Deutsche Drama-Queen im englischen Regen Vergangene Begegnungen zwischen Bundesliga und Premier League

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Die Trutzburg des FC Liverpool: Bayern-Torwart Walter Junghans vor der Kulisse der Anfield Road (1981). Foto: RauchensteinerDie Trutzburg des FC Liverpool: Bayern-Torwart Walter Junghans vor der Kulisse der Anfield Road (1981). Foto: Rauchensteiner

Osnabrück. Drei Bundesliga-Vereine müssen im Achtelfinale der Champions League gegen englische Mannschaften aufs Feld. Einige Begegnungen mit der Premier League in der Vergangenheit sind unvergessen: ein Losentscheid, spannende Elfmeterschießen und seltene Triumphe sorgten für Gesprächsstoff.

Turf Moor – das klang nach Nebel und Gefahr, so hießen dubiose Lokale in den Edgar-Wallace-Filmen. Und das Stadion des FC Burnley trug diesen Namen, dort gingen die deutschen Feierabendfußballer des Hamburger SV am 1. März 1961 gegen die englischen Vollprofis unter. Mit dem 1:3 waren sie noch gut bedient in diesem Viertelfinal-Hinspiel des Europapokals der Landesmeister – aber sie glaubten an ihre Chance.

„Sie spielen nicht nur für sich, sondern für das gesamte Fußball-Deutschland!“, spornte das „Sport-Magazin“ den HSV vor dem Rückspiel an. Bis einen Tag vor dem Spiel war offen, ob das Fernsehen – es gab nur ein Programm – übertragen würde, obwohl das Volksparkstadion schon lange ausverkauft war. Am Ende wurde live gesendet – und die zweite Halbzeit im Abendprogramm wiederholt. 

„Wir wollen Flutlicht!“

75 000 Menschen strömten ab dem frühen Nachmittag in die gewaltige Betonschüssel in Bahrenfeld – am 15. März 1961, einem ganz normalen Mittwoch. Das größte Stadion der Stadt hatte alles, nur kein Flutlicht; die Partie wurde um 16.30 Uhr angepfiffen. Einige Zuschauer zeigten Transparente: „Wir wollen Flutlicht!“

Ein Ärgernis für alle, die zu dieser Zeit arbeiten mussten. So groß war der öffentliche Druck, dass etliche Firmen – nicht nur in Hamburg – ihre Mitarbeiter früher in den Feierabend ließen.

In den Kieler Howaldtwerken dagegen forderten Tausende Werftarbeiter die Direktoren vergeblich auf, sie früher gehen zu lassen. Sie schimpften und drohten; schließlich verweigerten sie den Gehorsam und legten die Arbeit eine Stunde vor dem Feierabend nieder.

Eines der besten Spiele des HSV

Es lohnte sich, denn der HSV gewann in einem der besten Spiele seiner Geschichte mit 4:1 und zog ins Halbfinale ein.

Zum 2:0 trifft Uwe Seeler. Foto: imago/ Horstmüller


 Uwe Seeler, „Charly“ Dörfel und Co. wurden von begeisterten Zuschauern, die nach dem Schlusspfiff den Platz stürmten, auf den Schultern in die Kabinen getragen.

Es war der erste große Triumph eines deutschen Vereins gegen einen Club aus dem Mutterland des Fußballs im Europapokal – es folgten denkwürdige weitere, doch die meisten gewannen die Engländer: Von 90 K.o.-Duellen in Hin- und Rückspiel entschieden sie 57 für sich, in zehn Finals siegten nur zweimal deutsche Clubs.

Brutale Fouls

Der 2:0-Sieg des FC Bayern München im Finale des Landesmeisterwettbewerbs 1975 gegen Leeds United wurde überschattet von den Ausschreitungen englischer Hooligans im Pariser Prinzenpark und den brutalen Fouls auf dem Rasen. Björn Andersson und später auch Uli Hoeneß mussten deshalb ihre Karriere beenden.


Einen Schien- und Wadenbeinbruch erleidet Björn Andersson in Paris. Foto: imago/Fred Joch


Neun Jahre zuvor hatte erstmals überhaupt eine deutsche Mannschaft einen Europapokal gewonnen – als Außenseiter trat Borussia Dortmund in Glasgows Hampdenpark gegen den FC Liverpool. Und obwohl der BVB im Halbfinale Titelverteidiger West Ham United ausgeschaltet hatte, tönte LFC-Manager Bill Shankly: „Wir sind unschlagbar! Morgen holen wir uns den Cup der Pokalsieger und in einem Jahr den der Meister.“

Spontane Siegesfeier

Doch in der Verlängerung traf Reinhard Libuda mit einer sagenhaften Bogenlampe aus über 35 Metern. In ihrem einsamen Hotel an der schottischen Küste gab es kaum noch Sekt oder Bier für die spontane Siegesfeier, doch am nächsten Tagen jubelten 300.000 Menschen den Schwarz-Gelben zu.

Oft waren die deutschen Vereine nahe dran – so, wie Borussia Mönchengladbach in den UEFA-Cup-Endspielen 1973. Das Hinspiel in Liverpool wurde nach einer halben Stunde beim Stand von 0:0 wegen heftiger Regenfälle abgebrochen.

Und dann 24 Stunden später wiederholt. Die Borussia ging mit 0:3 ein, doch zwei Wochen später führte sie zur Pause durch zwei Tore von Jupp Heynckes mit 2:0, war bis zuletzt dem dritten Treffer nahe, doch der Sturmlauf war vergeblich.

Rotz und Wasser geheult

So blieb die Borussia ihrem Ruf als Drama Queen des deutschen Fußballs treu. Schon im November 1970 hatte die Fußball-Nation mit Günter Netzer und Co. getrauert, als die Gladbacher im Goodison Park beim FC Everton das verregnete Achtelfinal-Rückspiel im ersten Elfmeterschießen der Landesmeisterpokal-Geschichte verloren; selbst Torwart Wolfgang Kleff, der das Spiel seines Lebens gemacht und das 1:1 gerettet hatte, war machtlos, und „Luggi“ Müller heulte Rotz und Wasser, als er den entscheidenden Ball verschossen hatte.

Kein Treffer: Luggi Müller verschießt den entscheidenden elf Meter gegen Torwart Andy Rankin. Foto: imago/Horstmüller


Eingeführt hatte die UEFA das Elfmeterschießen auch, um Szenen wie die vom 24. März 1965 zu vermeiden. Der 1. FC Köln hatte nach einem 0:0 im Hinspiel (das wegen eines Schneesturms abgesagt wurde und einen Tag später stattfand) und einem 0:0 in Müngersdorf dem FC Liverpool ein drittes Spiel abgetrotzt. In Rotterdam machte der FC aus einem 0:2 ein 2:2 und hielt in der Verlängerung stand; allen voran Verteidiger Wolfgang Weber, der mit gebrochenem Wadenbein durchhielt.

Entscheidung durch Los

Die Entscheidung nach 300 Minuten fiel durch ein rot-weißes Holzplättchen: Der belgische Schiedsrichter Robert Schaut benutzte es zum vorgeschriebenen Losentscheid, doch offenbar hatte der große Fußball-Manitou etwas dagegen, ein großes Duell durch einen derart unwürdigen Akt des Zufalls zu beenden – das Plättchen blieb senkrecht im Morast stecken. Beim zweiten Versuch lag die rote Seite oben – Liverpool war im Halbfinale.

274 Europapokalspiele führten die beiden Länder seit 1956 zusammen – oft genug standen die Deutschen am Ende im englischen Regen. So, wie der FC Bayern im „Finale dahoam“ nach der unverdienten Niederlage gegen Chelsea. 

Verschossener Elfmeter: Bastian Schweinsteiger ärgert sich im "Finale dahoam" über seine vergebene Chance. Foto: imago/ Annegret Hilse


Oder nach der Last-Minute-Niederlage in Barcelona gegen ManU, oder wie der VfB Stuttgart nach dem verhängnisvollen Wechselfehler von Trainer Christoph Daum, der den sicher geglaubten Erfolg gegen Leeds United verhinderte oder das unfassbare 3:4 des schon siegessicheren BVB 2016 an der Anfield Road.

Das legendäre Stadion des FC Liverpool, in dem der FC Bayern am Dienstag nächster Woche antritt, ist bis heute die Trutzburg des englischen Fußballs: An der Anfield Road hat noch kein deutscher Verein gewonnen.


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