Die Fussball-Kolumne Herr Tedesco, das war herzlos!

Udo Muras

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Nach nur 32 Minuten wurde Sebastian Rudy ausgewechselt. Foto: imago/MISNach nur 32 Minuten wurde Sebastian Rudy ausgewechselt. Foto: imago/MIS

Frankfurt. Sebastian Rudy wurde am Wochenende nach nur 32 Minuten ausgewechselt. Udo Muras wirft seinem Trainer Tedesco Herzlosigkeit vor und blickt auf weitere bekannte Profis, die nach einem Vereinswechsel auf der Ersatzbank landeten – oder sogar Wasserkisten für die Stammspieler schleppten.

Haben Sie am Samstag auch so viel Mitleid mit Sebastian Rudy verspürt? Ja? Dann verstehen wir uns. Wird der Immer-noch-Nationalspieler von seinem Schalker Trainer tatsächlich schon nach 32 Minuten ausgewechselt! Und das in München, von wo er im Sommer geflohen war, um der Welt zu beweisen, dass er besser ist als Tolisso. Der immer so eloquent daherredende Herr Tedesco mag ein Fußballlehrer mit Einser-Diplom sein, aber das kann eigentlich nur geklappt haben, wenn das Fach Psychologie sein Streichergebnis war. Zu lang ist die Liste namhafter Spieler, die sowohl der Mannschaft auch als ihm hätten weiterhelfen können, die er verprellt hat.

Es mag fachliche Gründe dafür gegeben haben, die von, meines Erachtens albernen, Statistiken untermauert wurden – er gewann nur einen von drei Zweikämpfen – warum Tedesco Rudy aus dem Spiel genommen hat. Aber es gibt auch fachliche Gründe, die dagegensprechen. Ich habe kein Einser-Diplom, nur ein Herz und Empathie genug um festzustellen: Damit hat der Trainer seinen Wunschspieler für den Rest der Saison verloren. War es das wert? Sebastian Rudy und Schalke – es ist das 16-Millionen-Euro-Missverständnis und ein Protobeispiel für einen Wechselfehler.

Ein Profi im besten Alter, der Nationalspieler ist und sich vom neuen Verein mehr Erfolge erhofft, aber plötzlich nicht mehr funktioniert – das gab es schon oft. Ich rede nicht von denen, die auf ihre alten Tage noch mal zum Geldkassieren vorbeikamen wie einst ein Schnellinger bei Tennis Borussia Berlin oder ein Hrubesch in Dortmund.

Vielmehr denke ich an Weltmeister wie Thomas Berthold, der bei den Bayern nach einem schwachen Jahr ein weiteres auf der Tribüne saß und im Kleinkrieg mit dem Vorstand seine neue Herausforderung suchte. An Thomas Häßler, der in Dortmund auf der Bank landete und Wasserkisten für die Stammspieler schleppte. An Paul Breitner, der in Braunschweig mit seiner direkten Art überraschend keinerlei neue Freundschaften knüpfte. Ich denke an Torschützenkönige wie Uwe Rahn, der auf all seinen Stationen nach Mönchengladbach das Tor nicht mehr annähernd so oft fand wie am Bökelberg, und an Ailton, der auf Schalke seinen Bremer Tagen nachtrauerte und jammerte: „Schalke versteht mich nicht.“

"Schalke versteht mich nicht", sagte Ailton nach seinem Wechsel. Foto: imago/Uwe Kraft


Ich denke an Ballkünstler wie Wolfram Wuttke, der zusammen mit Zweitligatorjäger Dieter Schatzschneider 1983 beim Europacupsieger HSV forschen Worten schwache Taten folgen ließ und sich isolierte. Sogar von einer Mannschaftssitzung wurden sie ausgeschlossen – denn sie waren das Thema.

Und all die, die allen Mahnungen zum Trotz das Abenteuer Bayern München wagten, um doch zu scheitern – darunter gestandene Kicker wie ein Torsten Frings, ein Tim Borowski oder ein Andy Herzog, die schon nach einem Jahr nach Bremen zurückkehrten.

All den genannten Beispielen, denen Dutzende hinzuzufügen wären, ist eines gemein: Die Kandidaten erkannten alsbald, dass sie sich verwechselt hatten, und retteten mit einem Abgang ihre Karriere. Sich einen Fehler einzugestehen ist keine Schande. Ihn zu erkennen, aber nicht zu korrigieren, eine Dummheit. Sebastian Rudy sollte auch gehen, er ist ja keine 18 mehr, wie wir seit Samstag dank Schalke-Manager Heidel wissen.

Nein, er ist der Mann, der bei seinem einzigen WM-Einsatz bis zu seiner Verletzung so gut spielte, dass er sich zu den Gewinnern des Russland-Fiaskos zählen darf, und von dem mancher sagte: Mit Rudy wär das nicht passiert! Er ist viel zu bescheiden, um das selbst zu sagen, aber er war spätestens nach der WM selbstbewusst genug, sich fortan an jedem verdammten Spieltag auf dem Platz zu sehen. Da das nirgends schwieriger als bei den Bayern ist, tat er das einzig Richtige und wechselte. Bloß zum falschen Verein.


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