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29.01.2019, 15:25 Uhr KOLUMNE

Liebe Videoschiedsrichter, Fußball ist doch kein Weitsprung!

Von Udo Muras


Blick in den Kasten statt auf das Spielfeld: Schiedsrichter Bastian Dankert überprüft eine Entscheidung per Videobeweis. Foto: dpa/Sven HoppeBlick in den Kasten statt auf das Spielfeld: Schiedsrichter Bastian Dankert überprüft eine Entscheidung per Videobeweis. Foto: dpa/Sven Hoppe

Frankfurt. Immer dieser Videobeweis. Am Wochenende sorgte er in der Fußball-Bundesliga wieder einmal für Diskussionsstoff. Auch unser Kolumnist hat sich dem Thema noch einmal genähert – bis zur kalibrierten Linie.

Die Handball-WM ist zu Ende und damit wohl auch bald schon die Debatte, was der Fußball von diesem rasanten Sport lernen könnte. Und ob er seine Vorrangstellung eines Tages einbüßen werde. Ich sage: Möglich, er arbeitet dran.

Aber das liegt nicht am Handball. Und es liegt nicht nur an der Kommerzialisierung und dem zügellosen Veranstaltungswahn von FIFA und UEFA. Das lässt der Fan alles noch mit sich machen, wenn er auch grummelt und sich organisiert. Im Übrigen gibt es ja nicht nur die deutsche Perspektive. Nein, es geht um die technische Entwicklung, die nur zu noch mehr Verwicklungen führt und dazu, dass aus einem einfachen, einst für alle Menschen verständlichen Spiel eine Geheimwissenschaft wird. Sie bedroht das Erfolgsgeheimnis des „Spiels der Welt“, wie man den Fußball adelte. Geschimpft wurde immer. Handspiel und Abseitsregeln werden seit Anbeginn des Fußballs diskutiert, da gibt es ein ewiges Pro und Kontra. Das lässt das Spiel über den Abpfiff hinaus leben.

Abseits oder kein Abseits? Der Videoschiedsrichter überprüft, die Fans im Stadion werden informiert. Foto: imago/Michael Weber


Gut so. Was aber am Wochenende wieder in der Bundesliga passierte, stärkt all jene, die den Geist schleunigst wieder in die Flasche stecken wollen, aus der er vor eineinhalb Jahren entfleucht ist. Sie ahnen schon, es geht um den Videobeweis, den eine im Dunklen wirkende Schar von sogenannten Videoassistenten zu erbringen versucht. Dabei stoßen sie, wie der „Kicker“ so treffend titelte, an die „Grenzen der Gerechtigkeit“ – und auf geballte Ablehnung. In einer Umfrage des Fachmagazins gestanden 68,3 Prozent der Teilnehmer, dass der Videobeweis ihnen den Spaß am Fußball nehme. So weit ist es bei mir noch nicht. Und natürlich fiebern auch die Technik-verdrossenen weiterhin auf die nächsten Spiele einer endlich mal wieder an allen Enden spannenden Saison hin. Aber was Mist ist, muss auch benannt werden. Der größte Mist ist die fehlende Transparenz.

Eine Fußspitze im Abseits

Bei den meisten korrigierten oder überprüften Entscheidungen weiß der Stadionbesucher gar nicht, was los ist. Weshalb er mittelfristig zu den Sofa-Guckern überlaufen wird. Das prophezeie ich der Bundesliga hiermit feierlich, und es sollte ihr Sorgen bereiten, denn ein Pay-TV-Abo ist allemal günstiger als eine Dauerkarte.

Auf dem Sofa darf aber auch oft genug gerätselt und geschimpft werden. Etwa darüber, warum das Nürnberger Tor in Mainz nicht zählte. Es war, wie wir durch unbestechliche kalibrierte Linien scheinbar bewiesen bekamen, also eine Fußspitze Abseits. Das hat im Stadion kein Mensch gesehen, und was man im Fernsehen sah, ist grotesk. Fußball ist doch kein Weitsprung! Dass es manchmal um Sekunden geht, sehe ich ja ein – aber um Millimeter darf es nie gehen. Wenn das Linienziehen konsequent durchgezogen wird, gibt es nie mehr „gleiche Höhe“, auf den Tausendstelmillimeter gleich werden Verteidiger und Stürmer mit Körperteilen, die Tore erzielen oder verhindern können, nie stehen können. Da verkommt mir das Spiel zum e-sport, und die Bundesliga wird zur Play Station.

Die Damen und Herren Landvermesser

Und wenn die Damen und Herren Landvermesser da minutenlang am Werke sind, um eine absolut unklare Fehlentscheidung zu berichtigen, wird man sich fragen dürfen, warum sie nicht einschreiten, wenn der Verteidiger den Ball zur Ecke schießt, es aber Abstoß gibt? Passiert in fast jedem Spiel, wird von den Kameras auch erbarmungslos aufgelöst, ist viel klarer falsch und hätte doch auch ein Tor geben können, oder? Klare Fehlentscheidung korrigieren – aber nicht immer, damit es nicht so viele Unterbrechungen gibt. Das ist nur ein bisschen Gerechtigkeit.  

Sie sehen, ich bin sauer.

Das war ich übrigens in einem Punkt schon vor dem VAR. Denn die Abseitsregel hat ohnehin ihre Schwächen. Bleiben wir bei unserem Beispiel: Wäre der Mainzer Verteidiger einen Schritt näher vor dem Tor gewesen wie Nürnbergs Zrelak, wäre der Treffer trotzdem gefallen, da dieser ja näher zum Flankenball stand. Überhaupt: wenn ein Verteidiger an der Eckfahne steht oder liegt, zählt das Tor eines im Strafraum freilaufenden Stürmers, obwohl er es niemals hätte verhindern können. Hauptsache, es lässt sich eine gerade Linie ziehen. Die Verantwortlichen müssen aufpassen, dass sie mit ihren geraden Linien nicht die rote überschreiten, hinter der die Geduld der Fans endet.


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