Eislauf-Prinzessin Katarina Witt zuletzt in Berlin den DFB-Pokal präsentieren.

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Immerhin: Beim größten Sportfachverband der Welt gibt es seit einem guten Jahr eine Direktorin Spielbetrieb - zuständig auch für die Männer. Heike Ullrich, "Die Strippenzieherin" ("Frankfurter Rundschau"), ist die mächtigste Frau auf operativer Ebene. "Man sollte bei den Entscheidungsträgern das Bewusstsein schaffen, diese Türen zu öffnen. Gleichzeitig müssen die Kandidatinnen erkennen, dass ihnen tolle Wege offen stehen", sagt die 49-Jährige. Aber das sei "ein langer Prozess".

Keine Frauen in der Geschäftsleitung der DFL

Die DFL mit Christian Seifert an der Spitze ist längst ein modernes und boomendes Wirtschaftsunternehmen und verweist in ihrer GmbH auf eine Frauenquote von 40,9 Prozent. Auf Geschäftsleitungsebene gibt es aber keine Frauen. Auf der Ebene darunter führen Frauen zum Beispiel die Repräsentanz in New York, die Event-Abteilung und die Tochtergesellschaft Liga Travel an.

Imke Wübbenhorst trainiert die Männermannschaft des Fünftligisten BV Cloppenburg. Foto: imago/foto2press

In den Schlagzeilen stehen – meist nur für kurze Zeit – Exotinnen wie Imke Wübbenhorst als Trainerin des (Männer-)Fünftligisten BV Cloppenburg. "Ich hoffe, dass ich nicht nur auf das Thema Mann/Frau reduziert werde, sondern daran gemessen werde, welche Leistung wir bringen", sagt die Sport- und Biologie-Lehrerin. Auf die Frage, ob sie denn nun eine Sirene auf dem Kopf trage, damit die Männer sich noch schnell eine Hose anziehen können, bevor sie in die Kabine komme, reagierte sie mit einem Spruch für die Bestenlisten: "Natürlich nicht. Ich bin Profi. Ich stelle nach Schwanzlänge auf."

Ob Katja Kraus darüber lachen konnte? Die frühere Pressesprecherin von Eintracht Frankfurt war zwischen 2003 und 2011 Vorstandsmitglied beim Hamburger SV und erklärte kürzlich im HR-Fernsehen und im "t-online.de"-Interview mal wieder das "Männlichkeitsrefugium" Bundesliga. "Der Fußball wird immer zu einer Art Geheimwirtschaft erklärt, die sich nur Männern erschließt."

Es gebe "eine Art Versorgungsmentalität für ehemalige Fußballspieler. Von daher ist es schwer, Frauen in die entsprechenden Positionen zu bringen." Außerdem habe das viel mit einem "Arbeitszeitmythos" zu tun, sinngemäß: Den Frauen traue man nicht zu, Familie und eine verantwortliche Position unter einen Hut zu bringen. Dabei sei doch nachgewiesen, dass gemischte Teams bessere Erfolge erzielen. Man könne doch wie in der Wirtschaft eine Quote für Aufsichtsräte und Präsidien festlegen, so Kraus. Das operative Management folge dann mit einer freiwilligen Selbstverpflichtung.

25 Prozent der Fans im Stadion sind weiblich

21 Landesverbandschefs hat der DFB – alles Männer. Nach einer Studie des Antidiskriminierungsnetzwerkes Fare (Football Against Racism in Europe) sind nur 3,7 Prozent der Führungspositionen im europäischen Fußball mit Frauen besetzt. Oft gilt immer noch: Hübsche junge Damen dürfen die Häppchen reichen.

"Ich habe Quote früher immer für überflüssig gehalten. Denn wenn wir in diesem Tempo weitermachen, sind wir erst in 50 Jahren am Ziel", sagt St. Paulis Aufsichtsratschefin Schwedler und verweist darauf, dass inzwischen 25 Prozent der Fans in den Stadien weiblich sind.

Der DFB bemüht sich, die Situation zu ändern – mit seinem Leadership Programm für Frauen (seit 2016), bei dem auch die Landesverbände mitmachen. Zum Beispiel in Niedersachsen, wo es heißt: "Fußball und Frauen sind kein Widerspruch." 149 Frauen haben sich laut Ratzeburg beworben. 24 wurden ausgewählt, jeder Landesverband ist vertreten. "Ganz bewusst, weil diese Frauen wieder Multiplikatorinnen sind. Zum Abschluss haben wir die Landesverbandspräsidenten eingeladen. Der eine oder andere hat gesagt: Da ist ja so viel Energie!"

Laut Generalsekretär Friedrich Curtius sind beim DFB insgesamt 15 Frauen im Hauptamt als Abteilungs- oder Teamleiterinnen tätig. Von den 212 Mitarbeitern seien 89 weiblich. "Vom Männerbetrieb DFB kann daher keine Rede sein", betont Curtius, räumt jedoch ein: "In der Leitungsebene finden sich - wie in einer Vielzahl von Unternehmen und Verbänden - mehrheitlich Männer."

Der Verband arbeite daran, Vielfalt zu fördern. Auch bei der Zusammensetzung neuer Gremien werde darauf geachtet, dass der Frauenanteil wächst. Es brauche eben Vorbilder wie Steinhaus oder Ullrich, die dazu beitragen, dass Frauen im Fußball sichtbarer werden. Planungen, eine Frauenquote einzuführen, gibt es laut Curtius aber nicht. Der Status quo gilt auch für das Ehrenamt an der Basis: 92 Prozent der Posten sind mit Männern besetzt. Beim DFB-Amateurkongress kürzlich in Kassel lautete eine Erkenntnis: "Die erfolgreichsten Vereine sind die, in denen Frauen mitregieren dürfen."


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