Vor dem Finale der Asienmeisterschaft Katars Fußballer kämpfen um Titel und gegen Widerstand

Ronny Blaschke

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Die katarische Mannschaft steht im Finale der Asienmeisterschaft. Foto: imago/AFLOSPORTDie katarische Mannschaft steht im Finale der Asienmeisterschaft. Foto: imago/AFLOSPORT

Abu Dhabi. Die Fußball-Nationalmannschaft von Katar steht im Finale der Asienmeisterschaft. Der Emporkömmling hat in der internationalen Sportszene nicht viele Freunde. Der Fußball bildet da keine Ausnahme.

Félix Sánchez Bas sitzt kerzengerade auf dem Podium, stützt seine Arme auf den Tisch, wie ein Schüler vor einer wichtigen Prüfung. Wenn der Trainer des katarischen Nationalteams eine Frage auf der Pressekonferenz nicht verstanden hat, lässt er sie sich noch einmal übersetzen. Kein Zögern, kein Wort der Genugtuung. Seine Mannschaft spielte bei der Asienmeisterschaft ohne die Unterstützung eigener Fans und Familien. Zuletzt beim 4:0 im Halbfinale gegen den Gastgeber, die Vereinigten Arabischen Emirate, warfen Zuschauer Flaschen und Schuhe auf den Rasen, ein Zeichen tiefer Abneigung. Die Emirate unterstützen die 2017 verhängte Handelsblockade Saudi-Arabiens gegen Katar. Doch Félix Sánchez Bas wiederholt seit Wochen Sätze wie: „Wir konzentrieren uns nur auf den Sport.“

Katars Trainer Felix Sanchez will sich nur auf den Sport konzentrieren. Foto: AFP


Im März 1970 bestritt die katarische Nationalmannschaft ihr erstes Länderspiel. Fast fünfzig Jahres später streift sie nun erstmals ihre Statistenrolle bei einem großen Wettbewerb ab. Nach sechs Siegen in sechs Spielen beim Asien-Cup, mit einer Torbilanz von 16:0, trifft sie an diesem Freitag im Finale in Abu-Dhabi auf Japan. Immer mehr Medien außerhalb Asiens interessieren sich für diesen Aufstieg, doch Félix Sánchez Bas sagt: „Für uns sind diese Leistungen keine Überraschung. Wir haben dafür Jahre lang hart gearbeitet, wir sind als Gemeinschaft gewachsen.“

Fast wöchentlich reisen Jugendliche zum Training nach Katar

Félix Sánchez Bas, 43, begann seine Laufbahn mit Anfang zwanzig als Jugendtrainer beim FC Barcelona. 2006 wechselte er in die „Aspire Academy“ in Doha, in eines der weltweit größten Trainingszentren für Spitzensport. Die 2004 eröffnete Akademie ist das Zentrum für die vielleicht größte Talentsichtung der Fußballgeschichte. Hunderttausende Jugendliche wurden in dutzenden Ländern auf drei Kontinenten beobachtet. Die Vergabe der WM 2022 im Jahr 2010 intensivierte den Austausch mit Wissenschaftlern und Akademien in Europa. Fast wöchentlich reisen Jugendteams zu Testspielen und Trainingslagern nach Katar.

Sánchez übernahm 2013 die U19-Auswahl Katars, und führte sie ein Jahr später zum Gewinn der Asienmeisterschaft. So lernte er in der Akademie auch jene Spieler kennen, die aktuell das Gerüst des A-Nationalteams bilden. Seit 2017 betreut er die Auswahl, die ein Durchschnittsalter von 24 Jahren hat. Etliche der 23 Spieler im Kader haben durch ihre Vorfahren Wurzeln in anderen Ländern, doch nur vier wurden nicht in Katar geboren, darunter Verteidiger Ró-Ró, der aus Portugal stammt, oder der Mittelfeldspieler Karim Boudiaf, aufgewachsen in Frankreich. 

Protest aus den Emiraten

Zwei andere Spieler lösten in den vergangenen Tagen Gerüchte aus, die am Donnertag in einen offiziellen Protest des Gastgebers mündeten. Der Fußballverband der Emirate verlangte den Auschluss Katars. Er behauptet, dass Almoez Ali, 22. geboren in Sudan, und Bassam Al Rawi, 21, geboren im Irak, nicht für Katar spielberechtigt sind. Beide Spieler behaupten, dass ihre Mütter in Katar geboren seien. Die Fifa erlaubt Spielern den Einsatz für ein neues Land, wenn sie selbst dort geboren wurden, oder aber ein Teil der Eltern beziehungsweise Großeltern. Sollte nichts zutreffen, müssen die Spieler nach ihrem 18. Geburtstag fünf Jahre in dem Land wohnen. Ali und Al Rawi sind noch keine 23. Der Verband der Emirate will sogar beweisen können, dass die Mutter Al Rawis in Bagdad geboren wurde. 

„Ich bin überhaupt nicht besorgt“, sagte Félix Sánchez Bas zu den Vorwürfen, die der Asiatische Fußballverband AFC nun untersucht. In sozialen Medien wunderten sich Nutzer, warum die Emirate erst jetzt an die Öffentlichkeit gehen, einen Tag vor dem Finale. Sie deuteten das als erneute Schikane, nachdem tausende Tickets für das Halbfinale von der Sportbehörde in Abu Dhabi ausschließlich an Staatsbürger der Emirate kostenfrei verteilt wurden.

An der Herkunft von Bassam Al Rawi zweifeln die Vereinigten Arabischen Emirate. Foto: AFP/ Khaled DESOUKI

Wieder sorgt das Thema Einbürgerung für Konfliktstoff. Lange hatten vor allem traditionelle Fußballmärkte in Europa misstrauisch auf Katar geblickt. Von den bislang vier Medaillengewinnern bei Olympischen Sommerspielen wuchsen zwei außerhalb des Landes auf. Besonders in der Kritik stand die Handball-WM 2015 in Katar: Der Gastgeber gewann Silber mit vielen eingebürgerten Spielern, die zuvor kaum Verbindungen mit dem Land gehabt hatten und teilweise schon für andere Nationen aktiv waren. Die Fifa jedoch hat strengere Einbürgerungsregeln. 2004 stand zur Debatte, den Brasilianer Ailton nach Doha zu holen, der Plan wurde verworfen. 

Verband will heimische Talente stärken

Womöglich auch wegen dieser Kritik aus Europa betonen Funktionäre aus Katar, dass man die heimischen Talente stärken wolle. Doch das Nationalteam repräsentiert die katarische Gesellschaft kaum. Von den 2,5 Millionen Einwohnern haben nur etwa zehn Prozent einen katarischen Pass, bei der großen Mehrheit handelt es sich um Arbeitsmigranten aus Indien, Pakistan oder Nepal. Sie bauen unter harten Bedingungen die WM-Stadien, sind aber für den geplanten Boom sonst weniger von Interesse. Einwanderer müssen 25 Jahre in Katar gelebt haben, um sich für eine Staatsbürgerschaft bewerben zu können, schreibt der Politikwissenschaftler Danyel Reiche von der Amerikanischen Universität Beirut in einem Aufsatz. Selbst wenn Kinder der Migranten durch Fußball das Interesse des Staates wecken: sie erhalten meist vorübergehende Dokumente mit Einschränkungen. Der Zugang zu Förderungen bleibt limitiert

Der Erfolg bei der Asienmeisterschaft dürfte nun die Aufmerksamkeit europäischer Spielerberater nach Katar lenken. Bislang war KAS Eupen eine der wichtigsten Ausbildungsstätten außerhalb des Emirats. 2012 hatten katarische Investoren den Verein gekauft, 2016 stieg er in die erste belgische Liga auf. Die Aspire Academy schickte bislang 19 Spieler nach Eupen. „Sie sollen sich dort mit dem hohen Niveau in Europa vertraut machen“, sagt Ali Al Salat, Sprecher des katarischen Fußballverbandes. „Das soll auch in Zukunft so sein.“ Von den aktuellen Nationalspielern haben sieben in Eupen Erfahrungen gesammelt.

Katar braucht eine Sportkultur

Nach anderthalb Jahrzehnten produzieren die teuren Spitzensportstrukturen die ersten sichtbaren Ergebnisse. Aber reicht das? „Wenn Katar langfristig Erfolg haben will, braucht das Land eine Sportkultur“, sagt der Wissenschaftler Danyel Reiche. Lokale Vereine, Breitensportgruppen oder ungezwungen Straßenspiele gibt es selten. Laut einer Studie des Nationalen Olympischen Komitees sind nur 15 Prozent der katarischen Frauen sportlich aktiv, aber so gut wie nie in Teamsportarten, auch nicht im Fußball. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO haben mehr als dreißig Prozent der Katarer Übergewicht.

Der Sender Al Jazeera hat zuletzt immer wieder Bilder von Zuschauern gezeigt, die in Doha die Tore ihres Teams bejubeln. Sie durften nicht in die Emirate reisen. Aber wird sich diese Stimmung auf den Alltag übertragen? Die erste Liga lockt nur wenige tausend Zuschauer an und gilt als Paradies für angehende Ruheständler, früher für Pep Guardiola, Stefen Effenberg oder Rául, zurzeit für Xavi und Gabi. „Die Hoffnungen in unserem Land wachsen“, sagt Ali Afif, seit 2006 Nationalspieler für Katar. „Aber das ist erst der Anfang eines langen Weges.“


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