Kommerzialisierung des Fußballs Sportmoderator Potofski: "Ja, ich bin der Böse"

Stephan Sonntag

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Moderator Ulli Potofski prägt seit Jahrzehnten den Fußball im Fernsehen. Foto: imago/eibnerModerator Ulli Potofski prägt seit Jahrzehnten den Fußball im Fernsehen. Foto: imago/eibner

Heilbronn. Ulli Potofski ist nach wie vor auf den Fußballplätzen zuhause, auch wenn er das Stadion seiner Heimatstadt Gelsenkirchen lange nicht mehr besucht hat. Im Interview hat Potofski über seine Erinnerungen an Rudi Assauer, die Aussichten der deutschen Clubs in der Champions League und seine persönliche Verantwortung für die Kommerzialisierung des Fußballs gesprochen.

Vergangene Woche ist Rudi Assauer gestorben. Als gebürtiger Gelsenkirchener und bekennender Schalke-Fan – wie war Ihr Verhältnis zum früheren S04-Manager?

Wir kannten uns mehr als 40 Jahre und haben viel zusammen erlebt. Besonders intensiv war die Phase während der vier Jahre, in denen ich „Auf Schalke“ im DSF moderiert habe. Da waren wir jede zweite Woche gemeinsam auf Sendung.

Erinnern Sie sich an eine besondere Gegebenheit?

Ich bin mal mit ihm um die Arena herumgelaufen. Da gibt es eine weiße Beleuchtung, die Rudi aus eigener Tasche für 250 000 Euro bezahlt hat, weil die nicht mehr im Budget für den Stadionbau vorgesehen war. Das war typisch für ihn, für seine Liebe hat er alles getan.

Hatten Sie nach seiner Alzheimer-Erkrankung noch Kontakt mit ihm?

Ja, ich habe ihn noch zwei-, dreimal getroffen. Das war aber einfach nur traurig. Da saß nur noch eine leere Seele vor mir, er wusste gar nichts mehr und hat niemanden mehr erkannt.

Den Schalkern stehen gemeinsam mit Borussia Dortmund und Bayern München deutsch-englische Wochen in der Champions League bevor. Welche deutschen Clubs schaffen den Sprung ins Viertelfinale?

66 Prozent werden es schaffen. Leider wird ausgerechnet mein Verein ausscheiden. Die Qualität des Kaders reicht nicht aus, ManCity ist eindeutig eine Nummer zu groß. Bayern und der BVB haben aus meiner Sicht gute Chancen.

Werden Sie für Sky im Einsatz sein?

Nein, die Champions League mache ich schon lange nicht mehr. Ich arbeite noch zwei Jahre bei Sky mit leicht abfallender Tendenz. In meinem Leben habe ich alles gemacht, vom WM- bis zum Champions-League-Endspiel, jetzt müssen die jungen Leute ran.

Wie sind Sie als junger Mensch zum Sportkommentator geworden?

Alles fing mit dem VfB Stuttgart an. Meine erste Probereportage für den WDR war ein Spiel des VfB in Köln. Der FC gewann durch zwei Tore von Wolfgang Overath mit 2:1 (hier trügt Potofskis Erinnerung, die Torschützen am 22. April 1978 hießen Flohe und Okudera, Anm. d. Red.) Eine Woche später wurde mein zweiter Beitrag bereits im Radio gesendet. So funktioniert das heutzutage nicht mehr.

Lange Karriere: 1988 interviewte Ulli Potofski (links) Günther Netzer. Foto: imago sportfotodienst

Damals gab es die Bundesliga noch frei Haus. Heute muss der Fernsehzuschauer reichlich bezahlen.

Das Sky-Angebot ist gut und nicht zu teuer. Fußball ist Kommerz geworden und aus meiner Sicht als Bürger – nicht als Sky-Mitarbeiter – haben die öffentlich-rechtlichen Sender nicht die Berechtigung, um die Champions-League-Rechte mitzubieten. Es ist nicht die Aufgabe von ARD und ZDF, Proficlubs wie Real Madrid oder Juventus Turin auf Kosten anderer Sportarten oder politischer Magazine zu subventionieren.

Dass Fußball Kommerz geworden ist, daran haben Sie ja Ihren Anteil.

Ja, ich bin der Böse (grinst). Ich war 1988 als Sportchef bei RTL der Erste, der die Bundesligarechte für 135 Millionen D-Mark gekauft hat. Das war zwar ein Quantensprung, die wahre Kommerzialisierung setzte aber erst danach ein. Das haben wir alle damals nicht kommen sehen.

Wie kam es zu dem Coup?

RTL war damals ein junges Unternehmen und wollte Relevanz erlangen. Das ist heute ja nicht anders. Mit jedem Qualifikationsspiel der Nationalmannschaft macht RTL 1,5 Millionen Euro Miese. Wir sind damals auch maximal plus minus null da raus gegangen.

Sie haben damit begonnen, Fußball als Entertainment zu begreifen, was dann später von den „Ran“-Kollegen bei Sat.1 aufgegriffen wurde.

Ja, die haben das dann perfektioniert. Wir haben damals als junger Sender und ich als junger Mensch natürlich vieles ausprobiert. Entgegen der Meinung vieler Kritiker, die über zu viel Fußball im Fernsehen klagten, habe ich immer gesagt, dass die Wertigkeit des Fußballs mit immer mehr Übertragungen weiter steigt. Erst die Privatisierung der Fernsehrechte hat die Kommerzialisierung des Fußballs ermöglicht.

Hat die Kommerzialisierung Ihren Blick auf den Fußball verändert?

Ja, absolut. Ich nehme vieles nicht mehr ernst, worüber sich auch schon mal einige Trainer aufregen. Das ganze Taktische ist aus meiner Sicht völlig überhöht. Fußball ist dann schön, wenn jegliche Taktik aufgegeben und nicht jeder Pass am Reißbrett vorgegeben wird. Wenn ich heute meine Prioritätenliste anschaue, dann steht Fußball nur noch auf Rang sechs oder sieben.

Nehmen Sie den Profi-Fußball als abgehoben wahr?

Ja, gelegentlich schon. Es ist alles gespült. Früher bei RTL haben wir Halbzeitinterviews im Spielertunnel gemacht, das ist heute undenkbar. Auf dem Gebiet würde ich den Verantwortlichen wirklich empfehlen, über den eingeschlagenen Weg nachzudenken.

Auf dem Gebiet würde ich den Verantwortlichen wirklich empfehlen, über den eingeschlagenen Weg nachzudenken.Ulli Potofski

Haben Sie damit begonnen, Kinderbücher zu schreiben, in denen der Fußball eine große Rolle spielt, um sich selbst den kindlichen Blick auf den Sport zu bewahren?

Absolut. Ich bin auf dem Sektor immer selbst Kind geblieben und sehr froh darüber. Was mich traurig macht, ist, dass die Kinder immer weniger lesen. Das hört sich zwar etwas pastoral an, aber das ist ein gesellschaftliches Problem.

Und in welchem Fußballstadion wird der Autor und Rentner Potofski künftig anzutreffen sein? Auf Schalke?

Ich war ewig nicht mehr dort. Privat bin ich auch gar nicht mehr so wild drauf, ins Stadion zu gehen. Aber wenn, dann in meiner Heimatstadt. Mit Herz und Seele, aber ohne jeglichen Fanatismus.

Zur Person

Der gebürtige Gelsenkirchener Ulrich „Ulli“ Potofski hat Koch gelernt und vom Schlagersänger bis zum Tänzer in der RTL-Sendung „Let’s Dance“ fast alles in seinem Leben ausprobiert. Von 1984 bis 1992 war der heute 66-Jährige Sportchef bei RTL. 2004 veröffentlichte er das erste von bisher sieben Kinderbüchern, ein Krimi und ein Roman sind in Arbeit. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Nadja lebt Potofski in der Voreifel bei Aachen. 



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